Einbruch, kein Beinbruch

Was war da los? Warum hat das Ballbesitzspiel nicht gegriffen? Wie konnte Hoffenheim derart hilflos wirken und in gut 10 Minuten drei Tore kassieren? Drei Fragen, viele Antworten!

Versuchen wir es chronologisch. Nicht nur unsere Mannschaft ist jung. Ihr Trainer, man vergisst es manchmal, so souverän tritt er auf, ist es ebenfalls. Und so war es vielleicht ein Gran Unerfahrenheit dabei, dass Julian Nagelsmann lang genug vor der Partie relativ deutlich machte, dass er den Gegner defensiv eingestellt erwartete, auf Ergebnissicherung bedacht. Das Gegenteil geschah dann: Jürgen Klopp ließ seine Truppe sehr hoch angreifen.

Mindestens hatte er also schon aus dem Hinspiel die Lehre gezogen, dass eine TSG, die über den Ball verfügt und ihn rotieren lässt, seinen Mannen allzu gefährlich wird. Hoffenheim keinesfalls ins Spiel kommen lassen, lautete daher die Devise der Reds – und unsere Mannschaft, die darauf innerlich nicht richtig vorbereitet zu sein schien, hielt sich nicht an den Plan, falls es doch so kommen sollte, und lief ins offene Messer. Vielleicht war sie ihrer selbst im Vorfeld auch zu sicher gewesen und hatte den paralysierenden Effekt unterschätzt, den fußballerisch so geschichtsträchtige Orte wie an der Anfield Road auf Psyche und Physis haben können…

Nach vier bis fünf Minuten schien die TSG aber das erste Liverpooler Anrennen bremsen und wie im Hinspiel ins eigene Ballbesitzspiel umpolen zu können. Da ließ Can sich wegen eines Nichts fallen und behandeln und brach damit die erste Hoffenheimer Offensivwelle. Liverpool nutzte die Zäsur und lief sofort wieder steil an – und hatte alsbald das Glück, erneut mit einem abgefälschten Schuss ins Tor zu treffen.

Zu diesem frühen Zeitpunkt hätten unsere Spieler noch darauf reagieren können, dass sie viel zu weit weg vom Gegner standen. Etwas perplex schienen sie jedoch irgendwie darauf zu warten, dass ihr eigenes Offensivspiel den Gegner endlich in die Defensive drücken würde. Beides blieb indessen aus: Liverpool setzte stattdessen die schnellen Angriffe durch unfassbar offene Räume fort und führte 3:0, bevor unsere Spieler überhaupt begriffen, dass sich hier eine mittlere Katastrophe anbahnte.

Julian Nagelsmann erkannte die drohende, völlige Demontage seiner Mannschaft und reagierte mit der Umstellung von defensiver Dreier- auf Viererkette und der Einwechslung von Uth für Nordtveit. Damit war hinten für mehr Stabilität und vorn für mehr Durchschlagskraft gesorgt – was sich bald bezahlt machen sollte. Denn Uth tat, was er am besten kann, ohne Schönspielerei, die ihm nicht liegt, bzw. ohne lang nachzudenken einfach abzuziehen und ins Tor zu treffen. Zu diesem Zeitpunkt ließen die Reds die Zügel allerdings etwas schleifen, so dass Hoffenheim etwas mehr Griff auf die Partie bekam und vor der Halbzeitpause durchaus auf 3:2 hätte verkürzen können.

Nach der Pause hatte Klopp seine Truppe auf erneutes hohes Anlaufen eingerichtet. Sofort verlor Hoffenheim wieder jegliche Dominanz und fing sich nach vertändeltem Zuspiel in der eigenen Hälfte umgehend auch noch den nächsten Kontertreffer ein, ausgerechnet durch Firmino. Damit war die Partie natürlich so gut wie gelaufen, woran auch die Einwechslung von Szalai für Gnabry und Toljan für Kaderabek nichts mehr zu ändern vermochte. Wagner sorgte mit dem letzten Treffer des Spiels wenigstens für eine gewisse Ergebniskorrektur. Schmerzhaft war und blieb die Niederlage dennoch.

Es fällt schwer, einzelne Spieler zu benennen, die für den rabenschwarzen, so ganz anders geplanten Fußballabend verantwortlich wären. Die ganze Mannschaft wirkte überfordert, düpiert und aus den Angeln gehoben – und das Entsetzen über sich selbst brachte sie noch mehr ins Straucheln. Immerhin kann man sagen, dass Gnabry eigensinnig viele Chancen liegenließ, Kaderabek und Demirbay weit unter ihren Möglichkeiten blieben und selbst Vogt phasenweise überfordert wirkte. Umgekehrt kann man aber auch festhalten, dass Geiger auf der Sechs trotz seiner Jugendlichkeit keine Fehlbesetzung war und Baumann etliche weitere Liverpooler Torgelegenheiten glanzvoll entschärfte. An diesen beiden lag es bestimmt nicht, dass die Mannschaft fast auseinanderbrach.

Der Einbruch durch die ja immer noch recht dünne Decke des Erfolgs der letzten 12 Monate ist indes kein Beinbruch. Schmerzhafte Niederlagen gehören zum Reifeprozess einer Mannschaft dazu. Und man kann sich fragen, ob es nicht letzten Endes sogar besser für die Spieler und den ganzen Verein wäre, wenn Hoffenheim die Gruppenphase der Euro-League erfolgreich absolviert, statt im Winter in der Champions-League auszuscheiden. Vielleicht käme die Herausforderung, gegen Klubs der ganz großen Fußballwelt anzutreten, einfach zu früh!

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Alexander H. Gusovius