Alte Dame im Anmarsch

Zum etwas frühen Nachmittagskaffee hat sich am Sonntag Großtante Hertha angekündigt, um 13.30 in Sinsheim. Der kaffeenahe Termin ist geeignet, manchem Bierfreund die Laune zu verderben: blonder Gerstensaft ist zu so früher Stunde eher selten das Getränk der Wahl. Und doch strömen mehr als 25.000 Fans Sonntagmittag in die WIRSOL Rhein-Neckar Arena – auch ohne dass klar ist, ob Sandro Wagner wirklich aufläuft…

Gegen Braga konnten am Donnerstag nur gut 15.000 Zuschauer gezählt werden. Das wurde medial mit spitzen Zähnen vorgetragen, zum Zeichen, dass Hoffenheim in Sachen Fankultur doch immer noch reichlich unterentwickelt sei. Umso vollmundiger kommentierte man die 15.000 Kölner Fans oder mehr, die nach London gereist waren und dort durch die Straßen zogen. Allerdings drückte die Menge dann auch ins Stadion, obwohl das Kölner Kartenkontingent auf knapp 3.000 beschränkt war. Das Spiel konnte nach dieser teilweise erfolgreichen Nötigung und wegen der darum prekären Sicherheitslage erst eine Stunde später beginnen.

Man darf sich durchaus fragen, was besser ist: rauschartige Fanzustände, die ein bedrohliches Maß annehmen – oder ein verhaltenes Abwägen, das eben auch mal zu geringerer und trotzdem lautstarker Kulisse führt. Der reflexhafte Applaus für massenhysterisches Fanwesen beginnt übrigens zu bröckeln: nicht so sehr medial, dafür bei denen, die es konkret angeht, zu hören beim Freitagsspiel in Hannover, wo die auf Krawall gebürsteten Ultras „Kind raus“ skandierten und die Mehrheit der friedlichen Fans mit „Ultras raus“ antworteten. Das war, medial noch unterbeleuchtet, eine Sternstunde des Fanwesens! Zum ersten Mal erhoben nämlich jene echten Fans die Stimme, die in Wahrheit die Fanmasse bilden und aus Freude am Sport und am eigenen Verein ins Stadion gehen und schon lange die Nase gestrichen voll haben von der einseitigen, tendenziell auch gewaltnahen Vereinnahmung der Stadien durch extreme Fangruppen.

Zurück zur Hertha um 13.30: Ganz offensichtlich ist der ungewohnte Termin für die überwiegende Anzahl der echten Fans überhaupt kein Problem. Wir werden also eine stimmungsvolle Kulisse bei einem sportlich anspruchsvollen Event erleben. Beide Teams haben allerdings am Donnerstag im europäischen Wettbewerb gespielt, beide haben Körner gelassen und werden bzw. müssen rotieren. Der Vorteil liegt hier dennoch eindeutig bei der TSG, die schon viel mehr Spieler mannschaftlich eingebunden hat als Berlin. Julian Nagelsmann hat einen Kader geformt, aus dem er nahezu jede Position gleichwertig besetzen kann.

Die Hertha wird aus Gewohnheit und Gründen des Kräftesparens dankend darauf verzichten, das Spiel aktiv zu gestalten. Die Berliner werden meistens tief stehen und uns nur ab und zu hoch anlaufen, um uns zu überraschen und Konter ansetzen zu können, vorzugsweise über ihre schnellen Außen in die Mitte. Hoffenheim wird darum die Ballkontrolle und viel mehr Spielanteile haben und die alte Dame mit Kurzpässen von hinten heraus auszuspielen versuchen. Mit Geduld und ohne allzu viele Fehlpässe sollte das auch gelingen: Hertha BSC ist auf fremdem Terrain und in englischen Wochen selten erfolgreich!

Freuen wir uns also auf das nächste Großereignis in Sinsheim. Im europäischen Wettbewerb hat Hoffenheim noch nicht richtig Tritt fassen können, in der Liga läuft es umso besser – was letztlich auch wichtiger ist. Der Sieg über die Bayern hat gezeigt, wozu unsere Mannschaft imstande ist. Und der Held dieser Partie, Mark Uth, sollte am Sonntag wieder fit sein… Aber egal, wer auf dem Rasen steht: Auf geht’s Hoffe, kämpfen und siegen!!!

Foto: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius