Vier Tore für ein Halleluja

Ohne Nervenabrieb geht es anscheinend nicht. Einfach nur gewinnen: wo kämen wir da hin! In Führung gehen, den Vorsprung halten oder ausbauen, die spielerische Überlegenheit ruhig verwerten: so etwas wäre doch nicht TSG-like. Zu besichtigen einmal mehr beim Heimspiel gegen Mainz!

Dabei war Hoffenheim, bis auf Amiri für Demirbay in derselben Formation unterwegs wie zuletzt in Berlin, von Anfang an klar überlegen, wunderbare Ballstaffetten bewiesen viel Spielkultur und führten in der 3. Minute schon zur ersten heißen Torchance, als Schulz scharf nach innen flankte, Kramaric den Fuß an den Ball brachte, aber leider nur den Pfosten traf. Der Gegner aus Mainz brauchte einige Minuten, bis er sich sortiert hatte und den TSG-Ballbesitzfußball effektiv zu stören verstand. Von da ab bis zur Halbzeitpause präsentierten sich die von über 1000, anfangs bestens gelaunten Karnevalisten begleiteten Mainzer in guter Verfassung. Von der Chaostruppe des Pokalspiels unter der Woche war nichts zu sehen.

Umgekehrt tat sich unsere Mannschaft umso schwerer, gegen die aufmerksame, arbeitswillige, hoch anlaufende Defensive des Gegners Torchancen zu kreieren. Es blieb meist bei Einzelaktionen wie in der 21. Minute, als Kramaric von links à la Robben nach innen kurvte, den Ball aber gut einen Meter am Tor vorbeizirkelte. Ein paar Minuten später spielte Gnabry einen Musterpass in den Lauf von Szalai, der trocken abzog und mit einem Flachschuss das 1:0 erzielte. So weit, so gut, dachte man, aber weit gefehlt: Mainz erzielte umgehend den Ausgleich! Nach einem langen Freistoßball kam nicht Olli Baumann mit der ausgestreckten Faust an den Ball, sondern Berggreen mit dem Hinterkopf, und schon stand es 1:1. Dass Hübner bei der Aktion derb zuboden gebracht wurde, kümmerte die Schirischar vor Ort und in Köln kein bisschen – und damit war die x-te Führung in dieser Saison dahin! Sie hatte keine zwei Minuten gehalten…

Das Problem bei solchen Situationen ist, dass sie den Gegner massiv aufbauen. In der Folge wird es dreimal schwerer, ihn zu überwinden bzw. dessen Lust am Toreschießen zu drosseln. Im Fall der 05-er traf das glücklicherweise nicht zu, weil sie offenbar so sehr mit ihrer Defensivkunst beschäftigt waren, dass sie den Gang nach vorn nicht ernsthaft probierten. Aber Hoffenheim drückte auch permanent weiter aufs Tempo und erzielte kurz vor der Halbzeit den zweiten Alutreffer, diesmal durch Szalai per Kopf, als Gnabry nach schönem Solo durch den rechten Strafraum mit seinem Torschuss an Torhüter Zentner gescheitert war und dann erst den besser postierten Stürmerkollegen angespielt hatte.

In der Halbzeitpause fiel das Resümee nüchtern aus: Hoffenheim spielte gut, aber nicht gut genug, um Mainz vom Platz zu fegen: was die Gefahr einschloss, durch eine weitere glückliche gegnerische Aktion am Ende sogar als Verlierer vom Platz zu gehen. Doch es sollte nur noch zu einer einzigen Spielszene kommen, in der Mainz TSG-like begünstigt wurde. Da stand es aber bereits 3:1, weil unsere Mannschaft viel wacher und aktiver aus der Kabine gekommen war. Bis dahin agierte Hoffenheim drückend überlegen und hatte durch Geiger und Szalai zwei schöne Torchancen ausgelassen, als in der 67. Minute nach einem Freistoß durch Gnabry der inzwischen für Amiri eingewechselte Uth und Kramaric dreimal nachstocherten und letzterer den Ball endlich über die Linie brachte. Sieben Minuten drauf besorgte Szalai mit einem Flachschuss ins lange Eck den Zwei-Tore-Abstand. Nur dass der scheinbar sicheren Führung alsbald wieder Konzentrationsmängel folgten, sodass sich Mainz in der 80. Minute frei übers gesamte Spielfeld durchkombinieren und, begünstigt durch einen Ausrutscher von Gnabry, das 3:2 erzielen konnte.

Die letzten zehn Minuten drohten nun zu einem jener anfangs angesprochenen Nervenkrimis zu werden, bei denen die TSG leider selten gut aussieht. Vorsichtshalber wechselte Julian Nagelsmann darum Bicakcic für Gnabry ein. Doch wirklich entscheidend wurde der Eigensinn von Kramaric, der sich im letzten Spiel in Berlin den Ball zum Strafstoß geschnappt hatte, um endlich wieder ein Tor zu erzielen. Ohne das wäre er vielleicht weniger selbstgewiss zum Freistoß in der 87. Minute angetreten und hätte den Ball nicht ebenso elegant wie wuchtig an der Mauer und Zentner vorbei zum 4:2 in die Maschen gesetzt…

Es war der ersehnte erste Sieg und Heimsieg im neuen Jahr! Verdient war er allemal, die wenigen Wackler wurden zuletzt glücklich umschifft. Die Mainzer Fans stimmten am Ende ein ironisches „Oh wie ist das schön…“ an, Szalai durfte wie einst am Bruchweg auf den Zaun und das „Humba, humba…“ intonieren, und an all die Spekulationen über die Zukunft von Hansi Flick dachte für den Moment keiner mehr.

Fotos Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius