„Tausendmal geführt….

…. tausendmal ist nix passiert“, denkt man – falls man vor Ärger überhaupt noch etwas denkt – nach der dreifachen Führung in Gladbach und dem letzten Gegentreffer zum 3:3 in der 90. Minute. Wie oft hat unsere Mannschaft in dieser Saison schon Führungen hergegeben! Gefühlt tatsächlich tausend Mal, in Wirklichkeit 27-mal, was zwar nicht gleichbedeutend mit 27 verschenkten Siegen ist, doch zweifelsfrei eine Menge Punktverluste bedeutet. Der Mega-Titel von Klaus Lage, inzwischen ein Oldie, passt trotzdem vorne und hinten nicht. „Tausend und eine Nacht“, geht er weiter „und es hat Zoom gemacht!“ In Gladbach jedoch machte gar nichts zoom, und ein Märchen aus tausend und einer Nacht dürfte diese Saison wohl auch nicht sein.

Doch wer weiß, vielleicht wird sogar noch eines daraus. Das Remis gegen Gladbach, den vermutlich ärgsten Konkurrenten um die europäischen Platze, ist letzten Endes so schlecht nicht und hält die hungrigen Fohlen mindestens mal auf Abstand. Und auf Platz 7, auch wenn das wegen der frühen Quali-Spiele so ziemlich der schrecklichste europäische Platz ist, liegen wir nach wie vor. Keinesfalls muss man insofern den Nervenkrimi vom Samstag rundum niedermachen, sondern kann ihn auch abheften unter die vielen First-Class-Duelle, die sich Gladbach und Hoffenheim schon geliefert haben.

Gut, „First Class“ trifft den Spielverlauf nur teilweise. Nur wer auf Schockerlebnisse steht, kam voll auf seine Kosten, als Gladbacher wie als Hoffenheimer Fan. Erstklassige Spannung trifft den Sachverhalt also eher, ansonsten regierte eine Kultur der Fehler, die beiden Teams zurecht einen Platz im Mittelfeld der aktuellen Saison zuweist: Ballverluste en masse, unfertige Angriffsversuche, hektische Abwehrsituationen prägten hüben wie drüben das Bild. Zwischendrin Bilder des Glanzes, der fußballerischen Extraklasse, angesiedelt in viel spielerisch-grauem Niemandsland.

Man muss sich aber trotzdem mal fragen, wie es kommt, dass Hoffenheim derart häufig Führungen einbüßt, so oft, dass man bei einem Führungstreffer schon den Kopf einzieht beim Gedanken daran, was wohl folgt. Kann es sein, dass die Mannschaft selber so empfindet und ebenfalls den Kopf einzieht, wenn sie vorn liegt? In gewisser Weise trifft das wohl zu. Wenigstens scheint sie den Kopf abzuschalten und sich in (un)schöner Regelmäßigkeit sportlich zurückzunehmen, wenn sie wieder mal in Führung liegt.

Es ist eine Mischung aus Sorglosigkeit, wenn nicht Überheblichkeit, und Ängstlichkeit, die sich dann Bahn bricht – gestern par excellence zu beobachten bei Gnabry, der stets den exquisiten Weg, das auserlesene Anspiel im Sinn zu haben schien, anstatt das Nächstliegende anzupeilen und einfach zu tun. Untermischt mit einer gewissen Unentschiedenheit und Zögerlichkeit, zu der auch Spieler wie Amiri neigen, wenn sie ein paarmal mit genialen Ansätzen gescheitert sind, erwächst daraus ein Konglomerat aus Übermotivation und Unterspanntheit, das sich auf die gesamte Mannschaft überträgt und den Gegner förmlich einlädt, sein Glück zu suchen und zu finden.

Das Erstaunliche bei unserer Mannschaft ist, dass sie dieses mentale Defizit nicht zu korrigieren versteht, und immer von neuem entsprechend agiert, bis die Führung dahin ist, andererseits jedesmal voll motiviert dagegen anrennt, wenn das Kind wieder in den Brunnen fiel. Diese Moral, dieser Zusammenhalt ist ein großes Kapital, dem man nur wünscht, dass es sich öfter auszahlt!

Am Samstag hätte wohl auch die siebte Führung nicht gelangt, um als Sieger durchs Ziel zu gehen. Etwa Mitte der zweiten Halbzeit hatte sich die Partie verselbständigt und wollte als nervenfressender Punkteteiler enden, egal wer egalwie spielt. Spätestens als der Schiri ungewollt eingriff, um die TSG durch Uth in Ballbesitz zu bringen und das zwischenzeitliche 2:3 zu ermöglichen, war das klar. Klar war ebenfalls, dass Gladbach noch zum 3:3 käme, gern auch erst in letzter Minute. Solche Spiele nach einer Art höherem Fußball-Drehbuch gibt es einfach, anders gesagt paranoide Spiele, die man ihrer Besonderheit wegen nie vergisst – und allein deshalb sollte man wegen der drei verlorene Führungen nicht zu verdrießlich sein. Ein Punkt in Gladbach ist doch immer eine gute Sache!

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Alexander H. Gusovius