Moin, moin, liebe Anhänger der TSG!

International Fußball spielen – das gab es in Hamburg auch mal. Und es waren wirklich schöne Reisen mit oft erfolgreichen Spielen für den HSV. Orte wie Braga, die man sich sicher nicht als Urlaubsziele wählt, standen dabei immer wieder auf dem Plan. Man hat einfach was von der Welt kennengelernt – und guten Fußball gespielt. Insofern kann ich mir vorstellen, dass es Euch Hoffenheimern auch sehr viel Spaß macht – trotz der aus meiner Sicht extrem unnötigen Niederlage in Braga. Denn festzuhalten bleibt, dass Ihr derzeit den Weg geht, auf dem wir uns in Hamburg vor knapp zehn Jahren sicher wähnten. Zu sicher. Denn der Absturz war brutal. Noch brutaler als das wirklich unnötige Aus Eurer TSG in der Gruppenphase.

Ich weiß sehr wohl, dass ich in Hamburg und wahrscheinlich auch bundesweit eher ins Abseits gestellt werde, wenn ich Sympathien für Klubs wie Leipzig oder auch Hoffenheim bekunde. Aber ich kann nicht anders. So unterschiedlich diese beiden auch sind, werden sie immer wieder gleichermaßen als Retortenklubs abqualifiziert – dabei überholen sie gerade den größten Teil des deutschen Spitzenfußballs im Eiltempo. Warum? Weil einfach gut gearbeitet wird. Mit einer Menge Geld sicherlich – aber soll ich mich als Hamburger tatsächlich gerade darüber echauffieren…? Eher nicht.

Denn gerade wir in Hamburg wissen, dass viel Geld nicht automatisch auch viel Erfolg nach sich zieht. Sehr wohl aber gute Arbeit – und die leistet ein Julian Nagelsmann ganz offensichtlich in Hoffenheim mit seinem Funktionsteam zusammen, während Euer Ex-Trainer bei uns versucht, die Mängel möglichst erfolgreich zu verwalten. Zuletzt haben wir hier die letzte Patrone gezündet und auf zwei Youngster gesetzt – die zum Glück voll eingeschlagen sind. So, wie man es hier auch einem Kerem Demirbay zugetraut hatte. Also, alle außer Trainer Bruno Labbadia, der ihn gegen den Willen aller im Vorstand partout loswerden wollte, der ihn auch loswurde – und der dann kurz danach selbst gehen musste. Ein bezeichnender Akt für die Misswirtschaft hier seit Jahren…

Und deshalb stehen wir auch da, wo wir stehen. Zurecht sage ich, während viele von Euch sicher sagen, wir gehören sogar noch weiter runter und hätten längst den Gang in die Zweite Liga gehen sollen. Und es mag sein, dass es vielen hier guttun würde, die Demut an den Tag zu legen, die ein derartiger Misserfolg mit sich brächte. Denn eines ist klar: Der HSV wähnt sich in Gänze noch immer größer, als er ist. Hier lebt man von einer Tradition, die mit der Realität nichts mehr zu tun hat. Und ein gutes Indiz für diese Fehleinschätzung seid Ihr Hoffenheimer. Ihr, die ihr international vertreten seid, während wir hier Jahr für Jahr gegen den Abstieg kämpfen. Trotz ähnlicher wirtschaftlicher Voraussetzungen mit den potenten Geldgebern im Rücken…

Wobei, so fair muss man sein: Die aktuelle Mannschaft hat in sich wenig von dieser Arroganz. Im Gegenteil: Sie hat sympathische Typen, die vielleicht teure Autos fahren, die aber auf dem Boden geblieben sind und sich nicht für Überflieger halten, die nur einem Missverständnis geschuldet und maximal übergangsweise unten in der Tabelle hausieren. Mathenia, Diekmeier, Papadopoulos, Mavrai, Sakai, Gideon Jung, und Andre Hahn sind echte Teamplayer und demonstrieren das auch außerhalb des Platzes. Sven Schipplock hätte ich natürlich genauso wie Sejad Salihovic dazuzählen müssen – aber die beiden sind sportlich leider nicht mehr erste – Schipplock nicht einmal mehr zweite – Wahl. Diese beiden stehen eher für das, was den HSV neben seiner falschen Arroganz ausgezeichnet hat: Fehlinvestitionen. Und davon hatten wir in den letzten Jahren mehr als genug – was Euch freuen dürfte. Denn wir können nicht nur schlecht einkaufen, sondern sogar noch schlechter verkaufen. Wer zu uns kommt, wird schlechter, wer geht – der wird besser. Siehe Kerem Demirbay…

Insofern, die Gemeinsamkeiten, lieber Alex, die Du aufgezählt hast (im Gastkommentar des Hoffenheimblogs auf Rautenperle.com, folgt unten), sind tatsächlich die einzigen, die wir noch haben. Denn sportlich seid Ihr vor ein paar Jahren – stetig anhaltend – an uns vorbeigezogen. Mit einem Mäzen wie Dietmar Hopp im Rücken, der im Gegensatz zu Klaus Michael Kühne eine Philosophie verfolgt. Hopp hat neben viel Geld auch einen Plan, der auf mehr als zwei Monate im Voraus geplant ist. „Konstanz“ eben – also das, was in Hamburg von allen gefordert und von niemandem gelebt wird. Und ich halte es auch in Sachen Hopp/Kühne mal mit Stefan Reuter. Der Sportchef des FC Augsburg hat mir während einer Doppelpass-Sendung in der Pause einmal gesagt, was wahrscheinlich alle denken. Auch die, die mit niveaulosen Plakaten gegen Euren Mäzen/Investor demonstrieren: „In der ganzen Bundesliga würde nicht ein Verein Geldgeber dieser Art ablehnen. Im Gegenteil: Alle wollen sie. Die meisten suchen sie sogar…“

In diesem Sinne wünsche ich uns allen für morgen ein faires, schönes Fußballspiel. Auch Dir lieber Alex! Wobei ich bei aller Freundschaftlichkeit an dieser Stelle nicht verhehlen möchte, dass die Punkte natürlich hierbleiben müssen. Wir brauchen sie schlichtweg noch mehr als Ihr…

Bis dahin!
Scholle

 

Die Farbe blau

Gastkommentar von Alexander H. Gusovius

für Rautenperle.com

 

Hoffenheim und Hamburg? Viel weiter auseinander geht’s ja nicht! Denkt man, aber in Wahrheit verbindet den HSV und die TSG eine ganze Menge. Angefangen mit Markus Gisdol und Bernhard Peters, die von Hoffenheim nach Hamburg wechselten, weiter mit Eurer TSG-Legende Salihovic und unserem Mittelfeldmotor Demirbay, der vom HSV verschmäht wurde, bis hin zur geteilten blauen Trikotfarbe!

Außerdem ist Euer Käpt’n Schwandt ein langjähriger, guter Freund von mir, der mit Fußball zwar nicht so viel am Hut hat, aber sich doch um den HSV sorgt. Ich habe mich sehr gefreut, dass er vorgestern mal wieder öffentlich aufgetreten ist.

Dass es beim HSV seit ein paar Jahren nicht so gut läuft, finde ich aber nicht nur wegen dem Käpt‘n schade. Man muss nicht gleich an die seligen Zeiten von Magath, Hrubesch und Kaltz und schon gar nicht daran denken, dass den ewigen Bayern und den momentan schwächelnden Dortmundern ein bisschen Konkurrenz aus der Hansestadt guttun würde – der HSV sollte sowieso eine kräftigere Farbe in der Bundesliga sein. Was nicht heißt, dass ich am Sonntag beide Daumen für die Heimmannschaft drücke.

Es ist klar, dass uns am Sonntag im Volksparkstadion ein schweres Spiel erwartet. Nach dem Aus in der Euro-League sind Kopf und Beine schwer – und der HSV ist ein äußerst unangenehmer Gegner, der konditionell alles abverlangt und es versteht, Chaos in den gegnerischen Reihen anzurichten. In welcher Formation wir auflaufen, ist unklar: vielleicht wieder mit Wagner in der Spitze, aber sonst nicht großartig anders als zuletzt.

Ob das Spiel fußballerisch ein Genuss wird? Wahrscheinlich nicht! Eher ein Kampfspiel mit Kilometer-Rekorden, intensiven Zweikämpfen und hoffentlich nicht zuviel Hektik… Kann sein, dass ein Remis am Ende dabei herausschaut, das keinem richtig wehtut und keinem richtig nutzt. Wenn’s anders kommt und Hoffenheim gewinnt, freue ich mich natürlich und drücke dem HSV ab Montag fest die Daumen!

Deine Meinung zum Artikel:
Marcus Scholz

Sportjournalist, Blogautor von Rautenperle.com, früher HSV-Reporter beim Hamburger Abendblatt, berichtet zusammen mit Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche über den HSV, vom Training, von Spielen, in Interviewterminen mit Spielern und Vereinsbossen. Bekannt aus dem „Doppelpass“.