Wie war das damals… vor 10 Jahren, als alles begann?

Die WM naht, der deutsche Antritt ist nicht fern. Gegen Mexiko wird die Nationalmannschaft schon in ein paar Tagen klar beweisen müssen, ob die durchwachsenen Vorbereitungsspiele wirklich so bedeutungslos waren. Falls nicht, bleibt wenigstens die Erinnerung an die erfolgreiche WM vor vier Jahren. Noch schöner sind allerdings die Bilder, die im Kopf wiederauferstehen, wenn man an den Start unserer TSG in die Bundesliga vor zehn Jahren zurückdenkt:

Gleich nach der rauschhaften Feier zum Aufstieg in die Erste Bundesliga herrschte in der Hoffenheimer Geschäftsstelle Hochbetrieb. Nur ein Jahr zuvor hatte man den organisatorischen Sprung in die 2. Liga vollbracht und das viel zu kleine Dietmar-Hopp-Stadion in Hoffenheim fit gemacht für die kommenden Jahre. Aber nun war auch diese Heimstatt zu eng geworden, während das große, eigene Stadion in Sinsheim noch reine Baustelle war. Es war klar, dass man die kommenden Erstliga-Heimspiele weder hier noch dort austragen konnte – und nach den Statuten des DFB auch nicht durfte.

In Mannheim fand man einstweilen ein passendes Ausweichquartier. Das Carl-Benz-Stadion fasste ungefähr 27.000 Zuschauer, musste zuvor aber noch mit neuem Rasen, neuer Technik und auch sonst etlichen Verbesserungen versehen werden. Unklar war, ob die Mannheimer Bevölkerung, nachdem der eigene Verein in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht war, den neuen Mieter herzlich willkommen heißen würde.

Der Spielplan dieser ersten Bundesliga-Saison gestaltete sich für Hoffenheim günstig. Als erstes stand ein Auswärtsspiel gegen Cottbus auf dem Programm. Damit schien die jedem Aufsteiger drohende Gefahr gering, im Auftaktspiel gegen eine Spitzenmannschaft sofort eine deftige, zutiefst verunsichernde Niederlage einzufahren. 1899 Hoffenheim, das nach der Sommerpause bis auf Rechtsverteidiger Andreas Beck ohne personelle Verstärkung auskam, aber leider auf Chinedu Obasi verzichten musste, der in Afrika für die nigerianische Nationalmannschaft auflief, und dafür Vedad Ibisevic aufbot, konnte den Schwung aus der 2. Liga mitnehmen und erspielte sich in der Lausitz einen nie gefährdeten Sieg.

Interessant war, dass Ibisevic gegen Cottbus zwei Tore erzielte, was zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht viel Aufmerksamkeit erregte. Als er im ersten Heimspiel in Mannheim vor glänzend aufgelegtem Publikum gegen Mitaufsteiger Gladbach erneut traf und den Siegtreffer zum 1:0 markierte, begann sich das schon zu ändern. Und auch im nächsten Spiel in Leverkusen traf der Bosnier, nur dass die Partie 5:2 verloren ging – was aber kein großes Unglück war. Denn nach zwei Siegen in Folge hatte man die Tabellenspitze erobert, Zuversicht getankt und vorsichtig an sich glauben gelernt. Bevor Überschwang die notwendige Entwicklung der Mannschaft behindern konnte, kühlte die herbe Niederlage gegen Leverkusen die Nerven gleich wieder herab auf Normaltemperatur.

Das zweite Heimspiel ging gegen Stuttgart, wieder war das Carl-Benz-Stadion (wie übrigens jedesmal) restlos ausverkauft. Jetzt sollte sich zeigen, welchen Reifegrad die Mannschaft tatsächlich hatte. Zwar wurde nur ein torloses Unentschieden erreicht, aber 1899 Hoffenheim agierte absolut auf Augenhöhe mit den Stuttgarter Traditionskollegen – und spielte in der nächsten Begegnung (gleich wieder in Mannheim) den nächsten Traditionsklub regelrecht an die Wand. Am Ende stand es gegen eine chancenlose Borussia aus Dortmund 4:1. So dass es im sechsten Spiel, als man nach Bremen fuhr, zu jener fulminanten sportlichen Auseinandersetzung kommen konnte, die allemal lohnt, ausführlicher beschrieben zu werden:

Die Partie, eine einzige leidenschaftliche Überhöhung, wurde weitgehend frei von zweckorientiertem Handeln und taktischen Zwängen geführt. Wahre Fußballkunst, dem Zuschauer oft vorenthalten, brach sich elementar Bahn, die Spieler konnten irgendwann nicht anders, als ihre hohen technischen Fertigkeiten völlig ungebremst auszuleben. Zugleich katapultierte das Spiel sie offenbar zurück in die Jugend, in die reine Lust am Sport, und nicht das Endergebnis war – wie sonst so oft – ihr alles beherrschender Antrieb, sondern es wurde das sportliche Kräftemessen auf höchstem Niveau zur wahren raison d’être, zum reinen Seinsgrund, was mitzuerleben ein ganz besonderer Genuss war.

Weil 1899 Hoffenheim die Partie als blutjunger Aufsteiger etwas verhalten begonnen hatte, ließ das erste Tor der offensivstarken Bremer nicht lang auf sich warten. Hoffenheim hielt aber unbekümmert dagegen und erzielte den Ausgleich. In der unaufmerksamen Glücksminute danach, immer ein brandgefährlicher Moment, ging Werder Bremen erneut in Führung. Davon doch eingeschüchtert, ließen die unerfahrenen Hoffenheimer Spieler noch zwei weitere Tore zu und lagen damit eigentlich uneinholbar zurück. Was darauf geschah, hat Fußballgeschichte geschrieben: Hoffenheim erhöhte die Schlagzahl noch, stürmte (und verteidigte) mit der gesamten Mannschaft, spielte unglaublich schnelle, präzise Ballstaffetten, kam darum immer wieder mit nur drei, vier Ballkontakten nach vorn und brachte die Bremer permanent in Verlegenheit, die aber ebenfalls nicht ungefährlich blieben.

In der zweiten Halbzeit hob die Partie vollends ab, der Rasen brannte förmlich, sämtliche Spieler, auch auf Bremer Seite, verloren den Rest an taktischer Zurückhaltung. Das durch Einwechslung verstärkte Hoffenheimer Mittelfeld war fast durchgängig feldüberlegen und bereitete das Unmögliche vor: drei Tore und somit den Ausgleich zu erzielen. Nachdem das erreicht war, stellte der Bremer Siegtreffer, ein Kunstschuss, die Verhältnisse zuletzt zwar auf den Kopf. Doch es gab keinen Grund, an irgendetwas zu zweifeln: vor allem nicht daran, dass man schon ewig keine so entfesselte, intensive und an technischer Finesse reiche sportliche Begegnung mehr gesehen hatte. Nach der Partie applaudierte das Bremer Publikum stehend den Hoffenheimer Spielern.

Von diesem Spiel an war 1899 Hoffenheim im Bewusstsein der Liga endgültig verankert und profitierte von einer weiteren glücklichen Fügung, die allerdings nicht wenig von einer tiefgreifenden Entscheidung Ralf Rangnicks abhing. Und zwar war Obasi mit einer Silbermedaille von den Olympischen Spielen, wenngleich verletzt, heimgekehrt und hatte gegen Stuttgart und Dortmund nur jeweils die letzten 20 Minuten spielen können. Gegen Bremen war er gesundheitlich und konditionell wieder voll auf der Höhe, so dass die Frage war, ob er wie in der 2. Bundesliga als Partner von Demba Ba auflaufen sollte. Dagegen sprach, dass Ibisevic gegen Dortmund schon wieder zwei Treffer erzielt hatte und inzwischen die Torschützenliste der Bundesliga anführte. Einen derart erfolgreichen Instinkt-Jäger draußen zu lassen, sagte sich Ralf Rangnick, wäre wohl eine fußballerische Kardinalssünde. Also bot er gegen Bremen einfach alle drei hochklassigen Hoffenheimer Stürmer auf: Ibisevic, Demba Ba und Obasi. Das Trio, geboren aus der Abwesenheit Obasis zu Anfang der Saison, schlug sofort ein und hatte ganz wesentlich Anteil an den kommenden Erfolgen und am überfallartigen, schnellen Spielsystem, mit dem als nächstes zuhause Frankfurt (2:1) und auswärts Hannover (2:5) geschlagen wurden. Das magische Hoffenheimer Spielsystem 4-3-3 war geboren.

Der Hamburger Sportverein, in der Saison bisher recht erfolgreich, reiste Ende Oktober 2008 nach Mannheim. Im Vorfeld klangen markige Sprüche von der Elbe herüber. Man war sicher, den Überflieger vom Dorf in die Grenzen zu weisen, seinem Hurra-Fußball, der unterklassige Mannschaften vielleicht beeindrucken konnte, die Maske herunterzureißen. Denn jetzt, hieß es, kam nicht irgendwer, sondern es kam der HSV; in seinen Reihen Nationalspieler von Ansehen und Gewicht. Nur dass es zur Halbzeit der Begegnung wie am Ende 3:0 für den vermeintlichen Fußballzwerg stand. Ehe die hochgelobte Hamburger Truppe begriff, mit welcher Spielkunst und Schnelligkeit sie es zu tun hatte, waren schon zwei der drei Tore gefallen. Ihr niedergeschlagener Trainer Martin Jol verweigerte danach auf der Pressekonferenz jeden Kommentar und mahlte wie der Steinbeißer aus der Verfilmung von Michael Endes Die unendliche Geschichte stumm mit den Zähnen.

Es folgten in einer englischen Woche zwei vermeintlich leichtere Spiele auswärts gegen Bochum und zuhause gegen Karlsruhe, in denen Hoffenheim lernen musste, auch mal einem Rückstand hinterherzulaufen. Die Unbekümmertheit der jungen Truppe ließ davon nicht nach, das frühe Führungstor der Bochumer führte nur dazu, dass die Spieler immer vehementer auf den Ausgleich drangen und zur Mitte der zweiten Halbzeit innerhalb von sieben Minuten mit drei Toren die gegnerische Abwehr regelrecht zerlegten. Nichts und niemand schien sie aufhalten zu können – und neben dem offensiven Glanz von Sturm und Mittelfeld setzte sich immer mehr auch die Abwehr glanzvoll in Szene, allen voran Marvin Compper.

Gegen Karlsruhe ging Hoffenheim noch selbstbewusster zu Werke, führte rasch – und kassierte noch rascher den Gegentreffer. Darauf folgte ein Offensivspektakel der besonderen Art, dem Karlsruhe nichts entgegenzusetzen hatte. Am Ende stand es 4:1, je zweimal durch Obasi und Ibisevic, der damit schon Treffer 12 und 13 erzielt hatte und die Torjägerliste anführte. Hoffenheim selbst führte erneut die Bundesligatabelle an.

Mit Hertha BSC im Olympiastadion und dem VfL Wolfsburg zuhause standen gewichtigere Prüfungen an. Hertha BSC war, ohne dass groß Notiz davon genommen wurde, durch starke Abwehrleistungen bei vielen knappen Siegen zu einer echten Spitzenmannschaft gereift. Das Olympiastadion war komplett ausverkauft: Hoffenheim gehörte neben den Bayern zu den Publikumsmagneten dieser Saison, hatte aber in Berlin wenig zu melden. Hertha verstellte effizient alle Pass- und Laufwege, so dass die Partie 1:0 verloren ging.

Die Frage war, ob das Mannschaftsgefüge die Berliner Erschütterung gegen Wolfsburg unbeschadet überstehen würde, und tatsächlich gab es Veränderungen in der mannschaftlichen Geschlossenheit. Hoffenheim gewann trotzdem, indem der Gegner nicht wie sonst regelrecht überrannt, sondern alle fünf Minuten neu angegriffen und schließlich niedergekämpft wurde. Als Motivationsschub wirkte sich aus, dass für das bevorstehende Länderspiel erstmals auch Tobias Weis, einer der Hoffenheimer Mittelfeldmotoren, und Marvin Compper nominiert worden waren. Das Spiel endete 3:2.

Zur nächsten Partie reiste Hoffenheim in die Domstadt. Das letzte Spiel gegen den Mitaufsteiger war von Kölner Seite nicht nur extrem hart, sondern auch seitens des Publikums reichlich feindselig verlaufen. Durch das Fehlen von Obasi, Beck und Ibertsberger mussten die vertrauten Positionen diesmal anders besetzt werden, die inzwischen traumsicheren Laufwege hatten sich förmlich in Luft aufgelöst. Hoffenheim konnte Köln unter diesen Bedingungen nicht schwindlig spielen, musste ungewohnt Tempo herausnehmen, die Pässe absichern und konventionellen Fußball im 4-4-2-System spielen. Trotzdem sprang gegen frustrierte Kölner am Ende ein souveräner 3:1-Auswärtssieg heraus.

Das Ende der Hinrunde nahte, mit den Höhepunkten gegen Bayern München und Schalke 04. Zuvor war aber noch ein Heimspiel gegen Bielefeld zu bestehen, diesmal wieder in gewohnt überfallartiger, rauschhafter Manier, so dass es zur Pause bereits 2:0 stand, am Ende 3:0. Dem Spiel gegen Bayern München fieberte die ganze Fußballrepublik entgegen. Würde es dem frechen Liga-Neuling gelingen, auch die zu alter Defensiv-Taktik zurückgekehrte Münchner Truppe unter Jürgen Klinsmann zu besiegen? Den Bayern gelang es jedenfalls nicht, auch nur ein Tor aus eigener Leistung zu erzielen. Lahms Schuss zum 1:0 war abgefälscht, Tonis Treffer zu 2:1 nahm eine unfreiwillige Vorlage von Ibertsberger auf.

Dennoch, die Bayern gingen Hoffenheims hohes Tempo von der ersten bis zur letzten Minute mit und erwiesen sich als der mit Abstand stärkste Gegner der Hinrunde. Grund dafür war allerdings auch, dass Ralf Rangnick die Offensive spürbar gedrosselt hatte: schwärmten sonst bei schnellen Angriffen fünf bis sechs, manchmal sieben Hoffenheimer Spieler aus und verwirrten damit heillos die gegnerische Abwehr, waren es diesmal meist nur vier Spieler, die ihr Glück vor dem Tor suchen durften – und nicht fanden. Besonders Andreas Beck und Andreas Ibertsberger agierten offensiv viel vorsichtiger als sonst, offenbar um dem Sturm der Bayern kein freies Feld zu überlassen. Die Folge davon war, dass die Bayern zunehmend ihr eigenes Spiel inszenieren konnten und kurz vor Schluss 2:1 gewannen. Die Bewunderung für die Leistung von 1899 Hoffenheim war allerdings groß. Viel hatte nicht gefehlt, den großen Bayern einen, wenn nicht drei Punkte zu entführen. Und die Tabellenführung blieb in Hoffenheim.

Das letzte Heimspiel in Mannheim gegen Schalke konnte dagegen nur abfallen. Dennoch war auch dieses Spiel von hoher Dramatik: Schalke fand unerwartet schnell ins Spiel, Hoffenheim brauchte dafür fünfzehn Minuten, müde von der Schlacht gegen die Bayern. Als 1899 kurz davor war, die Begegnung in der ersten Halbzeit komplett zu übernehmen, stellte ein Schalker Tor die Verhältnisse auf den Kopf. Glücklicherweise gelang gegen die robust agierenden Gäste Mitte der zweiten Halbzeit noch der Ausgleich, wobei es bis zum Ende blieb.

Eine das Fußballpublikum begeisternde, unerwartet erfolgreiche Hinrunde endete mit der inoffiziellen Herbstmeisterschaft 2008 – eine schwere Hypothek, wie sich noch zeigen sollte. Und Vedad Ibisevic führte einsam die Torjägerliste mit 18 Toren an, so dass in den Medien schon darüber spekuliert wurde, ob die legendäre, eigentlich nicht wiederholbare Gerd-Müller-Marke von 40 Toren innerhalb einer Saison doch noch geknackt würde. Es war eine an Fügungen reiche Halbsaison – von der Geburt eines genialen Sturmtrios hin zur Entdeckung des Spitzentorjägers Ibisevic, vom passenden Rhythmus des Spielplans bei Sieg und Niederlage hin zur Herausbildung einer geschlossenen Mannschaft mit überragendem Mittelfeld und starker Defensive, vom Mannheimer glücklichen ‚Exil‘ hin zur immer mehr zunehmenden Akzeptanz breiter Zuschauerkreise. Vor allem jedoch war es ein Fußballfest, das 1899 Hoffenheim sich und anderen bereitete. Hilfreich war, dass etliche Gegner, besonders Borussia Dortmund und der HSV, den Emporkömmling massiv unterschätzt hatten.

Die Hoffenheimer Geschäftsstelle arbeitete auch in der Winterpause auf Hochtouren, denn zum Rückrundenstart stand der Umzug in die nagelneue Rhein-Neckar-Arena an – das dritte Stadion in zwei Jahren. Auch wenn danach sportlich weniger gelang als zuvor, war der gelungene Umzug hinsichtlich der Hoffenheimer Potentiale doch ein Ausweis erster Güte!

Dass die Rückrunde den von der Konkurrenz lang erwarteten Einbruch bescherte, hatte viele Gründe. Ein herausragender Grund war eine beispiellose Serie von Verletzungen, die der blutjungen Mannschaft die Stabilität raubte. Als ersten traf es Topscorer Vedad Ibisevic, dessen Kreuzband bei einem Trainingsspiel in der Winterpause gegen den HSV riss. Zum Ersatz wurde Boubacar Sanogo von Werder Bremen verpflichtet, der aber die in ihn gesetzten Hoffnungen genauso wenig erfüllte wie Timo Hildebrand, der von nun an das Tor hütete.

Beim Rückrundenstart gegen Cottbus fehlte im Sturm auch noch Obasi, trotzdem gelang bei der Heimpremiere im neuen Stadion ein solides 2:0. In Gladbach reichte es nur zu einem Unentschieden, während Leverkusen den Liga-Neuling mit 1:4 erneut in die Schranken wies. Erst gegen Stuttgart war wieder jener schnelle, überfallartige, leidenschaftliche Fußball zu sehen, der inzwischen als Hoffenheimer Markenzeichen galt. Leider verschoss Sejad Salihovic kurz vor Ende einen Strafstoß, so dass die Partie 3:3 endete, die drei Hoffe-Tore erzielte alle Demba Ba.

Bei den folgenden Treffen in Dortmund und gegen Bremen wurde deutlich, dass zwar Ibisevic als Vollstrecker an allen Ecken und Enden fehlte, aber die Konkurrenz sich auch viel besser aufs Hoffenheimer Spiel eingestellt hatte und es immer effizienter zu zerstören verstand. Der Glanz der Hinrundenspiele, besonders gegen Bremen, war allerdings verflogen, bei beiden 0:0 sprühten weitaus weniger Funken. Und Salihovic fehlte wegen Innenbandproblemen.

Auch das folgende Spiel in Frankfurt endete unentschieden, diesmal 1:1. Hoffenheim war in den ersten 30 Minuten drückend überlegen und glaubte, wieder zur alten Spielfreude zurückgefunden zu haben. Die Mannschaft führte rasch, wurde davon leichtsinnig und kassierte gleich nach der Halbzeitpause den verdienten Gegentreffer.

Hannover, eine Woche später zu Gast in der Rhein-Neckar-Arena, führte sogar bis kurz vor Schluss mit einem Tor, ehe Neuverpflichtung Wellington (Demba Ba und Obasi verletzt) Hoffenheim zum 2:2-Endstand erlöste: zum fünften Mal in Folge gab es ein Unentschieden, diesmal mit großem Kampfgeist erzwungen. Und mit einer mittleren Katastrophe bezahlt – Matze Jaissle, konstant souveräner Innenverteidiger, kurz vor der Berufung in die Nationalmannschaft, erlitt wie Ibisevic einen Kreuzbandriss mit halbjähriger Spielpause, während Ibertsberger mit einem Innenbandabriss davon kam, der ihn wie Salihovic für ein paar Wochen außer Gefecht setzte. Luiz Gustavo wiederum erhielt per Fernsehbeweis für einen Ellenbogenschlag nachträglich die rote Karte: zwei Spiele Sperre.

Es war, als sollte der Triumph der Hinrunde mit allen Mitteln ausgelöscht werden. Der Tabellenstand, inzwischen Platz 5, spiegelte das wider: zum ersten Mal in dieser Saison lag auch Bayern München vor dem Neuling aus Hoffenheim. Gegen Hamburg mussten sich dann kurzfristig auch noch Tobi Weis und Isaac Vorsah krank abmelden. Hamburg fiel es darum leicht, das auf zu vielen Positionen umbesetzte Hoffenheimer Spiel zu zerstören, so dass trotz ansprechender Passagen zuletzt ein knapper 1:0-Sieg für den HSV zu verbuchen war. Der Herbstmeister rutschte damit auf Platz 6 der Tabelle ab.

Das nächste Spiel gegen Bochum offenbarte erste Zerfallserscheinungen: die Spieler waren unzufrieden, gestikulierten und diskutierten zu viel untereinander. Daniel Haas, für den ebenfalls verletzten Hildebrand im Tor, sah nach übermotiviertem Foul die rote Karte. Schlimmer noch wog der Ellenbogenschlag von Eduardo, der dafür fünf Spiele Sperre vom DFB bekam. Und am Ende führte Bochum gegen eine völlig aufgelöste, von sich selbst vorgeführte Hoffenheimer Mannschaft 0:3. Einen schlechteren Rückrundenstart hatte noch kein Herbstmeister der Fußballbundesliga je hingelegt.

Vor dem Spiel in Karlsruhe gelang es, den sichtbaren Zerfall der Mannschaft zu stoppen: die Spieler kämpften wieder füreinander. Zweimal ging Hoffe in Führung, doch Karlsruhe, mit dem Rücken zur drohenden Abstiegswand gefährlich wie ein angeschlagener Boxer, glückte beide Male der Ausgleich. Glanzvoll war das Unentschieden, das letztlich erreicht wurde, insgesamt nicht, und es war abzusehen, dass der Glanz der Vorrunde auch nicht wiederkehren würde, als die Mannschaft über 15 Spiele hinweg, von Verletzungssorgen unbeeinträchtigt, in nahezu gleicher Aufstellung auflaufen konnte. Inzwischen stand Hoffenheim nur noch auf Platz 8.

Bevor Berlin kam, legten die Verantwortlichen fest, dass für den Rest der Saison die Spielfreude im Vordergrund stehen sollte. Das Konzept ging auf. Gegen die Hertha kombinierte 1899 Hoffenheim fast wie in alten Zeiten, man war drückend überlegen und gönnte dem Gegner in der ersten Halbzeit nur eine einzige Torchance – die leider zum 0:1 führte, dem Endergebnis.

