„Nach mehreren Jahren aus Übersee zurückgekehrt, schaute ich Donnerstagabend zum ersten Mal wieder ein Spiel der TSG 1899 Hoffenheim. Zwischendrin hatte ich jeglichen Kontakt zum Fußball verloren und wusste nur, dass die Bayern weiterhin das Maß aller Dinge im deutschen Fußball sind. Zu meiner Überraschung handelte es sich um eine Partie in der Euro-League: Hoffenheim empfing Razgrad aus Bulgarien. Respekt! Denn als ich Deutschland verließ, taumelte die TSG noch im unteren Drittel der Tabelle herum.

‚Wie schön‘, dachte ich, ‚die Dinge haben sich zum Besseren gewendet.‘ Dann sah ich, dass Eugen Polanski, inzwischen Kapitän, immer noch auf der Sechs spielte. Sonst aber erkannte ich niemanden mehr, außer Braunschweigs Bicakcic und Gladbachs Nordtveit, die also inzwischen zur TSG gewechselt waren. Kein Beck, kein Salihovic mehr, kein Rudy, kein Casteels. ‚Klar‘, dachte ich, ‚der Kader ist nicht mehr derselbe. Ein paar Jahre reichen aus, das Gesicht einer Mannschaft weitgehend zu verändern.‘

Trotzdem war ich überrascht, wie jung die TSG-Spieler waren! ‚Kann Hoffenheim mit einem derart radikal aufgefrischten Kader tatsächlich bestehen?‘ fragte ich mich. Die ersten Spielminuten sahen wahrlich nicht danach aus. Ziemlich ungeordnet wirkten die blauen Reihen, viele Pässe gingen ins Leere, weil es am Verständnis untereinander fehlte. Aber das dauerte nicht lang, dann zog diese blutjunge TSG ein beeindruckendes Ballbesitzspiel auf und drückte den technisch starken Gegner aus Bulgarien immer tiefer in die eigene Hälfte. Der Treffer zum 1:0 durch Ochs, vorgelegt vom brillanten Hack, war die logische Folge. Diese blutjunge Truppe war erstaunlicherweise absolut wettkampftauglich…“

So oder so ähnlich würde jemand das Spiel der Hoffenheimer B-Elf gegen Ludogorets Razgrad wohl wahrgenommen haben, der keine Ahnung davon gehabt hätte, dass die TSG über eine ganz andere erste Besetzung verfügt. Die Idee von Julian Nagelsmann, mit Kobel im Tor und mit den Feldspielern Bicakcic, Lorenz, Hoogma, Nordtveit, Polanski, Passlack, Rossipal, Ochs, Zulj und Hack eine Art Jugend-forscht-Truppe aufzubieten, war im Vorfeld durchaus kritisch gesehen worden – bzw. hätte wohl niemand gedacht, dass der Trainer seine Idee derart konsequent umsetzen würde. Wie sollten so viele junge, gerade mal volljährige Spieler, auf europäischem Niveau mithalten können?

Was dann auf dem Rasen geschah, war jedoch eine Demonstration von Temperament und Qualität! Knapp 15 Minuten brauchte die No-name-Truppe, um sich zu finden – und feinen Fußball zu bieten, der über den langen Rest des Spiels hinweg nie langweilte, sondern oftmals begeisterte und mitunter sogar staunen machte. Skenderovic, Bühler und Otto, im Laufe der zweiten Halbzeit eingewechselt, fügten sich ebenfalls nahtlos ins wundersame Geschehen ein. Ochs musste verletzt raus, hoffentlich nicht schwer. Der TSG-Nachwuchs bestand seine Feuerprobe mit Bravour und wird Dietmar Hopp, dessen Herz schon immer für die Jugendarbeit schlägt, hellauf begeistert haben.

Und nicht nur ihn… Hier wurden sehr junge Spieler ins Schaufenster gestellt und haben Werbung für sich, aber auch für die ganze TSG gemacht: Ein Verein, der so viel Qualität in der Jugend hat, muss vieles richtig machen! Denn diese völlig uneingespielte Truppe war jetzt schon so gut, dass sie, mit etwas mehr Spielerfahrung, ohne Weiteres in der Bundesliga bestehen könnte. Und das ist, wie soll man es anders sagen, sensationell. Schade nur, dass so wenige Zuschauer ins Stadion kamen…

Die angemahnte Wettbewerbsverzerrung blieb aus. Jung-Hoffenheim hat gespielt und gekämpft, fast wie die ‚Alten‘, hat dem Gegner alles abverlangt und nur durch ein irreguläres Tor verloren. Dass der Trainer darüber ziemlich verärgert war, ist gut zu verstehen, doch wird sein Jugendteam das Remis trotzdem wie einen Sieg empfunden haben. Und um die Zukunft der TSG muss niemandem bange sein, der gesehen hat, welch unfassbares Potential hier im Jugendbereich schlummert!

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius