Tag der Einheit

Wenn man, wie der Autor dieser Zeilen, in den letzten Wochen aus gesundheitlichen Gründen leider gezwungen war, die aktuellen Spiele der TSG eher mit gedämpfter Emotion sozusagen aus der Ferne zu beobachten und dann die Berichte der BILD-Zeitung der letzten Woche las, wurde vom Auftritt unserer Mannschaft in Berlin angenehm überrascht. Vom angeblichen Riss zwischen Trainer und Elf war definitiv nichts zu sehen, im Gegenteil: zu keinem Zeitpunkt tat Hoffenheim dem Gegner wie in manch anderer Partie den Gefallen, wenigstens phasenweise den Faden im Spiel zu verlieren.

Dabei war schon früh der Ausfall des gerade genesenen Kerem Demirbay zu kompensieren, der für mehr spielerischen Glanz als zuletzt im Mittelfeld zu sorgen versprach. Glücklicherweise mündete das entsetzliche, unabsichtlich herbeigeführte Abknicken seines Knöchels im Zweikampf „nur“ in multiple Bänderverletzungen – die Knochen blieben also heil! Doch die Einwechslung von Amiri brachte die TSG sogar ein Stück weit voran, weil sie danach insgesamt kämpferischer auf den ausgeprägten Kampfmodus der alten Dame aus Berlin einging. Interessant anzuschauen war dabei Gnabry als rechter Außenläufer: auf Kaderabeks Position eingesetzt, versah er den ungewohnten Dienst erstaunlich konsequent und effektiv.

Bei leichtem Schneefall boten sich beide Teams einen mitleidslosen, zähen Kampf vor allem im Mittelfeld um eine bessere Ausgangsposition in der Tabelle. Torchancen gab es wenige, jeder Pass und jede Ballführung wurde umgehend abgelaufen, abgegrätscht oder zugestellt. Die Vorteile lagen klar aufseiten der TSG, deren Angriffsversuche insgesamt zielführender wirkten, auch ohne dass Szalai, der wegen des Fehlens von Uth neben Kramaric im Sturm aufgeboten war, besondere Gefahr ausstrahlte.

Besonders schön war das alles trotzdem nicht anzuschauen, und so blieb es passenderweise einer kuriosen Szene vorbehalten, die taktische Willensleistung beider Teams aufzubrechen und das Spiel zu öffnen: In der 39. Minute ging Hoffenheim per Foulelfmeter in Führung, nachdem Schulz, der in seiner alten Heimat auf der linken Außenbahn zu glänzen verstand, im Sechzehner gelegt worden war – nach später heiß diskutierter, wenngleich offenbar korrekter Regelauslegung. Zur Ausführung schritt ausgerechnet Kramaric, der gegen Liverpool seinen letzten Elfer so kläglich vergeben hatte und seither vor dem Tor wie gelähmt wirkte. Wie um die Dramatik zu steigern, trat er selbstherrlich den vorher bereits von Amiri zurechtgelegten Ball einfach beiseite, legte sich einen eigenen Ball zurecht, lief an – und schloss erneut schwach ab, traf aber ins Tor, weil er Torhüter Kraft erfolgreich verladen hatte, der nur noch die Finger an den unplatzierten Ball bekam.

Bis zur Pause war es kein weiter Weg, unsere Mannschaft brachte die Führung in die Kabine. Und hatte die Hertha darauf gesetzt, dass wir wie im Hinspiel nach der Pause nachlässig würden, sah sie sich getäuscht: Hoffenheim griff weitaus sortierter an und bot den Hausherren defensiv keine Lücke – mindesten so lang, wie der stattdessen hohe Vorwärtsdrang der TSG anhielt und Pal Dardai seine Hertha weiter mit nur einem Stürmer spielen ließ. Die Einwechslung von Ibisevic für Esswein in der 57. Minute änderte die Statik des Spiels jedoch entscheidend, so dass Berlin nach einem unglücklichen Ballverlust im Mittelfeld den Ball schnell nach vorn bringen konnte und Lazaros Flanke Kalou fand, der zum 1:1 einköpfte.

Danach verfing sich die Partie wieder in den gewohnten Mittelfelduellen, gelegentlich ergaben sich auch mittlere Torchancen, die vor allem wegen der Torhüter allesamt ungenutzt blieben. In der Nachspielzeit lenkte Kraft einen abgefälschten Schuss von Amiri aus der Distanz mit einem sehenswerten Reflex zur Ecke – dann war das Spiel aus und brachte Hoffenheim nach einer guten, geschlossenen Mannschaftsleistung wenigstens einen hochverdienten Punkt mit nach Hause (und nahm der Hoffenheimblog seine Vorbereitungen auf die gewohnten Spielanalysen wieder auf).

Das Fazit der Partie: Unsere Mannschaft wirkt intakt, aber nach vergleichsweise wenigen Punkten in letzter Zeit etwas anfällig. Wenn sie sich wie in Berlin voll konzentriert, kann sie in jedem Spiel punkten. Will sie mehr, muss sie wieder mehr Glanz im Mittelfeld entwickeln, weil der Sturm allein kaum Tore generiert. Der erste Auftritt von Zulj, der ab der 70. Minute für Szalai spielte, konnte da durchaus Hoffnungen wecken.

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Alexander H. Gusovius