Fluch der letzten Minuten?

Was soll man dazu sagen: Hoffenheim hat schon wieder ein Tor kassiert, als eigentlich alles klar zu sein schien. Und so wurde aus einem Auswärtssieg, der richtig gutgetan hätte, ein ödes Remis. Da kann man sich schon mal ärgern, oder?

Bei den Fans halten sich Ärger und Enttäuschung aber in wohltuenden Grenzen. Eher wird diskutiert und argumentiert. Dabei schält sich die Einsicht heraus, dass die Formschwäche einzelner Spieler wie Kramaric oder Zuber auf das Verletzungspech etlicher Spieler trifft und damit eine Art Flaschenhals der gesamtmannschaftlichen Leistungsfähigkeit entsteht. Wie soll es auch anders sein…

Doch jetzt hat es auch noch Kevin Vogt erwischt, unseren Abwehrchef, den Kopf der Mannschaft neben Demirbay. Zwei rüde Attacken im Abstand weniger Minuten haben dafür gesorgt, dass er wohl für längere Zeit ausfällt: Genaueres weiß man noch nicht, und so darf man noch hoffen, dass seine Knieverletzung nicht allzu heftig ausfällt. Von dieser Stelle schon mal alles Gute für ihn und von Herzen beste Genesung!

Wie geht die Mannschaft selber mit all den Ausfällen um? Sie versucht weiter, ihr Spiel aufzuziehen, so dass man imgrunde nie eine andere Mannschaft spielen zu sehen glaubt. Aber in den Feinheiten geht natürlich Substanz verloren. Beim Ausfall von Vogt war das klar zu erkennen: Zwar konnte Posch, fast noch ein Jugendspieler, ihn defensiv erstaunlich gut ersetzen, doch fehlte der Offensive die intelligente Spieleröffnung von hinten heraus.

Das führte dazu, dass die erste Halbzeit zunächst durch die fallweise brutale Spielweise von Istanbul nicht recht in Gang kam und danach durch das Fehlen von Vogt substantielle Schwächen offenbarte. Die zweite Halbzeit ging Hoffenheim mit mehr spielerischen Mitteln an und erzielte bald schon den Führungstreffer. Istanbul wirkte inzwischen fast ausgeschaltet, das überalterte Team schien sich in sein Schicksal zu ergeben – auch weil die Devise des Erdogan-Klubs lautet: Liga geht vor.

Mit der Auswechslung von Amiri und Demirbay, ersterer offenbar auch angeschlagen, öffneten sich dann jedoch zusehends Räume für Basaksehir, die Abstände stimmten nicht mehr, Hoffenheim spielte zu viele lange, hohe Bälle, die umgehend in Gegenangriffe umgewandelt werden konnten. Und so wurden die letzten 20 Minuten zu einer Art Dauerbelagerung, die auch gut vor der letzten Nachspielminute, als der Ausgleichstreffer fiel, zu dem einen oder anderen Tor hätte führen können.

Es gibt also keinen „Fluch“ der letzten Minuten, sondern eine systematische Ausdünnung unserer Mannschaft samt daraus resultierender Erschöpfung, indem nachlassende taktische Möglichkeiten eben immer mit mehr Laufarbeit kompensiert werden müssen und dann am Ende ein paar Körner zuviel fehlen. Hoffenheim spielt trotz all der Ausfälle und ständig wechselnden Besetzungen immer noch ansehnlichen Fußball, das ist erstaunlich genug – aber im harten Wettkampf machen sich die Lücken irgendwann bemerkbar.

Am Ende standen mit Hoogma, Posch, Geiger und Ochs vier echte Youngster in unseren Reihen, dazu kamen mit Nordtveit und Grillitsch zwei Spieler, die noch nicht wirklich eingespielt sind, so dass nur Baumann, Kramaric, Zuber, Wagner und Schulz als echte Stammkräfte unterwegs waren. Auf der Reservebank saßen dann neben Polanski nur noch Kobel, Passlack und Hack, also drei weitere blutjunge, uneingespielte Talente. Das zeigt eindringlich, wie es um unser Personaltableau bestellt ist.

Unterm Strich ist deshalb das Remis in Istanbul immer noch als Erfolg zu werten, zumal es bei zwei Siegen in den folgenden beiden Spielen gegen Braga und Razgrad weiter zum Erreichen der nächsten Runde langen würde. In der Liga stehen wir auch nicht übel da und müssen hoffen, dass nicht noch mehr Ausfälle dazukommen. Und wenn doch? Dann wurschteln wir uns durch die kommenden Spiele eben einigermaßen durch und schauen, dass wir die schlagkräftigste U-21 der Bundesligageschichte ins Rennen schicken!

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius