Gönnen können

Wenn jemand nicht verlieren kann, dann Julian Nagelsmann. Seinen eigenen Aussagen zufolge ist er daheim sogar bei Brettspielen u.ä. derart auf Sieg gepolt, dass der Haussegen schief zu hängen droht, wenn er nicht gewinnt. Entsprechend knapp drückte er sich nach der Niederlage in Freiburg aus, die in ihrer Entstehung an das Spiel in Razgrad, aber auch an manche anderen TSG-Spiele in der noch kurzen Saison erinnerte.

Insofern verbietet sich auch die vielfach angestellte Spekulation, dass der Trubel um die Entlassung von Bayern-Trainer Ancelotti und ums eventuelle Werben der Bayern um Nagelsmann am Ende negativ aufs Leistungsvermögen von Hoffenheim durchgeschlagen hätte. Denn das, was in Freiburg geschah, hatte eben einen Vorlauf, der viel weiter zurückdatiert. Es war, schlicht und einfach, der Gipfelpunkt wochenlangen physischen und psychischen Verschleißes.

Die lange Verletztenliste spricht Bände. War Hoffenheim in der letzten Saison bei einem Spiel pro Woche geradezu beispielhaft frei von Verletzungssorgen geblieben, sucht uns dieses Gespenst der Überbeanspruchung von Körper und Geist jetzt in solcher Regelmäßigkeit heim, dass aus dem Kader der TSG schon mehr Spieler aufs Feld geschickt werden mussten als bei jedem anderen Verein. In Freiburg fehlte, neben all den anderen, diesmal auch Uth. Für ihn kam Robin Hack zu einer furiosen Bundesligapremiere – doch auch er musste in der ersten Halbzeit verletzt ausgewechselt werden, als er nach einem Zusammenprall der Köpfe mit Vogt benommen liegen blieb. Zum Glück erlitt er dabei nur eine leichtere Gehirnerschütterung.

Wie gut unser Kader bestückt ist, gerade auch aus der Tiefe des eigenen Nachwuchses, zeigte sich vorher, als Hack uns abgebrüht wie ein Alter in Führung geschossen hatte. Und im selben Moment setzte ein weiterer Ermüdungseffekt ein, der bereits öfter zu beobachten war: Sowie der Ertrag des hohen Aufwands, den man betreiben muss, um den Gegner erfolgversprechend zu bespielen, in Gestalt eines Treffers eingefahren ist, senkt die Mannschaft ihren Energiepegel herab. Das geschieht sicher nicht bewusst, sondern instinktiv – einerseits zur Schonung der körperlichen Ressourcen, andererseits auch deshalb, weil man als inzwischen erfolgsgewohnte Mannschaft meint, den Gegner mit der Führung im Griff zu haben. Wenn der dann sofort dagegenhält oder sich andere Momente aussucht, in denen unsere Mannschaft auf niedrigem Energiepegel spielt, kassieren wir jene Treffer, die das Spiel kippen lassen können. Manches Mal hat die Mannschaft sich anschließend mit aller Macht dagegen aufgelehnt und ist über den Kampf zurückgekommen. Aber damit hat sie ihren Verschleiß jedesmal noch weiter erhöht.

In Freiburg scheint sich die Ermüdung durch die vielen Spiele und unzähligen emotionalen Peaks so weit ausgewirkt zu haben, dass trotz bewundernswerter Gegenwehr nichts mehr zu machen war. Das lag natürlich auch daran, dass der SC Freiburg, der nach der verpatzten eigenen Euro-League-Quali vergleichsweise ausgeruht ins Spiel gehen konnte, extrem motiviert war und bis zum Schluss alles in die Waagschale geworfen hat, das diese von Trainer Streich taktisch und läuferisch bestens geschulte Truppe zu bieten hatte. Fast wäre am Ende trotzdem noch der Ausgleich geglückt. Doch das wäre des Guten vielleicht zu viel gewesen, denn in der knappen Niederlage kann eine wertvollere Zäsur sein, als es der glückliche Punktgewinn gewesen wäre. In der Länderspielpause haben unsere Spieler jetzt die nötige Zeit – selbst wenn sie bei ihren Nationalmannschaften weilen –, den ungewohnten Dauerlauf für Körper und Seele zu verarbeiten und manche Verletzung auszukurieren, um wieder frischer und möglicherweise auch gereifter in die nächste Verschleißrunde einzutreten.

Und das Tabellenbild sieht ja alles andere als übel aus, wenn von oben herab Dortmund, Bayern und Hoffenheim grüßen. Nehmen wir die nicht mehr ungeschehen zu machende Niederlage also gelassen hin und halten uns an das, was Julian Nagelsmann im Anschluss sagte, dass der SC Freiburg doch ein sympathischer Verein wäre und man ihm und seinem Trainer den Sieg einfach mal gönnen könne! Zu hoffen bleibt indessen, dass die wohlverdiente Ruhe der Länderspielpause nicht von ständig neuen Bayern-Spekulationen um Nagelsmann durchlöchert wird. Weil wir ihm den Chefposten an der Isar zwar ebenfalls gönnen würden, aber doch erst in ein paar Jahren…

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Alexander H. Gusovius