Ehrensache!

„Hoffenheim rettet deutsche Ehre“ oder „Hoffenheim rettet deutschen Pleiten-Abend“… Wer hätte gedacht, dass wir solche Schlagzeilen nochmal erleben: Unsere TSG, in der Vergangenheit vielfach kritisiert, oft belächelt oder verspottet, wurde gestern Abend zur Zierde des deutschen Fußballs! Tja, man muss zugeben, das tat schon gut…

Aber der Sieg über Istanbul Basaksehir wäre auch ohne solchen Zuspruch eine feine Sache gewesen. Man hat sich schließlich daran gewöhnt, den Hoffenheimer Fußball ohne größere Wertschätzung von außen zu genießen oder zu erleiden: je nachdem. Wenn sich Fußballrestdeutschland jetzt auf unsere Seite schlägt, soll’s recht sein. Wir sind nicht nachtragend, und die TSG hat es sich redlich verdient!

Also blasen wir die Backen mal ein bisschen auf und sagen: Ehrensache, liebe Kölner und Berliner! Natürlich wissen wir, dass die schöne Zustimmung in weniger erfolgreichen Momenten auch wieder abklingen wird, aber für diesmal haben wir die Ambitionen der deutschen Fans in der Euro-League gern erfüllt. War doch wirklich ein Klassespiel gestern, oder?

In der ersten Halbzeit war vor dem Tor von Istanbul noch nicht so viel Betrieb. Dafür in den Zonen, die zur erfolgreichen Gestaltung eines Spiels von besonderer Bedeutung sind: im defensiven und offensiven Mittelfeld. Und da hat unsere Mannschaft der Truppe aus Istanbul die erkennbare spielerische Klasse genommen, indem sie mustergültig gegengepresst und die Räume so eng gemacht hat, dass die anfangs noch lautstark unterstützten Gäste nie richtig zur Entfaltung kamen.

Stück für Stück, gelaufenen Meter für gelaufenen Meter hat die TSG damit das Spiel an sich gezogen. Die eigenen Offensivaktionen litten einstweilen noch unter kleinen Eigensinnigkeiten im Spielaufbau, so dass die Pässe und Dribblings im Mittelfeld häufig stecken blieben. Julian Nagelsmann dirigierte vom Rand aus, so gut es ging, aber der schnelle, diagonale Spielaufbau über die Seite wollte noch nicht greifen. Die langen Flanken, die stattdessen für Torgefahr sorgen sollten, taten es nicht. Bis sie vor dem Tor herunterkamen, hatte sich die Istanbuler Abwehr längst darauf eingestellt – oder Torhüter Mert pflückte sie einfach weg. Wenn der Ball in der Mitte durchkam, oft auf Wagner, fehlte es noch am nötigen Raum, sauber abzuschließen.

In der zweiten Halbzeit erntete Hoffenheim aber die Früchte der intensiven Spielweise. Basaksehir zeigte relativ schnell erste Verschleißerscheinungen und war dem Dauerdruck und Gegenpressing nicht mehr gewachsen. Hinzu kam, dass Hübner, der schon zweimal per Kopf das Tor verfehlt hatte, in der 52. Minute nach Eckball von Demirbay die lange Ecke anvisieren und den Ball wuchtig in den Maschen versenken konnte! Nur sieben Minuten später schlug Demirbay eine weite Flanke aus dem linken Halbfeld über die inzwischen notgedrungen höher angreifenden Istanbuler hinweg. Amiri, von rechts anlaufend, nahm den Flugball volley an und jagte ihn an Torhüter Mert vorbei zum 2:0 ins Tor.

Obwohl das Spiel mit der Zweitore-Führung so gut wie entschieden schien, ließ Hoffenheim weiter nicht nach – und zog damit die Lehre aus manchen Spielen zuvor, wo man sich nach kurzen Phasen der Entspannung und Erleichterung öfters um den Lohn der erarbeiteten Führungstreffer gebracht hatte. Istanbul kam dadurch immer noch nicht ins Spiel, bot jedoch umgekehrt zunehmend Räume für Konter an, was in der 75. Minute zu einem sehenswerten Volley-Drehschuss von Schulz führte, der eine Kopfballvorlage von Ochs (für Demirbay eingewechselt) zum 3:0 verwandelte.

Die letzte Viertelstunde spielte Hoffenheim klug zuende, ohne Konzentrationsschwächen und ohne übertriebenen Ehrgeiz, noch mehr Tore zu erzielen. Ballhalten und Ergebnissicherung hätten auch fast bis zum Ende die Oberhand behalten, aber dann ging das Temperament nochmal mit der Mannschaft durch. Durch zu wildes Angreifen ging der Ball jedoch verloren und ermöglichte Istanbul einen völlig überflüssigen Konter samt ebenso überflüssigem Gegentreffer zum Endstand von 3:1.

Aber egal! Hoffenheim hatte es geschafft, durch eine disziplinierte taktische Einstellung das Spiel zu gewinnen, verdient zu gewinnen und in 90 Minuten Dominanz, auch wenn das gar nicht die Absicht gewesen war, die deutsche Ehre in der Euro-League hochzuhalten. Es war uns eine Freude, liebe Fans anderer Vereine!

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius