Gebrauchte Stunde

Ziemlich genau eine Stunde brauchte Hoffenheim Samstagabend auf Schalke, um einigermaßen bei sich selbst anzukommen. Bis dahin blieb der Fußball der TSG Stückwerk, wirkten die Spieler wie neben sich stehend bzw. laufend und waren die Gastgeber in eigentlich allen Belangen überlegen.

Waren die Schalker einfach besser? Oder weniger gleichgültig? Fast sah es danach aus, und nicht wenige Fans fanden in den sozialen Medien dafür entsprechend harte Worte. Dabei schwang allerdings auch sehr viel Enttäuschung darüber mit, dass die erhoffte Frühabendparty und der erträumte Sieg auf Schalke ausgefallen waren. Denn bei emotionsfreiem Hinschauen hätte den verbal Hinlangenden wohl klarwerden müssen, dass unsere Mannschaft bis zur letzten Minute kämpfte und in der Schlussphase des Spiels absolut auf Augenhöhe unterwegs war.

Wie aber kam es dann zum tatsächlich eher desolaten Auftritt bis dahin? Wie so oft im Leben gab eine Mischung von Faktoren den Ausschlag dafür, dass es nicht lief. Da war zum einen ein seltsam unauffälliges TSG-Mittelfeld, das aus Grillitsch fürs Defensive und Amiri und Kramaric fürs Offensive bestand. Erster machte seine Sache nicht übel, die andern beiden hatten Probleme: Amiri wirkte gänzlich indisponiert und verzettelte sich gern bei Läufen oder Pässen in jeweils falschen Lösungen, Kramaric fiel als Ideengeber aus, weil er nach seinen jüngsten Torerfolgen eigentlich nur selber nach vorn in den Sturm drängte und dadurch keine strukturellen Impulse setzte.

Der nächste Faktor war eine ebenso gut wie gegen München hoch angreifende Schalker Mannschaft, die unserer Defensive die Luft zum Atmen und Planen nahm, weshalb die Anbindung ans ohnedies nicht recht existente Mittelfeld nochmal mehr nicht hinhaute. Dabei kam dann auch der dritte Faktor zum Tragen, der darin bestand, dass die Schalker Spieler allesamt auf robuste Zweikampfführung gepolt waren und unsere Mannen eher das gepflegte technische Spiel suchten – und nicht fanden. Viertens wirkte unsere Offensive aus Szalai und Uth zu passiv: statt Räume zu öffnen liefen die beiden sich die Räume gegenseitig zu und fehlte es an kreativen Lösungen, wie sie Gnabry oder Kramaric als Offensivkräfte einzubringen vermögen.

In der Gesamtschau griff daher kein Rädchen ins andere und wirkte der Auftritt der TSG blutleer, disharmonisch, ohne es zu sein, wie sich noch zeigen sollte, außerdem erschwert durch ein frühes Schalker Tor und ein weiteres, bei dem sowohl Baumann als auch Vogt von allen guten Geistern verlassen zu sein schienen und ihr ebenso riskantes wie oft genug ja gekonntes Ballverschieben einmal derart gründlich vergeigten, dass Embolo den Ball nur noch ins leere Tor einzuschieben brauchte. Bis zur Pause gelang folgerichtig nichts mehr, und auch nach dem Wiederanpfiff schien Schalke den weit besseren Spielansatz gewählt zu haben.

Dann jedoch wechselte Julian Nagelsmann in kurzer Abfolge dreimal aus bzw. ein und brachte nacheinander Zuber für Schulz, der humpelte, sowie Zulj für Bicakcic, der Akpoguma nicht gleichwertig ersetzt hatte, und dann Rupp für Amiri. Besonders letzte Personalie und die zuvor erfolgte Umstellung auf Viererabwehr brachten die Wende, flankiert durch eine siebenminütige Unterbrechung wegen einer Schiri-Assi-Verletzung – just jenes Mannes, der anscheinend zuvor Julian Nagelsmann in allzu derben Worten angegangen war. Man kann nur hoffen, dass die Schiri-Zunft hier nicht mauert, sondern ihrem Hang zur tendenziell larmoyanten Selbstgerechtigkeit widersteht und die Fakten ehrlich offenlegt.

Jedenfalls schnurrte ab diesem Moment und durch die ergriffenen Maßnahmen der TSG-Motor immer runder und war unsere Mannschaft als sie selbst wiederzuerkennen. Entsprechend wuchs der Druck auf die Schalker, die sich in Halbzeit 1 auch etwas müde gelaufen hatten und konzeptionell nichts zuzulegen hatten. Die Moral unserer Mannschaft, die ebenfalls Körner gelassen hatte, war umso bewundernswerter: unermüdlich schnürte Hoffenheim den Gastgeber ein und ließ darin bis zum Schlusspfiff nicht nach, bei dem es leider nur 2:1 stand. Kramaric, wer sonst, hatte in der Zwischenzeit den Anschlusstreffer erzielt.

Sehr zurecht sagte Julian Nagelsmann nach der Partie: „Wir müssen hier heute nicht als Verlierer vom Platz gehen. Das passiert uns aktuell vor allem auswärts zu häufig. Wir waren nach der Pause überlegen, aber die ersten 30 Minuten bekommst du auf diesem Niveau einfach nicht mehr zurück.“ Noch selbstkritischer äußerte sich Kevin Vogt: : „Wir waren vor der Halbzeit zu träge. Die Schalker haben gut gepresst, aber wir haben es ihnen zu leichtgemacht. Uns hat die Gier gefehlt, die Wucht. Schalke hat uns ein bisschen den Schneid abgekauft. Das zweite Tor geht natürlich auf meine Kappe. Wir wollen immer rausspielen, in diesem Fall geht das schief. So etwas passiert mir selten. Ich werde das schnell abhaken. Dass die Mannschaft nach dem Spiel bei mir war, ist ein schönes Zeichen. Wir stehen immer zusammen.“

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Alexander H. Gusovius