Trotz einiger Wolfsburger Irritationen (es war durchgesickert, dass Trainer Magath nach Schalke abwandern wollte) geriet Hoffenheim gegen den kommenden Deutschen Meister mit 4:0 unter die Räder, Platz 9 war die Folge. Bis zur Pause verlief die Partie noch einigermaßen offen, 1899 Hoffenheim bewies eine erneut ansteigende Formkurve – Dzekos Hattrick führte jedoch zum moralischen und sportlichen Einbruch.

Nach dieser ungewohnten Negativserie – 12 Spiele ohne Sieg – zeigte sich bei Trainer Rangnick zum ersten Mal eine gewisse Interview-Nervosität. Zu angespannt waren die Nerven, zu tief saß auch bei ihm die Enttäuschung über den tiefen Sturz vom Thron des Herbstmeisters und den anhaltenden Verlust der allseits bewunderten Spielkultur. Nach ein paar unruhigen Presse-Tagen für alle Vereinsverantwortlichen sah es aber so aus, als hätte sich letztlich nur ein reinigendes Gewitter über dem Kraichgau entladen. Die Verantwortlichen fanden in einer persönlichen Aussprache rasch zueinander und rückversicherten sich des Hoffenheimer Kontextes, bestehend aus hoher Eigenverantwortung, regionaler Verankerung, jugendlicher Talentlage und ungetrübt offensivem Fußball.

Im nächsten Heimspiel verlor ein lustloser 1. FC Köln zum zweiten Mal in dieser Saison gegen 1899 Hoffenheim. Zwei sehenswerte Tore von Salihovic und Ba markierten nach einer beiderseits schwachen, ersten Halbzeit den Endstand – das ausgelassene Tanzen der Spieler vor den Fans bewies, wie schwer die schwarze Serie auf allen gelastet hatte. Noch froher war man, danach gegen Bielefeld den zweiten Sieg in Folge und ersten Auswärtssieg der Rückrunde erzielen zu können – und in den letzten 20 Minuten die Rückkehr des lange verletzten Andreas Ibertsberger zu feiern. Wie es aussah, sollten sich die Dinge kurz vor Ende der Saison noch einmal richten.

Das letzte Heimspiel der Saison versöhnte die Zuschauer endgültig. Endlich erlebten sie wieder jenes ungemein schnelle, den Gegner verwirrende Spiel, das sie so lange nur noch in Ansätzen gesehen hatten. Es war ein furioses Spiel, das Hoffenheim gegen die Bayern ablieferte, allen voran der zurückgekehrte Carlos Eduardo, der Ribéry auf der anderen Seite weit in den Schatten stellte. Den Bayern, die den Erneuerer Klinsmann längst gegen Jupp Heynckes ausgetauscht hatten, tat das Endergebnis, ein gerechtes 2:2, reichlich weh. Es beendete ihre Titelträume.

Gegen Schalke 04 lag am letzten Spieltag das spielerische Übergewicht in der ersten Halbzeit bei den Hausherren. Trotzdem ging Hoffenheim in Führung, musste bis zur Pause aber zwei Gegentreffer hinnehmen. Nach der Pause zeigte die Mannschaft erneut ihr wiedergewonnenes, offensives, spielfreudiges Gesicht, erzielte durch ein sensationelles Freistoßtor Eduardos den Ausgleich und zuletzt durch einen berechtigten Foulelfmeter auch noch den Siegtreffer. Mit diesem Sieg sicherte sich Hoffenheim als bester Aufsteiger und wankelmütigster Herbstmeister aller Zeiten den 7. Platz in der Abschlusstabelle.

(Aus: Das Prinzip Hoffenheim, Tectum Verlag)           Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius