Schalke schafft’s auch nicht

Das war nicht mehr Schalke, wie wir es aus den letzten Jahren kennen. Die teuren königsblauen Mannschaften ohne Elan, die stets oben angreifen wollten und sich meist nur für die Euro-League qualifizierten, haben offenbar ausgedient: Schalke ist keine Resterampe von Stars mehr! Wer es heute anderswo nicht schafft als vermeintlicher Star, ist auch in Gelsenkirchen nicht mehr gern gesehen.

Stattdessen ziehen heraufkommende Stars wie Goretzka bei Schalke ihre Runden, falls sie nicht wegen einer Grippe auf der Bank sitzen wie in Sinsheim. Außerdem fehlte Oczipka, doch aufseiten der TSG fehlten ja auch Demirbay und Bicakcic, sodass personell Chancengleichheit herrschte – wenn man davon absah, dass der Wert des Schalker Kaders immer noch erheblich über dem der TSG liegt.

Die große Frage war, wie Hoffenheim den Ausfall von Demirbay kompensieren würde. Es lag nahe, ihn im Mittelfeld einfach eins zu eins zu ersetzen – aber simple Lösungen sind nicht das, was sich Julian Nagelsmann morgens im Bad ausdenkt. Und so gab er dem Geburtstagskind Vogt den Auftrag, sich im Vorwärtsgang aus der Dreier-Innenkette zu lösen und die Sechs zu bespielen, so dass Geiger, der die Sechs im Rückwärtsgang ausfüllte, bei den Angriffen der TSG weiter nach vorn rückte und mit Amiri die Doppel-Acht einnahm.

Vogt und Geiger hatten sichtbar Spaß an ihrer jeweiligen Doppelrolle und kamen sehr gut mit dem dauernden Wechsel zurecht – was man über Schalke nicht sagen konnte. Die Knappen wirkten irritiert, teils überfordert vom Wirbel, den Hoffenheim dadurch in den ersten 20 Minuten in ihren Reihen anrichtete, und ließen sich weit zurückdrängen. Geiger war es dann auch, der in der 13. Minute nach großartiger Vorarbeit von Zuber einen trockenen Schuss aus 18 Metern ansetzte und unhaltbar unten links das 1:0 erzielte.

Der Hoffenheim-Youngster weiß ja mit seinen 19 Jahren auch sonst zu überzeugen. Klein von Statur, aber enorm wendig und ballsicher, dazu mit viel Überblick und einer terrier-ähnlichen Aggressivität gesegnet, wirft er sich ohne jede Scheu in jedes Spiel gegen jeden Gegner und verfügt außerdem über eine kaum erlernbare, besondere Gabe: Er traut sich was! Der Junge verfügt über Technik, Nerven und Mut, was in Kombination eben einen großen Fußballer ausmacht. Mit seinem Treffer kommt nun auch noch Torgefährlichkeit hinzu…

Ein paar Minuten hielt der technisch aufwendige, wirbelnde Fußball der TSG nach dem Tor noch an, dann war die Konzentrationsfähigkeit fürs erste erschöpft und musste die hohe Laufleistung wegen der vielen Spiele in Folge auf ein Mittelmaß zurückgefahren werden. Schalke nahm das Angebot gern an und positionierte sich weiter vorn. Doch die etwas sehr nach Plan vorgetragenen Schalker Angriffe konnten entweder im Mittelfeld abgefangen oder am bzw. seltener im Strafraum neutralisiert werden, so dass Baumann nur selten eingreifen musste.

In dieser Phase musste Amiri verletzt aufgeben, der schon mit einer Trainingsblessur aufgelaufen war. Rupp ersetzte ihn nach kurzer Anlaufzeit vollwertig. Vorn waren Uth, Kramaric und zum ersten Mal nach Wochen auch Gnabry aufgeboten worden: alle drei mühten sich redlich, kamen aber über Torannäherungen nicht hinaus. Um Gnabry nicht zu überfordern, kam bald nach der Halbzeitpause Wagner für ihn zum Einsatz. Die zweite Hälfte begann aber zunächst mit einem Schalker Paukenschlag, denn in der 49. Minute hätte ein Lupfer von Konoplyanka nach Ballgetümmel vor Baumann fast den Ausgleich bedeutet, doch zum Glück war zwischen der ballistischen Kurve und ihrem gedachten Ende, dem Tornetz, noch der Querbalken, auf den der Ball – und von ihm herunter – hüpfte, ohne dass es Folgen hatte!

Die Knappen setzten daraufhin ihr recht gefälliges Kombinationsspiel Richtung TSG-Tor nochmal motivierter fort, ohne unsere Mannschaft dadurch so sehr unter Druck setzen zu können, dass sie einzubrechen drohte. Für die meisten Schalker Angriffe war am Sechzehner Schluss – und so verlegten sich die Gäste darauf, eben von da aus aufs Tor zu schießen. Das gelang mal besser, mal schlechter, aber nie erfolgreich. Je länger das Spiel so lief, je mehr riskierte Schalke – inzwischen durch den grippekranken Goretzka verstärkt, der aber auch nicht den entscheidenden Durchbruch hinbekam. Und je mehr Schalke riskierte, desto häufiger boten sich für Hoffenheim Konterchancen, die zum Entsetzen der Fans in der ausverkauften WIRSOL Rhein-Neckar-Arena zuletzt immer wieder hängen blieben und den ersehnten zweiten Treffer einfach nicht brachten! In der 86. Minute jubelten die Fans zwar, als der Ball im Netz der Gäste zappelte, aber Uth war aus dem Abseits gekommen – der Treffer zählte nicht…

Vier Minuten Nachspielzeit gab es nach Ablauf von 90 Minuten obendrauf, es drohte ein Nervenkrimi wie in Mainz, nur unter umgekehrten Vorzeichen! Würde der knappe Vorsprung aus der 13. Minute bis zum Schlusspfiff halten? Da schickte Uth mit einem weiten Ball Rupp auf die Reise, der ganz knapp vor dem herausstürzenden Fährmann den Fuß an den Ball bekam, vorbei war und nach noch ein paar Schritten zum 2:0 einschoss! Das Stadion explodierte förmlich, der Sieg war festgemacht! Auch Schalke schaffte es nicht, den Heimnimbus der TSG aufzubrechen, Hoffenheim blieb in Sinsheim jetzt schon 21 Spiele in Folge unbesiegt…

Die Partie war von den Medien im Vorfeld als großes Duell der Jungtrainer Nagelsmann und Tedesco hochgejazzt worden, und tatsächlich konnte man während des Spielverlaufs einige interessante Vergleiche anstellen. Dabei wurde vor allem deutlich, dass die grundsätzliche Schalker Spielweise der Hoffenheimer Art, Fußball zu spielen, erstaunlich ähnlich war. Der entscheidende Unterschied bestand allerdings darin, dass Schalkes Ideen eher kopflastig wirkten, während Nagelsmanns Ideen trotz aller über den Kopf gesteuerten Spielweise den Weg ins fußballerische Herz, in den spielenden Instinkt der Spieler gefunden haben. Der Sieg über Schalke war deshalb letztlich zwar glücklich, aber verdient!

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius

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