Schiffchen versenkt

„Hamburg, meine Perle“, sangen die ca. 50.000 Hamburger Fans vor dem Auftritt von Hoffenheim.
Als das Spiel vorbei war, hatte der HSV drei Tore auf dem Konto, die TSG keins. Es fehlte dem HSV somit nur ein Tor, dann hätten die Heimfans im Volksparkstadion mit Fug und Recht auch noch eine leicht veränderte alte Weise anstimmen können: „Ick heff mol en Sinsheimer Veermaster sehn, de Masten so scheef as den Schipper sien Been.“

Ja, die stolze Fregatte TSG trat die Heimreise arg ramponiert an. Drei Schüsse unter die Wasserlinie hatten sie aus dem Rennen genommen, die Mannschaft hastete ziellos über und unter Deck herum, der Kapitän wirkte versteinert – während die Matrosen aus Hamburg den Sieg ausgelassen feierten.
Viele hatten im Vorfeld nicht auf sie gesetzt, allen voran nicht die erfolgsverwöhnten Kraichgauer Binnenschiffer selbst, die am Ende aber einsehen mussten, dass Erfolg erstens kein Selbstläufer ist und zweitens auch nicht beliehen werden kann: vor allem nicht, wenn er schon eine Weile zurückliegt.

„Wir dürfen nicht von der Vergangenheit zehren – keiner von uns. Die Tabelle sieht besser aus, als wir aktuell sind. Wir müssen auf dem Boden der Realität ankommen“, kommentierte denn auch Julian Nagelsmann die ebenso unerwartete wie deftige Niederlage, die vor allem dadurch zustande kam, dass man den HSV unterschätzt und sich selbst zu viel zugetraut hatte. Die Lässigkeit, mit der mancher Hoffenheimer Spieler die Partie bestreiten zu können glaubte, stand jedenfalls in krassem Kontrast zur hohen Kampf- und Laufbereitschaft der Hamburger Spieler.

Die Niederlage in Hamburg bestätigt also den Trend der letzten Wochen und sollte vor allem für eines gut sein: sich zu hinterfragen und an den klar erkennbaren Defiziten zu arbeiten. Das ist jedoch leichter gesagt als getan, so rasch wird man Irrtümer über sich selbst nicht los! Wenigstens kann in
dieser Woche wieder richtig trainiert werden, um den Weg zurück in die Spur zu finden. Ob das schon bis nächsten Samstag gelingt? Vielleicht ja, vielleicht nein: Die Herausforderung, die Leipzig darstellt, kann brachliegende Qualitäten wecken oder zu noch mehr nüchterner Selbsterkenntnis einladen, je nachdem… Allerdings wird dann mit Kevin Vogt wegen seiner fünften gelben Karte unser wichtigster Abwehrspieler fehlen!

In der Summe war der Hoffenheimer Auftritt in Hamburg enttäuschend gedanken- und blutleer. Natürlich haben die vielen englischen Wochen dazu beigetragen, aber man spürte doch bei einigen Spielern auch eine fatale Überheblichkeit und sah gleichzeitig das mannschaftliche Gefüge immer mehr auseinanderfallen. Nur gewinnt man in der Bundesliga keine einzige Partie, wenn man nicht füreinander kämpft und miteinander spielt. Dieser Trend mannschaftlicher Erosion muss deshalb als erstes umgedreht werden. Dann kehrt auch die Freude aneinander und am Spiel zurück, was am Ende Punktgewinne nach sich zieht.

Geben wir zum Schluss einer Hamburger Stimme das Wort. Marcus Scholz von rautenperle.de, genannt Scholle, hat kürzlich ja schon einige sehr sympathische Bemerkungen über uns auf dem Hoffenheimblog veröffentlicht. Seine Anmerkungen zum Spiel Hamburg-Hoffenheim hat er uns noch am Sonntagabend übersandt – und den Nagel doch ziemlich auf den Kopf getroffen, oder?

Liebe Hoffenheimer! Ich habe es vor dem Spiel gehofft und es kam tatsächlich so: Der HSV hat sich den Sieg gegen eure Mannschaft hart verdient. „Einen dreckigen Sieg“ hatte ich prophezeit. Aber ich muss gestehen, mich hier geirrt zu haben. Denn der HSV hat zwar Kampf bis zum Letzten geboten, aber zwischendrin auch immer wieder fußballerisch Akzente setzen können. Den Umstand, dass Hoffenheim am Donnerstag noch im Einsatz war, machten sich Gisdols Mannen zunutze und hielten das Tempo dauerhaft hoch. Sie ließen die Hoffenheimer gar nicht erst ins Spiel kommen. Und was der eine oder andere sicher wieder als schwaches Spiel der Hoffenheimer wertet, werte ich als taktisch wie spielerisch clever und gut umgesetzt vom HSV. Immer wieder früh attackiert und schnell über die Außen in die Spitze kommen – das war das Motto. Es gab eine kurze Phase am Ende der ersten Hälfte und zwischen der 55. und 75.Minute ein, zwei Szenen, da hätte das Spiel kippen können. Tat es aber nicht, zu unserem Glück. Und am Ende war es tatsächlich ein verdienter Sieg, wie ich finde. Und
während wir den Relegationsplatz verlassen konnten, seid ihr punktgleich mit den internationalen Rängen. Ich finde, damit kann man doch gerade noch leben, oder? Immerhin dürft ihr ab sofort gern wieder gewinnen… In diesem Sinne, Euch alles Gute und hoffentlich bis spätestens zum Rückspiel!

Ahoi aus Hamburg, Scholle

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Alexander H. Gusovius