DIE ANTWORT

Nach dem verlorenen Spiel in Hamburg hatten diejenigen Stimmen Oberwasser, die schon eine Weile vernehmlich „Land unter“ geflüstert hatten: Hoffenheim in der Krise hallte es unter der Woche fast nur noch durch die Medien! Glänzender konnten die Sorgen und Ängste, die sich zunehmend auch sonst überall breitgemacht hatten, allerdings nicht widerlegt werden als durch das nun folgende, grandiose 4:0 über den Vizemeister aus Leipzig.

Zugetraut hatte uns eine solche Leistung eigentlich niemand mehr! Und der Auftritt in Hamburg war ja auch trist und, zum Glück, der Schlussakkord einer Serie immer schwächerer Auftritte… Zu sehen war in Hamburg noch eine seelenlose, mit sich und den Nebenleuten hadernde Truppe, die nur noch ein Schatten ihrer selbst zu sein schien und die besten Zeiten offenbar hinter sich hatte. Tja, so kann man sich täuschen: Leipzig wurde in einer Mischung aus Laufbereitschaft, Disziplin, Spielfreude und Zusammenhalt regelrecht neutralisiert.

Wer geunkt hatte, dass die fehlenden Trainingszeiten in den vielen englischen Wochen höchstens als Ausrede zu gelten hätte und Trainer Nagelsmann am Ende seines Lateins angekommen wäre, rieb sich die Augen und musste erkennen, dass die volle Trainingswoche zwischen Hamburg und Leipzig anscheinend doch zu erheblicher Verbesserung beitrug. Aber es war wohl noch ein weiterer Faktor entscheidend am Hoffenheimer Neustart beteiligt. Denn die Mannschaft hatte sich nach der Blamage in Hamburg zum ersten Mal offen und ehrlich im Spiegel angeschaut und erkennen müssen, dass ihr Bild von sich selbst, das Bild einer spielstarken, technisch versierten Elf, bloß noch Einbildungswert hatte. Das Wunschbild stimmte einfach nicht mehr mit den Tatsachen überein. Und genau dadurch wurde der nötige Ehrgeiz, das unstillbare Verlangen geweckt, sich nicht länger zu belügen, – was dem Trainer bestimmt massiv geholfen hat, den Schalter umzulegen: Selbsterkenntnis ist immer der erste Schritt zur Verbesserung!

Nur so konnte gelingen, was dann zu beobachten war: Vom Fleck weg setzte unsere Mannschaft den Gegner aus Leipzig so massiv unter Druck, dass er zu den befürchteten schnellen Läufen gar nicht mehr ansetzen konnte. Werner bspw. war komplett aus dem Spiel genommen, Keita kochte vor Ärger, Forsberg spielte sich vergeblich die Füße wund. Weder über die Flanken noch durch die Mitte fand Leipzig die offenen Räume, um die gewohnten feinen Spielzüge Richtung Tor zu realisieren. Stattdessen waren die Bullen gezwungen, immer wieder hinten herum neu aufzubauen – und setzten sich folglich immer aufs Neue der Gefahr aus, gefährliche Ballverluste zu erleiden…

Drei solcher Ballverluste sorgten dafür, dass der Vizemeister, der nicht wusste, wie ihm geschah, letztendlich wie gefesselt am Boden lag. Drei starke Einzelleistungen waren dafür nötig, die aus dem starken Willensverbund der TSG situativ herausragten – wie es eben immer so ist, dass besondere individuelle Leistungen nur auf dem Boden einer starken Gemeinschaft wachsen können. Den ersten Moment kreierte Geiger, als er halblinks in der eigenen Hälfte an den Ball kam und weiter nach links abgetrieben wurde. Doch statt in die dort zugestellten Räume zu gehen, drehte er sich rückwärts Richtung Baumann mit dem Ball um sich selbst, sah aus dem Augenwinkel Baumanns Arm nach rechts weisend und schickte Kaderabek dorthin, mit einem idealen, langen Pass in die Weite des rechten Halbfelds, was über Rupp zu Amiris Tor führte.

Der zweite Moment war Akpogumas blitzschnell angesetzter, langer Ball nach vorn in den Laufweg von Gnabry, der nach ein paar Schritten wuchtig abzog, so dass Gulacsi keinerlei Chance hatte, die Rakete am Einschlag zu hindern. Und auch beim dritten Moment bekam Gulacsi keinen Zugriff: Amiri war diesmal der Auslöser, der nach Balleroberung einen harten Ball steil wieder auf Gnabry spielte. Und Gnabry hob kurz den Kopf, sondierte in Bruchteilen einer Sekunde das Terrain und fabrizierte aus über 40 Metern eine magische Bogenlampe, die über Gulacsi hinweg in die Maschen segelte!

Zwischen diesen drei Momenten lag viel Zeit, in der Leipzig – wahrlich keine Gurkentruppe – mit allen Mitteln und Tricks versuchte, selber gefährliche Situationen heraufzubeschwören. Es gelang jedoch nicht! Der Grund dafür war, dass Hoffenheim bis zur letzten Minute konzentriert alles zulief, was sich irgendwie gefahrbringend hätte entwickeln können, und dafür am Ende auch noch den Lohn durch Uths Treffer zum 4:0 einfuhr. Dies Bündel aus gesamtmannschaftlicher und individueller Leistung war im exakt richtigen Augenblick die exakt richtige Antwort auf die letzten Wochen! Der Funke sprang denn auch über zwischen Mannschaft und Fans, deren schöne Boxkampf-Choreo zurecht mit blau-weißem Konfetti überrieselt werden konnte.

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius