Tante Käthe in Rage

Von Zeit zu Zeit schwillt Tante Käthe der Kamm. Dann lässt sie Sätze vom Stapel und stapelt halbgare Sätze, die weniger von kühler Einsicht als von heißem Zorn getragen sind. Nach dem Spiel in Leverkusen war es wieder mal so weit: Tante Käthe alias Rudy Völler polterte sich den Grimm übers nicht gewonnene Spiel gegen Hoffenheim von der Seele und zieh die Videoschiedsrichterei in Köln gar des Tiefschlafs.

Was war geschehen? Nach einer wahren Torchancenflut führte die Werkself zur Pause nur mit 1:0, kassierte durch Kramaric umgehend den Ausgleich, ging sofort erneut in Führung und bekam in der 70. Minute doch wieder ein Tor eingeschenkt, das den Endstand von 2:2 bedeutete. Dabei war der Laufweg des Leverkuseners Henrichs vom steil gehenden Uth hintenherum gekreuzt worden, woraufhin er zu Fall kam. Uth konnte sich in der Folge den Pass von Demirbay ungestört erlaufen und einnetzen. Die alles entscheidende Frage war nun, ob Uth seinen Gegenspieler zu Fall gebracht hatte – oder Henrichs sich selbst.

Die Fernsehbilder zeigten später, dass Uth weit genug hinter Henrichs vorbeizog, um dessen Beine nicht zu verheddern. Letztlich hatte Henrichs im Sprint seine Füße einfach zu sehr nach hinten fliegen lassen. Er bekam dabei tatsächlich leichten Kontakt zu Uth, hätte aber nach ein, zwei instabilen Schritten weiterlaufen können und keinesfalls schlagartig hinfallen müssen. Das Tor wurde demnach regelkonform erzielt, und genau so schätzte es die Videozentrale in Köln zurecht ein.

Zuvor hatte die Video-Oberaufsicht bei einem kräftigen Stoß gegen Wagner im Strafraum ebenfalls kein Vergehen erkannt, lag damit allerdings falsch. Wagner hätte den Ball sonst aussichtsreich Richtung Tor befördert – so schaufelte er ein Luftloch. Es hätte also Elfmeter geben müssen. Die Erregung über diese Ungerechtigkeit hielt sich jedoch allgemein in Grenzen, auch bei Rudi Völler, der schon damals in Sinsheim, beim wundersamen Tor von Kießling durchs löchrige Außennetz, nicht eben erbost über die krasse Begünstigung seiner Werkself gewesen war.

Tante Käthes Furor rührte denn auch nicht wirklich von der geschilderten Szene her, die zum Remis führte. Die Szene war nur der Tropfen, der ihr Seelenfass zum Überlaufen brachte – doch die Füllung des Fasses hatte ganz allein Tante Käthes Mannschaft besorgt. Eine herausragende Torchance nach der andern hatte sie ausgelassen und war nur dank eines Elfers, der so berechtigt war wie der für Wagner nicht gegebene, denkbar knapp in Führung gegangen. Und am Ende, wie es im Fußball so geht, sollte sich das rächen.

Aber was war mit unserer Mannschaft los? Sie glich eine Halbzeit lang eher einem aufgeschreckten Hühnerhaufen, angst und bange konnte einem dabei werden. Eine Flut von Fehlpässen ergoss sich in Richtung des Gegners, der auch bei jedem Ballgestochere zuverlässig obsiegte und über unfassbar leere Räume verfügte. Hoffenheim drohte komplett den Faden zu verlieren, noch mehr als drei Tage vorher in Liverpool, und es war nur der Treffunsicherheit von Volland & Co zu danken, dass es zur Pause nicht 4:0 oder sogar höher stand.

Tatsächlich wirkte es so, als würde die Mannschaft eine Art Flashback erleben, ein schockähnliches Anknüpfen an die erste Halbzeit in Liverpool. Was immer geplant gewesen war, funktionierte nicht, der mannschaftliche Verbund fiel darüber auseinander, kein Spieler erreichte Normalform – und der Gegner mit seinen schnellen Spitzen profitierte maximal davon: Die Gefahr schien enorm groß, dass Hoffenheim in Liverpool mehr als eine Delle im Selbstbewusstsein abbekommen hatte. Dass unsere Mannschaft und ihr Trainer sich dagegen auflehnten, begünstigt vom Leverkusener Unvermögen, war der entscheidende Schritt heraus aus dem drohenden Verhängnis. Zur Mitte der ersten Halbzeit stellte Nagelsmann von Vierer- auf Dreierkette um und zog Vogt zurück in die Innenverteidigung, wo er entschieden besser aufgehoben war als zuvor auf der Sechs. Nach dem Seitenwechsel kam Demirbay für Rupp, zehn Minuten darauf Kaderabek für Zuber, in der 75. Minute Grillitsch für Amiri – und auch diese Maßnahmen zeigten alle eine deutliche Wirkung.

Zug um Zug zog sich die TSG jetzt förmlich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf und gewann die Kontrolle über Ball und Gegner. Toljan, der bei Kaderabeks Einwechslung Zubers Rolle auf der linken Seite zu übernehmen hatte, schien dort besser aufgehoben als rechts. Und Demirbay entfaltete sich erst richtig, als mit Grillitschs Debüt auf der Sechserposition endlich für Stabilität vor der Dreierkette gesorgt war. Ab diesem Moment war Leverkusen endgültig der Zahn gezogen, und am Ende der Partie spielte die TSG wieder den Fußball, der sie letzte Saison so weit gebracht hat – gerade noch rechtzeitig war das angeschlagene Selbstbewusstsein stabilisiert. Vor der Länderspielpause und dem dann folgenden Heimspiel gegen die Bayern kann man das nicht hoch genug einschätzen!

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Alexander H. Gusovius