Einer trifft immer

1899 Hoffenheim ist in der glücklichen Lage, immer mindestens einen Stürmer auf dem Rasen zu haben, der trifft – in letzter Zeit meistens Gnabry, sonst halt Uth oder Kramaric oder auch Szalai. In der letzten Saison sah das noch ganz anders aus, da mussten Mittelfeldler wie Demirbay und Amiri vielfach aushelfen. Gegen Hannover griff wieder die Einer-trifft-immer-Regel, und zwar in Gestalt von Kramaric, der den frühen Ausfall von Gnabry dadurch kompensierte, dass er die Regel ganz auf sich allein bezog und eben gleich dreimal einlochte!

Man muss sagen, das macht richtig Spaß, vor allem, nachdem über längere Phasen hinweg im Sturm eher eine gewisse Ratlosigkeit herrschte! Und nächstes Mal ist vielleicht wieder Uth dran, und Hübner gibt’s ja auch noch… Für die jeweiligen Gegner dürfte die Angelegenheit weitaus weniger spaßig sein. Wie soll man sich effektiv gegen eine Mannschaft verteidigen, von der man nie weiß, wer aktuell der gefährlichste Stürmer ist!

Hannover hatte da ein uraltes Mittel parat, das auch erklärte, warum Trainer Nagelsmann seiner Mannschaft guten Fußball nur in den ersten zehn Minuten der beiden Halbzeiten attestierte. Es handelte sich um jene frugale Fußballkost, die früher auf dem Betzenberg beheimatet war, in jüngerer Vergangenheit zum Augsburger Markenzeichen unter Weinzierl wurde und in drei Worten vollgültig zu umreißen ist: auf die Knochen!

Für filigranen Fußball ist wenig Platz mehr, wenn Schmerzen drohen, am Ende sogar Verletzungen wie bei Demirbay, der bei einem derben Zweikampf anscheinend einen Kapselanriss zugefügt bekam und wohl für die letzten beiden wichtigen Spiele ausfällt. Die Ansicht von Trainer Breitenreiter, er habe seine Mannschaft auf Augenhöhe gesehen, hat deshalb nur solange Bestand, wie man die teils wüsten Attacken seiner Spieler außer Acht lässt. Dann, aber auch nur dann, kann man dem Spiel der 96er eine gewisse Entwickeltheit zugestehen.

Nachdem die Hoffenheimer Akteure derb aus dem Spiel genommen waren, konnte Hannover 96 tatsächlich hier und da mit ganz schönen Kombinationen überzeugen, die aber meistenteils nicht zum Ziel führten, nämlich Olli Baumann hinter sich greifen zu lassen. Jedoch sorgten die eigenen Leute dafür, dass Torhüter Tschauner den Ball aus dem Netz holen musste, durch einen höchst fahrlässigen Fehlpass von Sané, den Gnabry erlief und auf Kramaric weitergab, der darauf das erste und einfachste seiner drei Tore erzielte, während sich Gnabry bei einem Spreizsprung über Tschauner hinweg einen Muskelbündelriss zuzog, der ihn für längere Zeit zur sportlichen Untätigkeit verdammt.

Am Stürmerkarussell der TSG wird er offenbar nicht mehr teilhaben, vielleicht ist sogar seine WM-Teilnahme in Gefahr. Das ist mehr als schade, auch für Hoffenheim, denn Gnabry in Form hat in den letzten Spielen doch des Öfteren den Unterschied ausgemacht. Demirbay hingegen, dessen WM-Träume wohl ebenfalls geplatzt sind, war gerade erst wieder auf dem Weg zurück ins Nervenzentrum seiner Mannschaft.

Lamentieren hilft in solchen Lagen indessen wenig – sagte sich vermutlich auch Andrej Kramaric und quittierte die erlaubte, wenn auch perfide Spielweise der 96er einfach mit zwei weiteren Toren, eins schöner als das andere! Mit diesem Sieg, der alles andere als selbstverständlich war, hat die TSG den sechsten Tabellenplatz bereits zwei Spieltage vor Saisonende sicher. Heißt also, selbst wenn wir in Stuttgart und daheim gegen den BVB verlieren würden, ist die TSG 1899 Hoffenheim sicher für die Euro-League qualifiziert!

So sehr man sich natürlich wünscht, jetzt auch noch den Sprung in die Champions-League zu schaffen und VfB sowie BVB aus dem Stadion zu schießen, so klar muss man sagen, dass die schon erreichte zweite Teilnahme in Folge an der Euro-League ein sensationeller Erfolg ist. Zwischendrin sah es auch nicht danach aus und musste man sich ernsthaft vor dem 7. Platz fürchten, der eine elend frühe Qualifikationstortur bedeutet hätte.

So jedoch kann man sich freuen – auch auf die kommenden Spiele. Unsere Mannschaft wird ganz sicher keinen Deut nachlassen, sondern alles geben, ihren und unseren Traum von der Champions-League auf den letzten Saisonmetern zu verwirklichen. Weil Leverkusen sich daheim von Stuttgart drei Punkte entführen ließ, liegt es nun ganz in unserer Hand, Platz 4 zu halten! Unterdessen hat sich der 1. FC Kölle bereits aus der Liga verabschiedet, während der HSV noch an seiner x-ten Wunderrettung und der VfL Wolfsburg am unnötigsten Abstieg aller Zeiten arbeiten… Verrückte Fußballwelt, denn für Hoffenheim ist – rein rechnerisch – sogar noch die Vizemeisterschaft drin!

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius