Berliner Mauer 2.0

Die alte Berliner Mauer aus Betonblöcken überstand nur 28 Jahre, die Betondefensive der Hertha am Sonntag die kompletten 90 Minuten. Ein einziges Mal gelang es unserer Mannschaft, erfolgreich durchzubrechen: aber auch nur per Standardtor, durch Kopfball Wagner nach Ecke Demirbay. Ansonsten blieb das Berliner Bollwerk trotz unablässigen Mauerpickens unversehrt.

Herthas Trainer Pal Dardai hatte sich unser Spiel gegen Braga am Donnerstag offenbar sehr genau angeschaut. Jedenfalls entsprach seine Taktik exakt der Spielweise der Portugiesen, die 45 Minuten lang hinten dichtmachten, dann 10 Minuten lang hoch angriffen und für den Rest der Partie wieder nahezu unüberwindbar tief gestaffelt standen. Wie Braga gelang Hertha in diesen aktiven zehn Minuten ein Tor – der entscheidende Unterschied bestand darin, dass unsere Mannschaft vor der Halbzeit nicht noch eines kassiert hatte.

Solange wir 1:0 vorne lagen, ca. 40 Minuten lang, solange war Hoffenheim Spitzenreiter der Tabelle. Beim 5:0 im letzten Spiel Dortmund-Köln wäre das hübsche Bild jedoch ohnedies pulverisiert worden. Für den einen oder anderen mag auch so ein temporärer Eindruck von Bedeutung sein – aber wer am vierten Spieltag vom Blick auf die Tabelle schon Schielaugen bekommt, hat in der letzten Saison nicht aufgepasst. Da konnten wir an den ersten vier Spieltagen gerade mal vier Punkte einsammeln, diesmal bereits acht, und wurden am Ende Vierter…

Wenn man irgendwo Schluckauf kriegen könnte angesichts der Tabelle, dann in Köln, und selbst da bemüht man sich um eine sachgerechte Lesart! Also weg von der viel zu frühen Zahlenspielerei und zurück zum Geschehen! Bzw. zum Nichtgeschehen, denn darum ging es den Hauptstädtern vor allem: zu verhindern, dass Hoffenheim ins Rollen kommt. In den tiefstehenden Hertha-Doppelreihen verfing sich die TSG-Offensive Mal ums Mal. Und damit aus dem Mittelfeld keine allzu kreativen Impulse kämen, liefen die Herthaner nicht erst unsere ballführenden Spieler an, sondern bereits dann, wenn der Ball auch nur in ihre Nähe kam.

Demirbay und Amiri wurden auf diese Weise mehr oder weniger neutralisiert. Trotzdem bespielte die TSG den Gegner 45 Minuten lang erfolgreich, kam aber immer mehr ans Ende ihrer kreativen Ideen und wurde zu Beginn der zweiten Halbzeit von den plötzlich sehr hoch angreifenden Hauptstädtern überrascht, die dann, als sie ihr Tor erzielt hatten, wieder Beton anrührten. Dabei war die hohe Geschlossenheit der Hertha ausschlaggebend: eine Mannschaft wie aus einem Guss, mit enormer Laufbereitschaft, die ihr taktisches Konzept diszipliniert durchzog und dazu die angriffslustigsten und defensiv nicht so belastbaren Spitzen Kalou und Ibisevic komplett auf der Bank schmoren ließ.

Als Ibisevic kurz vor Ende doch noch eingewechselt wurde, geschah das nur, um in den restlichen Spielminuten etwas Zeit von der Uhr zu nehmen bzw. um eventuell einen lucky punch zu setzen. Ersteres gelang, letzteres zum Glück nicht. Mit dem 1:1, das im Vorfeld vielleicht etwas mager gewirkt hätte, kann Hoffenheim in Anbetracht der Berliner Betonfabrik und der stets drohenden Kontergefahr dennoch gut leben, besonders nach dem Sieg über die Bayern: Wer vor diesen beiden Spielen gewusst hätte, dass wir aus ihnen vier Punkten ziehen, wäre mehr als zufrieden gewesen.

Für die kommenden Spiele, auch in der Euro-League, wird es nun darauf ankommen, der um sich greifenden Mauertaktik unserer Gegner etwas Neues entgegenzusetzen. Es ist unübersehbar, dass sich die Konkurrenz darauf eingestellt hat, Hoffenheims Ballbesitzfußball passiv zu durchkreuzen. Julian Nagelsmann weiß das natürlich und hat auch Ideen dazu: Beim Spiel war zu beobachten, dass er seine Mannschaft viel öfter als sonst von der Seitenlinie aus zu dirigieren versuchte und vor allem Diagonalbälle und spielerisches Verschieben einforderte, um damit die mannschaftliche Bewegung zu steigern und den Ballbesitzfußball nicht bereits ohne direkte Gegnereinwirkung in unbrauchbaren Pässen hintenherum erstarren zu lassen. Es wird interessant sein zu beobachten, wie unsere Mannschaft in den nächsten Partien damit umgeht.

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius