Die Eintracht, Wagner und der Videobeweis

Hätte es letzte Saison den Videobeweis schon gegeben, wäre Abraham wegen seines Ellenbogens, den er gegen Wagner brutal ausfuhr, garantiert vom Platz geflogen. Diesmal kommt er mit so etwas aber nicht durch. Denn dann würde der Videoschiri in Köln natürlich sofort… Ähm, ja, was eigentlich? Offenbar darf man in Köln nur eingreifen, sagt DFB-Chef Grindel im Doppelpass, wenn der Schiri vorort etwas gar nicht gesehen hat – also nicht, wenn er doch etwas gesehen hat, aber eben falsch.

Im Nachgang erklärte Grindel dann jedoch, der Schiri in Köln solle jeden massiven Fehler korrigieren, folglich auch ungeahndete Grobvergehen wie von Abraham. Das Durcheinander in Sachen Videobeweis ist somit perfekt, keiner weiß mehr, was gilt. Wie hat es nur so weit kommen können? Wahrscheinlich dadurch, dass man alles richtig machen wollte, und zwar auf die gute alte, deutsch-bürokratische Art!

Ein komplexes Ding wie ein Fußballspiel mit lauter quicklebendigen, trickreichen Akteuren lässt sich aber leider nicht regel-akkurat bändigen. Dazu braucht es, gerade im Zusammenspiel mit der fernen Videozentrale, besonderes Fingerspitzengefühl und praxisnahe Auslegungskompetenz! Stattdessen wurde ein bürokratisches Monster in die Welt gesetzt, das zu noch mehr Diskussionen führt als die herkömmliche Tatsachenentscheidung. Gerade so, als gäbe es nicht schon seit Jahren einen funktionierenden Videobeweis im American Football, im Rugby oder im Hockey! Vielleicht hätte man sich da lieber etwas abschauen sollen, anstatt zu versuchen, eine Handvoll Schiri-Technokraten alles komplett neu erfinden zu lassen. Das konnte ja nur schief gehen…

Zurück zur Eintracht aus Frankfurt, die uns Samstagnachmittag besucht. Es steht zu erwarten, dass die Hessen erneut nicht zimperlich sein werden und mindestens in der Anfangsphase immer mal kräftig hinlangen, um uns gar nicht erst ins Spiel finden zu lassen. Es kommt dann drauf an, dass der Rasen-Schiri sauber durchgreift. Oder der Video-Hingucker in Köln greift selber ein. Aber darf er das denn? Und wenn er’s im Prinzip wirklich darf, traut er sich‘s dann auch?

Der Blick auf die Tabelle zeigt, dass die Eintracht nur einen Punkt hinter uns lauert. Trotzdem liegen Hoffenheim und Frankfurt leistungsmäßig weiter auseinander, als die Tabelle suggeriert, weil unsere Mannschaft ähnlich viele Punkte etwas unglücklich verloren hat wie die Eintracht an eher glücklichen Punkten hinzugewann. Außerdem haben die Hessen das Problem, dass sie in dieser Saison nicht nur einen großen Kaderumbruch zu verdauen haben, sondern auch eine erhebliche Systemveränderung bewältigen müssen.

Letzte Saison ging die Eintracht mit eiserner Defensive in die Spiele und war damit recht erfolgreich, diesmal treten die Gegner mindestens so defensiv an und zwingen die Hessen immer mal wieder, das Spiel zu machen, so dass bisher keine klare Strategie entwickelt werden konnte. Dass Hoffenheim natürlich nicht tief gestaffelt antreten wird, beschert der Eintracht trotzdem keinen Vorteil, weil sie a) die Defensivstrategie nicht mehr verinnerlicht hat und b) im offenen Austausch gegen uns ziemlich sicher im Nachteil ist.

Was soll Frankfurt also tun? Schätzungsweise eine Mixtur probieren aus hohem Anlaufen und tiefem Absichern – was unserem Mittelfeld vermutlich entgegenkommt, weil sich dann mehr Räume bieten, die Amiri und Demirbay zu nutzen verstehen werden. Vergleichsweise ausgeruht sind sie auch noch – bzw. Amiri vom Sieg seiner U-21 in Israel mindestens beflügelt, ähnlich wie Kramaric und Zuber durch die erfolgreiche WM-Quali. Außerdem steht Gnabry wieder zur Verfügung, sogar Zulj ist zurück und könnte spielen.

Und auch Wagner wird, wenn er aufläuft, alles geben! Das tat er bisher immer, das ist seine Natur. Ob er es aber noch lang für uns tun wird? Das muss man bezweifeln… Der FC Bayern streckt seine mächtige Hand nach ihm aus, der Spieler selber würde offenbar gern einschlagen. Das kann man verstehen, schließlich lebt er in der bayerischen Metropole, hat dort Frau und Kinder und bekommt nun auf seine nicht mehr ganz jungen Tage jene ruhmreiche Hand hingehalten, die sein ermüdendes Pendeln zwischen München und Hoffenheim beenden würde. Wer würde da nicht wollen!

Alles hängt davon ab, darf man vermuten, ob die vertraglichen Dinge für alle drei Seiten akzeptabel geregelt werden können. Dann wird Wagner zwar in Zukunft eher auf der Bank sitzen, aber dort wenigstens ein Schwätzchen mit Rudy und Süle halten können, die ja unter Heynckes ebenfalls eher zu Back-up-Spielern wurden. Man mag darüber lächeln, aber Wagner wird wie unsere anderen beiden Ehemaligen seine Einsatzzeiten bekommen, Titel inklusive. So arg wie bei Tom Starke, den man höchst selten im Tor, dafür umso öfter beim Feiern von Meisterschaften sah, an denen er eigentlich keinen Anteil hatte, wird sein Los sicher nicht ausfallen.

Nochmal zurück zur Eintracht und unseren Chancen, das Spiel zu gewinnen: Kurz gesagt sind die personellen und konditionellen Möglichkeiten der TSG nach der Ruhephase in der Länderspielpause ziemlich hoch einzuschätzen. Und die schmerzliche Heimniederlage zuletzt gegen Gladbach wird noch nachklingen und dazu anstacheln, die verlässliche TSG-Heimstärke gleich wieder herzustellen. Insofern kann man zuversichtlich sein, dass es kein Wunschtraum ist, wenn die Südkurve vom Spielbeginn weg die vielen lauten Eintracht-Fans damit übertönt: Auf geht’s, Hoffe, kämpfen und siegen!

Foto: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius