Erst Razgrad, dann Hannover

Heute Abend gegen Razgrad geht es nur noch ums Image, nicht mehr um Punkte. „Das erste Mal“ klingt unwiderruflich aus – und hat sich als ähnlich freudiger, wenngleich schwieriger Schritt erwiesen wie andere erste Male im Leben auch. Es wäre zwar mehr drin gewesen, es hätte viel länger dauern können und sollen! Tja, das sagt sich hinterher immer so leicht. Entscheidend ist letztlich, was danach geschieht…

Erstmal gilt es, sich mit Anstand und Leidenschaft aus der Euro-League zu verabschieden. Eine förmlich salomonische Entscheidung hat Julian Nagelsmann dazu getroffen und viele blutjunge und manche anderen Spieler aufgeboten, die sonst nicht oft oder sogar nie zum Zug kommen. Ihnen ist zuzutrauen, dass sie alles in die Partie werfen, um sich für weitere Einsätze zu empfehlen – mehr als den etablierteren Kräften, die vermutlich etwas gebremst antreten würden, um Kräfte fürs Spiel am Sonntag gegen Hannover zu schonen. Die Entscheidung des Trainers sorgt also für Fairness auf dem Feld, in der Euro-League-Gruppe und im Kader!

Die Partie gegen Razgrad hat dadurch ihren eigenen Reiz. Sie quasi abzuschenken, wäre ja kein guter Charakterzug, auch nicht gegenüber den Fans. Sie für Talente und Zukurzgekommene zu öffnen, die für ordentlich Dampf sorgen, bietet zugleich die einmalige Chance, auch Spieler wie Skenderovic oder Zulj unter Wettkampfbedingungen spielen zu sehen. Denn für Razgrad geht es ums Weiterkommen, die Bulgaren benötigen dazu mindestens ein Remis!

Schauen wir uns also entspannt an, was die „Kinderstube“ bzw. der „Talentstall“ der TSG samt den erfahreneren Spielern wie Polanski und Bicakcic zustande bringt. Und freuen wir uns aufs drei Tage später anstehende Auswärtsspiel in Hannover. Der Heimsieg über Leipzig hat uns gezeigt, dass die TSG von den vielen englischen Wochen lang nicht so ausgezehrt ist, wie man befürchten musste. Mit neuer Leidenschaft und in hoher mannschaftlicher Geschlossenheit hat unsere TSG Leipzig regelrecht zerlegt und damit einen Richtwert geschaffen für den „Rest“ der Saison, der noch lang genug dauert, um viel Gutes zu erreichen.

Vermutlich wird Julian Nagelsmann in Hannover eine ähnliche Taktik einschlagen wie gegen die roten Bullen. Die 96-er können sich vor eigenem Publikum schließlich nicht gut hinten reinstellen, sondern müssen versuchen, das Spiel zu bestimmen. Es wird, falls sie sich zieren, Hoffenheimer Taktik sein, sie dazu förmlich einzuladen und erst dann mit TSG-typischen, spielerischen Akzenten zu trumpfen, wenn aus Balleroberungen und Kontern bereits der eine oder andere Treffer erzielt wurde. Der TSG-Matchplan wird jedenfalls nicht vorsehen, Hannover konsequent per Ballbesitz zu besiegen.

Das hat gegen Leipzig glänzend funktioniert. Und Hannover muss man, auch wenn die Ergebniskurve des furios in die Saison gestarteten Aufsteigers etwas verflacht ist, ebenso ernstnehmen und taktisch versiert angehen. Elf ihrer neunzehn Punkte haben die 96-er auf heimischem Geläuf eingefahren, sie sind als besonders heimstark einzuschätzen, wobei die Heimsiege eher knapp ausfallen und davon leben, im Schnitt weniger als ein Tor pro Spiel zuzulassen.

Eine schwer zu berechnende Größe ist der Umstand, dass sie in Hannover wissen, dass sie ganz kurz davorstehen, einen echten Leistungsknick zu erleiden: Der ideale Saisonstart könnte pulverisiert sein, bevor ein beruhigendes Polster gegen Abstiegssorgen eingefahren ist. Das Bewusstsein um solche Zusammenhänge kann nervös machen – oder zusammenschweißen. Dasselbe gilt für die Unruhe um Horst Heldt, der anscheinend aus eigenem Antrieb als Sportdirektor nach Köln wollte, aber beteuert, angefragt worden zu sein – und in Hannover bleiben muss.

Fassen wir zusammen: Hannover ist heimstark, schießt nicht viele Tore, kassiert aber noch weniger, rutscht in der Tabelle nach unten ab und ist von den Querelen um Horst Heldt irritiert. Hoffenheim spürt die Befreiung von der Last der englischen Wochen, hat neuen Zugang zu sich selbst gefunden und schießt auswärts bislang fast so viele Tore wie Hannover daheim. In der Summe spricht deshalb viel für drei Auswärtspunkte. Damit sie wahr werden, fehlt nur noch eines, das wichtigste: Auf geht’s, Hoffe, kämpfen und siegen!

Foto: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius