Von Braga nach Hamburg

Ist das schon die letzte Auswärtsfahrt im europäischen Wettbewerb, der letzte Flug in die Ferne? In Braga muss die TSG am Donnerstagabend in jedem Fall gewinnen, um eine Woche später daheim einigermaßen aussichtsreich ins letzte Gruppenspiel gehen zu können. Theoretisch ist das auch bei einem Remis möglich, im Fall einer Niederlage ist jedoch endgültig Schluss. Und das wäre schade, wo man gerade anfängt, sich an die Euro-League-Spiele zu gewöhnen. Sie sind so etwas wie Zitronat und Orangeat im Weihnachtsstollen: ohne ist auch gut, mit schmeckt letztlich besser.

Erinnern wir uns ans Hinspiel, als Hoffenheim im eigenen Stadion Chancen im Überfluss hatte, bei Weitem ausreichend, um die Partie zu gewinnen. Stattdessen verlor die TSG, weshalb man sich jetzt das Gegenteil wünscht: weniger Chancen, dafür drei Punkte. Ganz unwahrscheinlich ist es nicht, dass es so kommt. Die Portugiesen werden aus ihrer lausigen Defensivarbeit vor allem der ersten Halbzeit gelernt haben und uns keinesfalls mehr jene weiten Räume überlassen, die wir etwas leichtfertig nicht zu nutzen wussten. Umgekehrt ist der Ernst der Lage unseren Spielern klar: Mit dem Rücken zur Wand ist die Verwertung von Chancen oberstes Gebot!

Wenn man das verinnerlicht, vertändelt man nicht mehr so leicht, was sich an Chancen bietet. Und dass sie sich bieten werden, steht fest! Schließlich hat es noch kein einziges Spiel der TSG gegeben, in dem nicht wenigstens die eine oder andere brisante Szene vor dem gegnerischen Tor entstand, häufig bei Kontern. Man muss sie diesmal halt ummünzen… Wenn das nur mal so einfach wäre, denkt man sich andererseits – denn wenn es das wäre, stünde Hoffenheim ziemlich weit oben in der Bundesligatabelle.

Trotzdem: Alles ist möglich, man muss einfach daran glauben. Die nötige Qualität ist vorhanden, jetzt kommt eben noch die nötige Abgebrühtheit dazu! Dann wären wir auch nach Weihnachten vielleicht in der Euro-League unterwegs… Apropos unterwegs: Nur drei Tage nach Braga treten wir in Hamburg an, wo ein uns wohlbekannter Trainer auf drei Punkte lauert, die wir ihm keinesfalls gönnen sollten. Gisdol hatte nämlich nach dem Sieg gegen Stuttgart die Devise ausgegeben, hintereinander weg seine drei Ex-Klubs allesamt zu besiegen, was ihm gleich danach auf Schalke nicht so recht gelang.

Umso heißer ist Gisdol und mit ihm der ganze HSV auf einen Heimsieg gegen Hoffenheim. Da unsere Mannschaft nach dem Spiel in Portugal, so das Kalkül, mit etwas schweren Beinen anreist, könnte der HSV mit dem Gisdol’schen Zerstörerfußball eventuell zum Erfolg kommen: In der Mitte alles ablaufen, unsere Spieler wild jagen und hart stellen, die Außenbahnen auf und ab rennen, bis der Arzt kommt, vor allem jedoch und mit allen Mitteln Chaos anrühren, sodass die TSG den Überblick verliert, mitten im Gewühl ein, zwei glückliche Tore und Schluss.

So in etwa geht hanseatische Phantasie. Unsere geht anders: Durch den Sieg in Braga läuft die TSG mit geblähten Segeln ins Volksparkstadion ein, kreuzt gelassen gegen die nervigen HSV-Böen an und entert alsbald das Tor der Hanseaten, einmal, zweimal, bis den Windmachern dort die Puste und Moral ausgeht. Und am Ende hissen wir die badische Freibeuterflagge! Könnte so geschehen, muss aber nicht…

Machen wir uns lieber nichts vor, vermutlich wird ein hartes Stück Arbeit gegen den HSV vonnöten sein. Wir sind offensiv noch nicht ideenreich genug, um Mannschaften, die rein destruktiv agieren, einfach mal locker auszuspielen. Wir werden den Kampfeswillen des HSV darum wohl annehmen und kreative Ordnung ins absichtsvolle Chaos bringen müssen. Das wird alles andere als leichtfallen, hat aber die größte Aussicht auf Erfolg. Deshalb das Motto der Woche: Auf geht’s, Hoffe, doppelt fighten, doppelt siegen!

Foto: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius