Wir Hoffenheimer

Bevor das Spiel Hoffenheim-Gladbach startete, hing unten in der Gladbacher Fankurve ein großes Banner, auf dem geschrieben stand: „UND IHR? HUREN EINES FUSSBALLMÖRDERS!“ Mit derart saftigen Worten wollten einige Auswärtsfahrer aus Mönchengladbach kundtun, dass die solcherart Angesprochenen, also wir Hoffenheimer Fans, wegen unseres innigen Verhältnisses zur TSG 1899 Hoffenheim und zu Dietmar Hopp etwas furchtbar Abscheuliches wären – im Unterschied zu ihnen selbst, den fußballtraditionsheilig versammelten Gladbacher Fans.

Das Tuch war mit dem Anpfiff verschwunden, ein übler Nachgeschmack blieb; allerdings nicht wegen der schrägen Metapher: Anscheinend sind die Gladbacher Banner-Schreiber nicht die hellsten Kerzen am Fußballbaum, weshalb ihnen entgangen ist, dass Dietmar Hopp ja alles Mögliche sein mag, etwa ein reicher Mann, ein Mäzen, ein Stifter, ein Wohltäter, aber ganz sicher kein Fußballmörder. Warum? „Weil sich „der Fußball“ erstens allergrößter Beliebtheit erfreut und infolgedessen pumperlgesund über die akkurat gemähten Stadionwiesen der Republik wandelt, so dass ihn zweitens, mangels einer Fußball-Leiche, wirklich niemand ermordet haben kann und drittens schon gar nicht Dietmar Hopp, in dessen Verein sogar eher mordsguter als ermordeter Fußball gespielt wird.

Bleiben noch „wir Huren“! Liebe Gladbacher Banner-Helden, es wäre vermutlich hilfreich, wenn Ihr in Zukunft ein paar Hirnwindungen mehr zum Glühen bringen würdet. Um Huren zu sein, müssten wir eigentlich dafür bezahlt werden, wenn wir ins Stadion gehen! Wisst Ihr doch selbst, wie solche Geschäfte am Straßenrand laufen! Oder? Wir aber bezahlen unsere Tickets selbst – und es verlangt uns nicht mal danach, sie bezahlt zu bekommen. Warum? Weil wir unsere Fanliebe zum großartigen Fußball der TSG aus freiestem Herzen und in echter Hingabe leben und außerdem eingewachsene Fans einer mindestens so schönen Region sind, wie der Niederrhein eventuell auch eine ist: des hügeligen, sonnigen Kraichgaus, der übrigens eine derart große Tradition von Freiheitsliebe hat, dass Ihr euch eine dicke Scheibe davon abschneiden könntet, wenn Ihr euch ähnlich früh und mutig gegen das Königreich Preußen erhoben hättet wie einst die Badener! Uns ist diese Art Tradition lieber…

Trotz allem Blödsinn, der da also auf Eurem Banner verzapft ist, liebe Gladbacher, haftet der Aktion etwas an, das man nicht anders als widerwärtig und gefährlich bezeichnen kann. Und es reicht nicht, wenn man wie Euer Trainer genervt sagt, dass „sowas“ nichts im Stadion verloren hat. Sondern man muss deutlich sagen, warum das so ist: Weil so ein Banner an einer verbalen Hass-Spirale dreht! Weil man in einer Zeit, die zunehmend von der Rückkehr physischer Gewalt in den öffentlichen Raum geprägt ist, die Stimmung nicht noch anheizt, egal gegen wen! Weil man Menschen als Menschen respektiert und sie nicht grob verunglimpft, herabwürdigt oder zu demütigen versucht! Weil der Fußball ein freudiger Raum für sportliche Konkurrenz sein muss und nicht zur Bühne aufgeheizter Hassgefühle werden darf.

Leider hat Gladbach das Spiel gewonnen… In der ersten Halbzeit war es noch eine Partie absolut auf Augenhöhe, mit leichten Vorteilen bei unserer Mannschaft. Man musste da aber schon befürchten, dass die laufintensive Spielkontrolle nicht über 90 Minuten durchzuhalten sein würde, weshalb wir ein zweites Tor dringend benötigt hätten. Wie so oft in letzter Zeit wollte es jedoch nicht fallen, und nach weiteren zehn guten Minuten in der zweiten Halbzeit ließen die Kräfte zusehends nach. Weil Gladbach umgekehrt noch zulegen konnte, fiel irgendwann der Ausgleichstreffer und in rascher Folge auch das nächste und übernächste Tor gegen uns. Chancen, ins Spiel zurückzukommen, gab es trotzdem, aber weil die ebenfalls nicht genutzt wurden, ging die Partie verloren.

Die Tabelle des zehnten Spieltags weist uns damit Platz 7 zu, der auch nach Punkten in der Mitte zwischen Platz 3 und Platz 10 liegt und damit genau das anzeigt, was angesichts der vielen englischen Wochen und einer überdurchschnittlich guten letzten Saison als Ziel für die ganze neue Saison gerechtfertigt scheint: ein Platz im oberen Mittelfeld. Mehr ist im Moment wohl kaum drin, die Mannschaft wirkt ein bisschen ausgeblutet und muss die Erwartungen an sich selbst etwas dämpfen, um nicht auf falsche Art unzufrieden zu werden oder in den falschen Spielmomenten den Motor zu überdrehen. Und genau denselben Lernprozess müssen wir auch als Fans durchlaufen, bis hin zu Julian Nagelsmann, dessen abgefälschter Flaschenwurf zwar harmlos den Kopf eines Fans streifte, aber eben doch auch Ausdruck von abträglichem Überdruck war, für den er sich danach denn auch mehrfach und persönlich entschuldigte.

Das Fazit? Gladbach war diesmal fußballerisch besser, wäre aber zu schlagen gewesen. Der Sieg der Fohlen ging insofern in Ordnung. Mund abputzen, Strich drunter!

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius