Auf Wiedersehen, Europa

Einen dicken Hals hat man wann, wodurch und wobei? Bspw. durch eine Schilddrüsenüberfunktion. Oder bei heftiger Erkältung. Oder nach einem Spiel, das man irgendwie verstolpert, also verloren hat, ohne so richtig zu wissen wie, aber ahnend, dass man letztlich selber schuld daran ist – was letztlich den Unmut so richtig anheizt… Das ging gestern den Spielern der TSG nicht anders als dem Blogger am Bildschirm, nur dass sich daheim niemand anbot, an dem er den dicken Hals – ähnlich wie Vogt, Schulz oder Szalai kurz vor Spielende – abarbeiten konnte.

Die beste Fußballehefrau von allen hätte das auch nicht verdient, ihr Hals war womöglich sogar noch mehr angeschwollen: Fußballblogger schweben auch nicht gern in Lebensgefahr. Darum setzte statt polternden Unmuts alsbald fiebriges Nachdenken ein über das, was Hoffenheim im europäischen Wettbewerb zustande gebracht bzw. eben nicht zustande gebracht hat. Denn die schmerzliche Niederlage in Braga war ja nur der Schlussakkord einer ganzen Serie eher missglückter Auftritte.

Zwei rote Linien werden sichtbar, wenn man die Ereignisse einigermaßen ruhig abgleicht: fehlendes Feintuning durch zu wenig Zeit für Training sowie falsche Selbsteinschätzung nach dem großartigen Heimspiel gegen Liverpool. Dort, in der Champions-League-Quali, liegt der Ursprung für alles, denn dort hatte unsere Mannschaft ein Spiel mindestens auf Augenhöhe abgeliefert und sich in die Idee verstiegen, mit den Größten mithalten zu können. Im Prinzip stimmte das sogar, rein auf die Spielfähigkeit und -freude bezogen. Nur dass es an Erfahrung und Abgezocktheit fehlte, um die vorhandene Qualität auch in Punktgewinne umzumünzen.

Kramaric und Demirbay sind dafür herausragende Beispiele. Seit Kramaric den Elfer gegen Liverpool geradezu täppisch vergeigte, ist er beim Abschluss nur noch ein Schatten seiner selbst. Vom diesem Augenblick an wirkte er seltsam gehemmt – die Torgefahr, die eigentlich von ihm ausgeht, steckte er fast nur noch in vorbereitende Aktionen. Die waren wertvoll, keine Frage, aber es ging dabei doch viel von seinem Potential verloren: Kramaric ist ein Beispiel für traumatische Selbstherabstufung.

Das umgekehrte Bild bei Demirbay: Seit er im Hin- und Rückspiel gegen Klopps Truppe glänzte und danach von ihm vertraulich den Arm um die Schulter gelegt bekam, wirkte er bei nicht wenigen Aktionen etwas zu staatstragend, zu ideenverliebt. Zur Effizienz der Spiele trug er damit natürlich nicht bei. Gestern war das einmal mehr deutlich zu sehen, vor allem als Amiri, der die erste Halbzeit im Sturm verbracht hatte, in Halbzeit 2 zu ihm ins Mittelfeld stieß und dort die wesentlich klareren Aktionen auf den Weg brachte.

Auch als Gnabry zu Beginn der zweiten Halbzeit eingewechselt wurde, profitierte unser Angriffsspiel davon enorm. Und die kurz danach vollzogene Einwechslung von Uth für Geiger schärfte ebenfalls das offensive Bild. Mit der Einwechslung von Szalai war es jedoch um die kurze Blütezeit geschehen, was aber nicht an Szalai selbst lag, sondern daran, dass vom selben Moment an wieder alle Aktionen Richtung Mitte liefen und Gnabry dadurch nahezu aus dem Spiel genommen war. Der extreme Mehrwert, den er offensiv darstellt, wurde dadurch nicht genutzt.

Solche und andere Feinheiten – vor allem, wie man mit defensivstarken Mannschaften umgeht, die unser filigranes Aufbauspiel unterbinden – blieben durch den engen Spielrhythmus unbearbeitet. Man erkennt hier keine Verbesserung, sondern sieht unsere Mannschaft voller Elan immer wieder in die gleiche Sackgasse rennen. So entsteht der Eindruck einer europäisch eigentlich spielüberlegenen, am Ende aber zu oft unterlegenen TSG – und deshalb schwillt einem der Hals. Gäbe es mehr Zeit für Training, würden die Spieler jedoch sicher andere Lösungen finden bzw. könnte unser Trainer solche einfädeln, der ja ein filigraner Planer ist und von der zeitlichen Enge ebenfalls gehemmt wirkt.

Wie alles auf Erden hat also auch unser Ausscheiden aus dem europäischen Wettbewerb eine Logik. Die schmeckt uns nicht, sie erzeugt Reizbarkeit und Verdruss, ist letztlich aber unter Unerfahrenheit zu verbuchen. Das komplexe Spiel unserer Mannschaft, das uns letzte Saison in unerwartete Höhen getragen hat, ist in dieser Saison einer ebenso unerwarteten, extremen Belastung ausgesetzt, die erstmal verarbeitet werden muss. Die Erfahrungswerte, die man dabei gewonnen hat, könnten aber über die verlorenen Spiele hinwegtrösten und ein in spielerisches Plus umgewandelt werden. Dann sehen wir uns in Europa bald wieder!

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Alexander H. Gusovius