WM-Tagebuch 1: Mexiko

Die heiß diskutierte Mauer zwischen den USA und Mexiko kommt ja nur sehr langsam voran – umso fortgeschrittener schien die Mauer gestern frühabends in den Köpfen der deutschen Mannschaft gewesen zu sein. Eine sehr stabile Barriere trennte jedenfalls Sein und Schein und führte zu permanenter Selbstüberschätzung samt gefährlicher Geringschätzung des Gegners aus Mexiko.

Schon in den ersten Minuten wurde deutlich, dass die Mittelamerikaner über einen feinen, schnellen Angriff verfügten. Aber wozu ist man Weltmeister, schien unsere Nationalmannschaft zu denken: Die paar wendigen Spieler werden unserem hohen deutschen Spielniveau auf Dauer nicht gefährlich werden können. Wenn Deutschland erst richtig aufdreht, werden die wahren Verhältnisse sichtbar werden.

Das Problem war nur, dass Deutschland über 90 Minuten hinweg nicht aufdrehte, dazu auch nicht in der Lage schien, mindestens nicht in der gewählten Formation, und derart auf- und eingestellt keine gute Rolle im Turnier spielen wird. Was die Nationalmannschaft auf den Rasen zu bringen versuchte, wirkte meist altbacken, träge und uninspiriert – und zwar in Fortsetzung der jüngsten Testspiele, so dass niemand sagen kann, man hätte das keinesfalls kommen sehen können.

Wie konnte es trotzdem dazu kommen? Zu viel Vorschusslorbeeren plus Selbstbeweihräucherung à la „Die Mannschaft“ samt einer stromlinienförmigen Teambildung, in der die kantigen Typen bzw. die Charakterköpfe fehlen, führten zu einer sterilen Keiner-kann-uns-was-Mentalität, der jede kreative Selbstkritik abgeht. Die Folge war die verdiente Niederlage gegen Mexiko – jetzt heißt es schnellstens aufräumen und jeden Stein dreimal umdrehen. Sonst droht das frühe Aus.

Mit der Einwechslung von Reus kam immerhin mehr Leben in die Mannschaft. Gegen die fast mit Händen zu greifende Lustlosigkeit von Özil und den planlosen Übereifer von Draxler konnte aber auch Reus nichts ausrichten, zu schweigen von Hummels und Boateng, die ihre besten Jahre hinter sich zu haben scheinen. Jogi Löw muss daher nicht mehr und nicht weniger als das Rückgrat seines Teams umfassend erneuern und Rudy für Khedira, Süle für Hummels aufstellen und im Mittelfeld Reus, Goretzka und Gündogan spielen lassen.

Da er zu einem derart radikalen Schnitt jedoch nicht greifen wird, der ja auch nahelegen würde, dass er sich als Bundestrainer zuvor grundsätzlich geirrt hat, wird es gegen Schweden zu kosmetischen Änderungen kommen – in der Hoffnung, dass die alte Rechnung doch noch aufgeht und sich die Mannschaft ins Turnier irgendwie hineinkämpft: ein gefährlicher Plan, der wie der gesamte Auftritt der deutschen Nationalmannschaft ein bisschen an die Spätphase von Gisdol in Hoffenheim erinnert, wo Selbstüberschätzung, Halsstarrigkeit und die daraus resultierenden Fehlentscheidungen zu einer Gesamtlähmung führten, die fast in den Abstieg geführt hätte.

Nun gibt es Stimmen, die sagen, dass angesichts der politischen Verhältnisse in Russland nichts Besseres passieren könnte, als früh aus der WM auszuscheiden. So richtig es ist, dass Russland und Putin die WM benutzen, um ihre vielen, nur kurz zurückliegenden Untaten glanzvoll zu kaschieren, so zynisch ist eine solche Aussage gegenüber den Fans, die mit der deutschen Mannschaft mitfiebern. Ihnen ist zu wünschen, dass Jogi Löw aus der Sackgasse herausfindet, einen neuen Ansatz prägt und die Nationalmannschaft von den Fesseln befreit, in die er sie taktisch und personell selber gelegt hat.

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Alexander H. Gusovius