Ohne Druck kein Ruck

Im Internet überwiegt die Meinung, Hoffenheim hätte in Razgrad schlecht gespielt. Ja, stimmt! Dann gibt es nicht wenige, die meinen, die Spieler hätten sich wie Deppen aufgeführt. Nein, stimmt nicht. Wer so denkt, unterliegt schlicht und einfach einer falschen Analogie. Simpel ausgedrückt: Wenn ich etwas, das andere tun, als blöd, doof oder deppert empfinde, ist damit mein Gefühl beim Hinschauen charakterisiert. Überträgt man das Gefühl eins zu eins auf die Handelnden, wird‘s schnell ungerecht. Wessen Tun mir nicht gefällt, ist deshalb noch lang kein Blöder, Doofer oder eben Depp!

Versuchen wir das gestrige Spiel daher so zu begreifen, dass unsere Enttäuschung nicht zum Maßstab wird. Klar ist, dass die Mannschaft in den ersten 30 Minuten am Drücker war und mit Leichtigkeit auf 2:0 oder 3:0 hätte erhöhen können. Genau das dachte sie selbst wohl auch und ging daher mit den unfassbar offenen Räumen und den sich daraus ergebenden Chancen leider allzu unterspannt um. Warum? Weil der Führungstreffer nach kaum zwei Minuten Spielzeit derart leichtgefallen war und Razgrad sich danach so ungeschickt anstellte, dass unser überspieltes und personell improvisiertes Team verständlicherweise der Verlockung erlag, es ruhiger angehen zu lassen als in der Liga.

Doch damit war das Verhängnis bereits eingefädelt. Denn unsere Mannschaft spielt immer dann am besten, wenn der Druck richtig hoch ist. Ohne Druck kommt sie wie in Razgrad aus dem Takt und findet nicht in die Zweikämpfe. Sie verliert dann den Anschluss ans Spiel, vor allem aber an sich selbst. Das führt dazu, dass sich die Fehlpässe häufen, z.B. weil Spieler A denkt, dass Spieler B jetzt in die Gasse startet, während Spieler B denkt, dass Spieler A noch ein paar Schritte mit dem Ball geht, was Spieler A merkt und umdenkt, was dazu führt, dass Spieler B den Ball in den Rücken bekommt und beim Versuch, ihn trotzdem noch zu erlaufen, ausrutscht usw. usf. Eine Vielzahl ähnlicher Missverständnisse schleicht sich ein, die den verlorenen Rhythmus noch mehr stören.

Für den Gegner ist sowas wie eine Gratiseinladung zum All-you-can-eat! Razgrad blieb trotzdem noch lange, um im Bild zu bleiben, mit leerem Teller ebenso beeindruckt wie unschlüssig vor dem TSG-Buffet stehen. Und so kam unsere Mannschaft bis zur Halbzeitpause mit dem 1:0 durch. Für die zweite Halbzeit hatte sie sich garantiert mehr vorgenommen – aber es ist zum einen sowieso nie einfach, einen verlorenen Spielrhythmus wiederaufzubauen, und kurz nach dem Wiederanpfiff zum zweiten nochmal schwerer, wenn der Gegner, wie es Razgrad tat, auf einmal entschieden nach vorn geht und sich den Teller vollzuladen beginnt.

Anders gesagt, glaubt man’s erstmal nicht! Mit einem Mal wird das scheinbar so leichte Spiel mit dem Gegner zu einer vertrackten Angelegenheit… So geschehen in Razgrad: Die eben noch zögerlichen Bulgaren liefen plötzlich ihrer brasilianischen Prägung entsprechend wieselflink nach vorn und erzielten auch umgehend ein Tor! Dies war natürlich endgültig der Moment, aus dem Traum der frühen Führung aufzuwachen, am besten ruckartig. Unsere Mannschaft versuchte es, nur mit dem Ruck wollte es nicht klappen! Doch sie arbeitete sich langsam aus der Schläfrigkeit heraus – und kriegte ausgerechnet, als sie den Gegner irgendwann in den Griff bekam, den nächsten Treffer eingeschenkt. Kam hinzu, dass Julian Nagelsmann in dieser Phase das sich jetzt doch noch ernsthaft bemerkbar machende Problem hatte, wegen der extrem vielen Ausfälle von Leistungsträgern mit Einwechslungen kaum frische Impulse setzen zu können.

Und so kam es, wie es nicht kommen durfte, aber irgendwie doch unvermeidbar war: Hoffenheim wurde immer müder, war von sich selbst enttäuscht, fand keinen Hebel mehr, um ihn an sich selbst oder am Gegner anzusetzen – und glitt auf europäischem Parkett erneut aus… Diese Niederlage war auf andere Art ebenso unnötig wie die letzte europäische gegen Braga, und keiner der Spieler außer Baumann hatte sich wirklich positiv auszeichnen können. Aber das lag viel weniger, als man denken könnte, an der ersatzgeschwächten Reisegruppe voller Jugendlicher, die für Razgrad nur noch bereitstand, als daran, dass unsere TSG sich, auch besser besetzt, ohne Druck nicht gut zurechtfindet.

Und deshalb werden wir am Sonntag in Freiburg höchstwahrscheinlich wieder eine ganz andere TSG erleben. Der Druck in der Liga ist mit Händen zu greifen und erreicht jeden einzelnen Spieler wie die gesamte Mannschaft. Das ist vertrautes Gelände, anders als das europäische Parkett… Sehen wir es den Jungs also nach, dass sie uns keinen schönen Abend beschert haben, und freuen wir uns darüber, dass sie wenigstens nicht umgekehrt, wie es viele Klubs erlebt haben, europäisch glänzen und in der Liga versagen!

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Alexander H. Gusovius