Leipziger Allerlei

Leipziger Allerlei besteht aus jungen Erbsen, Karotten, Spargel und Morcheln, sagt Wikipedia über das berühmte Gericht. Wenn man das so liest, sieht man die Vielrenner von RB Leipzig, unseren nächsten Gegner, förmlich vor sich: jenes junge, rasch hochgezogene Gemüse aus Sachsen. Häufig, liest man weiter, würden auch grüne Bohnen, Blumenkohl oder Kohlrabi sowie Zwiebeln dazugetan.

Es kann hier nicht darum gehen, auch wenn es reizvoll wäre, die einzelnen Spieler von RB mit den jeweiligen Gemüsesorten zu vergleichen. Schauen wir uns lieber an, wie es zu dem Rezept kam. Laut Wikipedia soll der Leipziger Stadtschreiber Malthus Hempel den Stadtvätern im Zuge der Napoleonischen Feldzüge aus Angst vor Armutsflüchtlingen vorgeschlagen haben: „Verstecken wir den Speck und bringen nur noch Gemüse auf den Tisch, sonntags vielleicht ein Stückchen Mettwurst oder ein Krebslein aus der Pleiße dazu. Und wer kommt und etwas will, der bekommt statt Fleisch ein Schälchen Gemüsebrühe und all die Bettler und Steuereintreiber werden sich nach Halle oder Dresden orientieren.“

Trickreich waren sie also schon immer, die Leipziger! Kommen nett und adrett daher und verstecken ihr Potential hinter bescheidenem Auftreten, während sie Punkt um Punkt einfahren und sich auf leisen Sohlen auf Platz 2 der Tabelle vorgearbeitet haben. Und der Besuch in Sinsheim soll sie von den dahinter lauernden Vereinen wie Schalke, Gladbach und Dortmund noch ein Stückchen weiter entfernen. Besser gesagt hat die Truppe von Rangnick und Hasenhüttl nichts anderes im Sinn, als uns die drei Punkte wegzuschnappen.

Der Moment scheint ja nicht ganz ungünstig gewählt. Hoffenheim hat eine längere Wegstrecke hinter sich, die von Siegen nicht eben gepflastert ist. Und bei der Niederlage in Hamburg wurde deutlich, dass tatsächlich etwas im Getriebe der TSG ruckt und kracht. Die Rädchen greifen nicht mehr so glatt ineinander wie noch letzte Saison. Da wären wir für die roten Bullen doch eigentlich ein gefundenes Fressen.

Ob es so kommt, bleibt aber abzuwarten. Auf dem Papier ist Leipzig wohl der Favorit, RB hat jedoch nur sechs Punkte mehr auf dem Tabellenkonto. Allzu aussagekräftig ist das nicht. Der Blick aufs Torverhältnis relativiert die Favoritenrolle noch mehr: 22:15 gegen 21:18. Leipzig hat demnach ein Törchen mehr erzielt als Hoffenheim und drei weniger kassiert. Dass dazwischen Welten liegen, kann man nicht sagen.

Worauf kommt es dann an? Dass wir die Müdigkeit, Unentschlossenheit und Eitelkeit aus den Trikots schütteln und Leipzig die Stirn bieten. Leider muss unser Abwehrchef Vogt wegen seiner fünften gelben Karte pausieren – und ob Hübner oder Bicakcic wieder einsatzfähig sind, ist unklar. Aber man kann mit Leipzig sowieso nicht mithalten, wenn man nicht selber Tore schießt. Darauf kommt es also noch mehr an! Möglicherweise fehlen allerdings Gnabry und Wagner. Andererseits verstehen sich Uth und Kramaric im Sturmzentrum sehr gut. Fazit: Es könnte schlimmer sein. Und Jammern auf hohem Niveau bringt auch niemanden weiter.

Die Euphorie um die TSG ist momentan eher verebbt. Und Julian Nagelsmann hat alle, sich selbst und jeden Mitarbeiter eingeschlossen, dazu aufgefordert, mehr produktive Unzufriedenheit an den Tag zu legen. Der Weckruf wird hoffentlich Wirkung zeigen: Umgekehrt könnte Leipzig vor dem letzten entscheidenden CL-Spiel am Mittwoch, wo es ums Weiterkommen geht, dazu neigen, sich nicht völlig verausgaben zu wollen. Darum ist unterm Strich die Lage am Samstag ziemlich unübersichtlich. Alles ist möglich… Also auf geht’s, Hoffe, kämpfen und siegen!

Foto: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius