Surfen auf Nagelsmanns Welle

Und weiter geht’s. Noch hat man sich als Fan kaum erholt vom Nervenkrimi in Mainz, da steht schon der nächste Kracher an. Schalke kommt! Am Samstagnachmittag… Aber nicht als der willfährige Punktelieferant wie so oft in den letzten Jahren, als Schalkes Anspruch und Schalkes Realität meist weit auseinanderklafften, sondern mit einem relativ gediegenen Saisonstart im Rücken.

Andererseits: Anspruch und Realität führen auf Schalke schon lang eine absonderliche Beziehung, so dass nicht damit zu rechnen ist, dass es damit auf einen Schlag vorbei ist – besonders nicht, nachdem ein ehrgeiziger Manager namens Heidel in seinem ersten Jahr auf Schalke mit der Verpflichtung von Trainer Weinzierl derb danebengelangt hatte und jetzt unter Druck steht, mit der Verpflichtung von Domenico Tedesco alle Wunderdinge einzulösen, von denen man auf Schalke nunmal träumt!

Und der neue Trainer zerbirst ebenfalls schier vor Ehrgeiz. In Stuttgart fühlte er sich nicht genügend wertgeschätzt, da wechselte er flugs zur TSG. Dort übernahm er die U 19 von Julian Nagelsmann, vermochte aber die großen Fußstapfen nicht annähernd auszufüllen, während er zeitgleich mit dem Vorgänger – und einen Platz vor ihm – als Jahrgangsbester den Trainerlehrgang absolvierte. Lange hielt es den Ehrgeizigen daraufhin nicht mehr bei der TSG.

Statt also mit der U 19 zu reifen, wie es sein Vorgänger tat, und geduldig auf wachsende Expertise und kommende Angebote zu warten, übernahm er zum Ende der letzten Saison Erzgebirge Aue und vollbrachte dort im fast schon verlorenen Abstiegskampf allerdings exakt jenes Wunder, auf dessen Wiederholung man jetzt auf Schalke hofft: Aue, eine blutleere Mannschaft, wuchs unter Domenico zu einer geordneten, siegreichen Truppe heran.

Das, dachte sich Christian Heidel, wäre doch ganz nach seinem Geschmack à la Klopp und Tuchel, damals in Mainz! Hatte man nicht auch gesehen, wieviel Erfolg die TSG unter einem neuen, ganz jungen Trainer hatte? Da lag es doch nahe, dasselbe nach dem Fiasko unter Weinzierl mit einem anderen jungen Trainer ähnlicher Herkunft hinzubekommen… Nur dass es mit den Kopien vom Original immer so eine Sache ist: Selten lässt sich der Glanz einer Vorlage auch nur annähernd wiederholen, allzu oft kommt bloß Mittelmaß dabei heraus, oft genug nicht einmal das.

Einstweilen sieht’s jedoch ganz passabel aus, wie Schalke unter Domenico in die neue Saison startet. Drei Spiele gewonnen, zwei verloren: macht 9 Punkte und Platz 5 in der Tabelle. Gegen die Bayern und Hannover unterlegen, siegreich gegen Leipzig, Bremen und Stuttgart. Aber wirklich überzeugend war der Schalker Auftritt bisher trotzdem nicht. Die Knappen treten kompakter auf und deuten mehr spielerisches Potential an als letzte Saison. Sie wirken schneller und wacher im Kopf. Eine eindeutige Handschrift ist in ihrem Spiel trotzdem noch nicht zu erkennen:

Mit 7:6 Toren erweist sich die Hintermannschaft als anfällig, die Offensive nicht als herausragend treffsicher. Im Bereich der gelben Karten liegt Schalke im unteren Mittelfeld, dafür an dritter Stelle bei den getätigten Fouls. Die Knappen punkten also eher bei Zweikämpfen unterhalb der Gelbzone und der Balleroberung, versuchen sich jedoch auch im Ballbesitz, der aber auch nicht völlig überzeugend praktiziert wird. So richtig zuordnen lässt sich ihre Spielweise bislang nicht; Schalke gleicht zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison einem Gemischtwarenladen und fokussiert die ganz großen Hoffnungen umso mehr auf Goretzka, um dessen Personalie bereits wieder die altbekannte Schalker Unruhe zu entstehen scheint.

Wird Schalke imstande sein, diesen Gemischtwarenladen wie die Hertha konsequent hinten dicht zu kriegen, um unser Kombinationsspiel zu unterbinden? Eher nicht, dafür sind die Knappen defensiv zu verwundbar – und so wird es darauf hinauslaufen, dass Schalke hoch angreift, aber nicht zu sehr, uns auszuspielen versucht, aber nicht zu sehr, ein bisschen mauert, aber nicht zu sehr, und bei weitem zu ehrgeizig ist, uns nicht trotzdem deutlich schlagen zu wollen. Möglicherweise fehlt ihnen dabei ausgerechnet Goretzka, der an einer Grippe laboriert – aber leider fehlt aufseiten der TSG auch Demirbay, den eine Muskelverletzung im Hüftbereich zu einer mehrwöchigen Pause zwingt. Die nächste Krankmeldung betrifft Ermin Bicakcic, der sich gegen Braga doch schwerer verletzt hat und mindestens für drei Monate ausfällt.

Aus allem Gesagten folgt, dass wir die Partie gewinnen können, wenn wir Schalke taktisch sauber bespielen. Es werden sich genügend Räume dafür bieten! Denn die Knappen werden uns dann öfter, als ihnen lieb ist, hinterherlaufen müssen und sich sehr verausgaben – was gegen Ende, falls nicht alles schon längst entschieden ist, den Durchbruch bringen wird. Der Vorteil für Schalke, nach Platz 10 in der letzten Saison international nicht dabei zu sein und eigentlich ausgeruhter zuwerke gehen zu können, ist nach der englischen Woche ohnehin marginal. Also: Auf geht’s Hoffe, kämpfen und siegen!!!

Foto: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius