Braga – das unbekannte Wesen

Ziemlich genau einen Monat ist es her, dass Hoffenheim den FC Liverpool empfing. Seit dem ersten, aufregenden Auftritt auf europäischer Bühne samt Champions-League-Hymne ist viel passiert: drei Ligaspiele mit 7 Punkten Ausbeute, was einstweilen Platz 2 in der Tabelle bedeutet, und der Sieg über die Bayern, der die schockartige Niederlage in Liverpool ausgleichen half. Wenn morgen Sporting Braga als erster Gegner der Euro-League-Gruppenphase in Sinsheim antritt, fühlt sich das gar nicht mehr so ungewohnt an wie vor vier Wochen.

Der portugiesische Verein gibt jedoch einige Rätsel auf, weil er unterhalb des Radars der normalen internationalen Fußballberichte fliegt. Versuchen wir also herauszufinden, was für ein Gegner das ist, der uns da begegnet – und wie die Gewichte verteilt sind. Da wäre als erste Vergleichsgröße etwa der aktuelle Wert des Kaders, der aufseiten von Braga ca. 50 Mio. € und seitens der TSG ca. 120 Mio. € beträgt. Daraus lässt sich eine Menge ableiten, eines aber nicht: dass Hoffenheim mehr als doppelt so stark einzuschätzen wäre und wir die Portugiesen darum locker besiegen.

Sonst hätten uns die Bayern, deren Kaderwert sich auf ca. 580 Mio. € beläuft, am Samstag ebenfalls vom Platz gefegt! Klein, aber fein hat immer Chancen gegen groß, aber umständlich… Das ist so ein bisschen wie beim Aussehen: entscheidend ist, was man daraus macht. Es kann einfach nicht jeder überwältigend schön sein – aber ganz schön überwältigend!

Gut, das mit dem Überwältigen ist erstmal unser Fach, die TSG hat sich in den letzten 12 Monaten vom grauen Mäuschen zum Buntspecht gemausert, der aus jedem Baumstamm nahrhafte Würmer herausklopft. Sporting Braga hat da aber auch einiges zu bieten, der Verein wurde 2016 Pokalsieger in Portugal, stand 2011 sogar im Finale der Euro League (unter anderem durch das Ausschalten des FC Liverpool!) und unterlag dann nur knapp gegen den FC Porto, der neben Sporting und Benfica Lissabon zum ewigen Spitzentrio im portugiesischen Erstligafußball gehört.

Braga lauert gewöhnlich dahinter und ist von daher in einer ähnlichen Position wie die TSG, die auch nur davon ausgehen kann, im Schatten der deutschen Schwergewichte auf Jagd zu gehen, auch wenn hier und da mal ein Sieg gegen einen der Top-Vereine gelingt – womit Braga ebenfalls von Zeit zu Zeit auf sich aufmerksam macht. Am letzten Spieltag der portugiesischen Liga hat Braga allerdings eine 2:0-Niederlage eingefahren und belegt aktuell nur Platz 9. Nach fünf Spieltagen schlagen damit nur sechs Punkte zubuche – kein glanzvoller Start in die Saison.

Und womit haben wir sportlich zu rechnen, wenn am Donnerstag ab 19 Uhr der Ball rollt? Braga ist alles andere als ein Betonmischer, der sich hinten reinstellt und auf die eine Konterchance lauert. Im Kader der Portugiesen befinden sich etliche brasilianische Spieler, deren Kreativität in Richtung Spielfreude geht und über den Angriff glänzen will – was eine gewisse defensive Anfälligkeit nach sich zieht. Für die TSG mit ihrer offensiv-defensiven Ausgewogenheit ergibt sich daraus im Prinzip ein Vorteil, wenn es gelingt, die jungen Stürmer von Braga unter Kontrolle zu halten.

Der entscheidende Vorteil könnte allerdings darin bestehen, dass die Partie sehr offen geführt werden wird, was der TSG liegt, weil sie dann ihren Ballbesitzfußball freier entfalten kann. Und uns Fans liegt das natürlich auch: Wir werden ein belebtes Spiel mit feinen Szenen und schnellem Fußball sehen, das Hoffenheim für sich entscheiden sollte, auch wenn der eine oder andere angeschlagene Spieler noch fehlen wird. Doch der Sieg über die Bayern hat ja gezeigt, dass wir auch dann noch großartigen Fußball spielen können.

Auf geht’s, Hoffe, kämpfen und siegen!

Foto: Kraichgaufoto, Uwe Grün

Deine Meinung zum Artikel:
Alexander H. Gusovius