Die mit der Nachspielzeit tanzen

Wenn etwas notwendig ist, fängt man am besten gleich damit an! So denkt Julian Nagelsmann, und darum setzte er gestern Abend in Mainz sein Prinzip der Lastenverteilung auf möglichst viele Schultern bzw. Beine konsequent fort und bot eine Mannschaft auf, die mit Passlack und Schulz auf den defensiven Außenpositionen, mit Rupp und Amiri im Mittelfeld, dazu mit Polanski auf der Sechs mehr oder weniger neu zusammengestellt war.

Nur wenn das Spielsystem der TSG von allen verfügbaren Akteuren ausgefüllt werden kann, lautet das Credo, sind die vielen eng aufeinander folgenden Spiele erfolgreich zu gestalten. Dazu braucht es anfangs der Saison einigen Mut. Doch die Methode, die zentralen Leistungsträger solange durch den Parcours zu jagen, bis sie ausgebrannt sind, wäre keine gute Alternative. Trotzdem wird sie von vielen Trainern angewandt.

Mit Zuber, Kaderabek, Kramaric, Geiger und Demirbay wurden allerdings gleich fünf Säulen der TSG geschont. Nach und nach kamen die drei Letztgenannten in der zweiten Halbzeit dann zwar doch noch zum Einsatz, aber sie mussten sich nicht mehr über ein verträgliches Maß hinaus verausgaben. Gleichzeitig hatten sich die drei Ersetzten zusammen mit den beiden anderen weiter ins Gesamtteam hineingespielt. In der Summe hat die Mannschaft damit einen großen Schritt nach vorn getan – und genau darum ging es!

Nur brauchte man Nerven wie Schiffstrosse! Die im Mittelfeld und auf den Außenbahnen erneuerte Mannschaft wirkte zunächst ziemlich ungelenk, konnte den Mainzer Ansturm kaum kontrollieren und lag nach Treffern in der 5. und 16. Minute bereits 2:0 hinten. Vom gepflegten Hoffenheimer Passspiel war zu dieser Zeit wenig zu sehen. Es drohte ein Szenarium wie in Liverpool. Dann zog sich der FSV 05 jedoch etwas zurück – und unsere Mannschaft baute sich wieder auf! Spielzug um Spielzug erarbeitete sie sich den verlorenen Überblick zurück und bewies, dass sie auch bei starker Rotation Wettbewerbsfähigkeit erlangen kann.

In der 23. Minute gab Polanski, der bis dahin offensiv einige Bälle in die Füße des Gegners gespielt hatte, per Kopf eine Steilvorlage für Amiri, der mit einem sensationellen Schuss den Anschlusstreffer erzielte. Und genau so ging es weiter! Stück für Stück kämpfte, arbeitete und spielte sich unsere Mannschaft nach vorn, hatte dabei einige brandgefährliche Mainzer Angriffe zu überstehen, was dank Baumann auch gelang, und kam in der Nachspielzeit durch Rupps Vorlage und Wagners Torpedokopfball zum inzwischen einigermaßen verdienten Ausgleich. Die bis dahin absolvierten 47 Minuten fühlten sich an wie ein komplettes Spiel, so viel Brisanz lag darin.

Die nun beginnende zweite Halbzeit sollte deutlich weniger Torjubel, aber noch mehr Nervenabrieb bringen. Demirbay kam zunächst für Passlack, zehn Minuten darauf Kramaric für Polanski – und jedesmal wurde das Zentrum neu strukturiert, ohne an die Aufholjagd der späten ersten Halbzeit heranreichen zu können. Umgekehrt begann Mainz wieder höher anzugreifen und sich systematisch heiße Chancen herauszuspielen. Jede Minute konnte es zu einem Treffer kommen, in jeder Sekunde stand das Spiel auf der Kippe.

Ab der 76. Minute durfte dann Geiger für Amiri auflaufen. Es war die wegweisendste Entscheidung des Tages, denn mit Geiger kamen zwei Momente ins Spiel, die bis dahin unterrepräsentiert waren: Bissigkeit und Ordnung auf der Sechs! Zwar fing sich Geiger wegen groben Fouls eine gelbe Karte ein, begleitet von Mainzer Rudelbildung, doch gab er damit den entscheidenden emotionalen Anstoß, das Spiel auf der Zielgeraden doch noch gewinnen zu wollen.

Und Geiger mit seinen 19 Jahren war es dann auch, der sich im Kopfballduell nach einem Eckball in der Nachspielzeit – obwohl mindestens einen Kopf kleiner – energisch am Sechzehner durchsetzte und damit Vogt an den Ball brachte, der das Ding nach innen hob, wo Uth, schon auf dem Rückweg, gedankenschnell kehrtmachte und es mit der rechten, schwächeren Klebe direkt aus der Luft in die Maschen schlenzte! Nur war damit die Nervenvernichtung noch lange nicht zuende… Das Tor war in der 2. Minute der Nachspielzeit gefallen, alles schien insoweit erstmal gut. Schiri Graefe hatte jedoch insgesamt fünf Minuten angesetzt und ließ das Spiel, wegen des ausführlichen Torjubels unserer Mannschaft, unendlich lange, weitere zweieinhalb Minuten laufen.

Als endlich der Schlusspfiff ertönte, fühlte man sich ungefähr so wie Nico Schulz, der kaum noch laufen konnte und komplett leer war (aber erneut beweisen konnte, was für eine wertvolle Verstärkung er ist). Was für ein heißer Tanz mit unfassbaren, entscheidenden Toren in den beiden Nachspielzeiten… Die Mainzer, die exzellenten Fußball geboten und sehr viel zu diesem wahren Fußballkrimi beigetragen hatten, konnten einem ein bisschen leidtun – was aber die Freude über den ersten Auswärtssieg der Saison nicht schmälerte!

Deine Meinung zum Artikel:
Alexander H. Gusovius