Zweimal Uth, Bayern kaputt

Allzu optimistisch konnte man vor dem Spiel ja nicht sein: Vogt, Wagner, Szalai und Gnabry verletzt, Zuber und Hübner gerade so fit gemacht – und auf der Gegenseite Rudy und Süle, die zu den absoluten Leistungsträgern der letzten Saison gehörten. Süle verbrachte dann allerdings einen lauen Abend auf der Bank, während Rudy wenigstens eine Stunde lang antreten durfte, ohne dem Spiel der Bayern letztendlich den Stempel aufdrücken zu können.

In den ersten 20 Minuten schien sich die Sorge auch zu bestätigen. Die Bayern beherrschten die TSG, drückten unsere Spieler tief in die eigene Hälfte und schnürten sie wie beim Handball regelrecht ein. Es kam eine gefühlte Ewigkeit zu keiner Befreiung aus dem Klammergriff, in der 7. Minute klatschte ein Ball von Lewandowski gar auf die Latte, es schien nur noch eine Frage von Zeit zu sein, bis der Torreigen der Bayern eröffnet würde. Doch wundersamerweise fischte unsere Abwehr alles weg, was sich dem Tor gefahrvoll näherte – und wurden die Bayern davon zusehends ratloser.

Man muss sich das klarmachen: mit Nordtveit in der Mitte, neben ihm Hübner und Bicakcic, stand da eine Innenabwehr auf dem Platz, die so noch nie zusammengespielt hatte, und vorne zogen Uth und Kramaric in ungewohnter Paarung ihre Kreise. Kamen Bälle doch mal nach vorn, fehlte Wagner, ohne ihn war niemand da, der sie festmachen konnte, und so rutschten sie durch, strichen über die Köpfe und versandeten im Niemandsland – was die Bayern ihrer Überlegenheit immer sicherer werden ließ.

Und das wurde ihnen zum Verhängnis. In der 27. Minute drosch Hummels einen Ball, den er etwas unsauber ins Aus geköpft hatte, weit zurück ins Spielfeld. Kramaric besorgte sich eilig einen Ball zum Einwurf, vom Balljungen gedankenschnell bereitgestellt, schaute noch, ob die weggedroschene Kugel auch wirklich weit genug weg war, und warf ein, direkt in den Lauf von Uth, der kurz annahm und abzog, mit dem Außenrist ins kurze Eck. Neuer tauchte herunter, kam aber nicht mehr an den Ball, es stand 1:0.

Baumann wäre ziemlich sicher noch an Uths Schuss gekommen, er gehört zu den besten Torhütern und eben auch zu den schnellsten „Abtauchern“ der Liga. Und ein anderer wäre Uth vermutlich sogar noch in die Quere gekommen, nämlich Süle. Hummels nahm zwar nach einer kurzen Irritation über Kramarics schnellen Einwurf noch die Verfolgung von Uth auf: entlang seiner Möglichkeiten im Höchsttempo. Aber was für ein Entenlauf im Vergleich zu Süles Sprintqualitäten! Man sah in dieser Szene, stellvertretend für viele andere, dass die Bayern tatsächlich ein Altersproblem haben. Übrigens auf doppelte Weise. Die Alten, die spielten, waren zu langsam, und jene Alten wie Robben und Ribéry, die auf der Bank saßen, um sie für die Champions League zu schonen, konnten durch junge Spieler wie Coman nicht adäquat ersetzt werden. Als sie dann doch aufliefen, war es schon zu spät.

Bis zur Pause gelang es den Bayern nicht mehr, den Schock über den TSG-Treffer „aus dem Nichts“ zu verarbeiten. Sie probierten es weiter mit Flankenwechseln und flachen und hohen Bällen auf Müller und Lewandowski im Zentrum, aber Hoffenheim köpfte und trat alles weg, was da angeflogen kam – und spielte sich zusehends frei. Der Ball begann zu rotieren, unsere Mannschaft traute sich allmählich wieder das zu, was sie letzte Saison so stark gemacht hatte. Umgekehrt ergab sich für die Bayern kaum eine echte Torchance mehr.

Nach der Pause dauerte es nicht lang, bis die Bayern den nächsten Schock zu verdauen hatten. Ein Freistoß von Bicakcic flog diagonal nach vorn, ging kurz verloren, wurde von Amiri zurück erkämpft und von Zuber links zur Grundlinie gebracht, von wo aus der Schweizer ihn hinter die kollektiv Richtung Neuer rennende Bayernabwehr passte, wo Uth als einziger abgebremst hatte und darum völlig freistand. Er knallte den Ball ins Tor, flach neben den linken Pfosten – und erneut hätte wohl Baumann ihn mit blitzartigem Abtauchen gehabt. Neuer jedoch nicht…

An diesem Abend lief jeder Hoffenheimer im Schnitt einen Kilometer weiter als die Stars der Bayern. Damit war das Übergewicht an Klasse einigermaßen ausgeglichen, außerdem war Baumann in gewohnt bestechender Form und hielt alles, was vors Tor gelangte. Dem extremen Aufwand musste allerdings auch Tribut gezollt werden. Erst kam Polanski für den exzellenten, aber ausgepumpten Geiger und ersetzte ihn ebenbürtig. Dann kam Schulz für Zuber und versah die Aufgabe sehr gut. Eine Viertelstunde vor Spielende zwangen Krämpfe Uth zur Auswechslung. Es kam Ochs, der die auch schon müden Bayern in den letzten Minuten mit seiner hohen Laufleistung schwer irritierte.

Auch wenn es zu Beginn gar nicht danach ausgesehen hatte und der Kader arge Lücken aufwies, hatte Hoffenheim zum Schluss doch verdient gewonnen. Julian Nagelsmann hat es geschafft, auch aus einer ersatzgeschwächten Mannschaft eine starke Mannschaft zu formen und den Bayern Paroli zu bieten. Die Rhein-Neckar-Arena glich einem Tollhaus, die Scharte aus dem Spiel in Liverpool ist ausgewetzt, Uli Hoeneß schaute verdrießlich wie lange nicht mehr, Dietmar Hopp strahlte mit Julian Nagelsmann um die Wette. Was will man mehr…

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius