Schneechaos

So ein Spiel braucht keiner: Tiefschnee, Rutschwettbewerb, Chaosfußball… Pünktlich zum Anpfiff hatte in Hannover das elende Geriesel vom Himmel eingesetzt, innerhalb weniger Minuten war der Platz in eine weiße Wüste verwandelt. Was an Heiligabend die Herzen höherschlagen lässt, leider nur regelmäßig ausbleibt, kam hier in Massen herabgesegelt – und holte die Spieler von den Beinen. Da halfen auch die Stollen unterm Schuh nichts…

Wär’s am Ende nicht so blöd ausgegangen, hätte man sich über manche unfreiwilligen Tanzeinlagen, Pirouetten, wasserrutschenartige Gleitpartien und Watschelgänge sonst pfeilschneller Spieler sogar amüsieren können. So jedoch überwog am Ende der Ärger über eine wortwörtliche Schneeballschlacht, zu der die TSG 1899 Hoffenheim auch noch in weißer Tarnkleidung angetreten war, als wolle man den hohen Schwierigkeitsgrad ohnedies schwieriger Passverhältnisse noch dadurch erhöhen, dass man den Adressaten im Schneegestöber allenfalls erahnen konnte. Hinzu kam, dass Hannover ein Abseitstor zuerkannt kriegte: in Zeiten des Videobeweises ein grobes Unding und bei solchen Bedingungen ein kostbares Geschenk!

Überhaupt hatte man das Gefühl, dass hier ein Schiri mal wieder sehr darum bemüht war, alles gegen Hoffenheim zu pfeifen, was irgendwie begründbar schien, um bei 96-er-Aktionen beide Augen fest zuzudrücken. Doch wer weiß, vielleicht war ihm ja nur grad immer ein Schneeflöckchen ins Auge getrudelt und hatte andauernd die Sicht verstellt! Als gegen Ende der Partie Pirmin Schwegler gleich zwei TSG-Spieler nacheinander derb abräumte und nicht die zweite gelbe Karte sah, sondern einfach weiterspielen durfte, mussten allerdings wahre Schneeverwehungen den Blick aufs Geschehen behindert haben.

Hat unsere Mannschaft das Schneespiel deshalb verloren? Nein, aber ein Remis wäre vielleicht drin gewesen. Mit dem Abseitstor zum 2:0 und Schweglers fortdauernder Spielerlaubnis konnte auf so schwierigem Geläuf keine aussichtsreiche Aufholjagd mehr gestartet werden. Natürlich hatte es hier und da auch Chancen für Hoffenheim gegeben: Rupp kurz vor der Pause und Kramaric bald danach vergaben gute Gelegenheiten, was auf dem unsicheren Untergrund jedoch durchaus normal war. Nur dass die Tendenz, es trotz der Massen an Schnee unentwegt mit spielerischen Lösungen zu versuchen, den Aufbau weiterer Chancen verhinderte.

Hannovers Spielprinzip, das Trainer Breitenreiter während der Partie immer mal wieder mit dem Ruf „Jagen! Jagen!“ unterstrich, wenn seine Spieler den Gegner nicht hautnah anliefen oder verfolgten, war bei diesem Wetter, man muss es zugeben, deutlich im Vorteil. Hoffenheims spielerischer Glanz vermochte sich, wen wundert’s, jedenfalls nicht zu entfalten. Wieviel Sinn so ein Spiel aber insgesamt macht, wenn der Schnee alles erstickt, was für modernen Fußball steht, muss jeder für sich selbst beantworten.

Statt also auf Platz 3 der Tabelle zu hüpfen, rutschte Hoffenheim im Schnee auf Platz 6 ab und muss am Mittwoch gegen Stuttgart unbedingt gewinnen, um den Anschluss an die Spitzengruppe hinter den mal wieder über allem thronenden Bayern nicht zu verlieren. Danach geht’s nach Dortmund mit dem neuen 3-Punkte-Trainer, dann in die Winterpause: wo es so viel Schnee geben darf, wie jeder sich wünscht, solange der Schlitten des Weihnachtsmanns nicht ebenso drin steckenbleibt wie der Fußball der TSG in Hannover!

Foto: Alexander H. Gusovius

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Alexander H. Gusovius