Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Selten hat eine Fußballweisheit derart viel Tiefsinn abgestrahlt wie am Sonntag, als für die nächste Runde des DFB-Pokals die Spielpaarung Bremen-Hoffenheim ausgelost wurde: einen Tag nach dem Spiel Hoffenheim-Bremen. Manche wollten eher das Walten des launischen Fußballgotts darin sehen. Andere wiederum seufzten schwer auf, weil der Auftakt-Heimsieg in der Bundesliga gegen Werder so knapp ausgefallen war. Hätte der Gegner nicht ein kleines bisschen mundgerechter zugelost werden können? Zum Beispiel gegen einen leckeren Drittligisten? Gern auch gegen einen vermeintlich harmlosen Zweitligisten mit Heimrecht?

Wenigstens lag diesmal kein zweiter Zettel in der Loskugel. Und ob ein anderer Gegner wirklich mehr Schwein bedeutet hätte, etwa sogar in Schweinfurt bei einem Regionalligisten anzutreten wie die Frankfurter Eintracht, wird sich erst noch zeigen. Natürlich wäre ein Heimspiel schöner gewesen. Aber es hätte wohl auch viel schlimmer kommen können, wie die heißeste Auslosung Leipzig-München bewies. Aus Sicht der Fans verspricht so ein Spiel in Bremen außerdem Spielfreude und Spannung pur. Was will man mehr? Wer im Pokal weit kommen will, fängt sowieso am besten früh damit an, starke Gegner aus dem Weg zu räumen.

Zuhause im Pokal muss Bremen im Übrigen viel offensiver antreten als letzten Samstag, was unserer Mannschaft vermutlich in die Karten spielt. So defensiv wie in Sinsheim hat man die Bremer selten spielen sehen, die Mauer-Taktik von Trainer Nouri wäre sogar fast aufgegangen. Hoffenheim kam jedenfalls erst kurz vor Spielende zum Siegtreffer, der auch noch abgefälscht war. Glücklicherweise, muss man sagen, war Kramaric der Urheber des unhaltbar abgelenkten Schusses. Damit dürfte sein lapidar vergebener Elfer aus dem Liverpool-Spiel, der ihm sicher schwer auf der sensiblen Seele lastete, wettgemacht sein.

Der Hergang der Partie gegen Bremen ist rasch erzählt: Unsere Mannschaft spielte, nach einem intensivem Gedenkmoment für die Opfer des Terrorangriffs in Barcelona, 20 Minuten lang überragenden Fußball, beherrschte den Gegner fast nach Belieben und vergaß nur, das eine oder andere Tor zu erzielen. Danach gelang Werder der eine oder andere Konter, ebenfalls ohne das Tor zu treffen. In der zweiten Halbzeit übertrug sich die offensive Hoffenheimer Dominanz auch auf die Defensive: Bremen kam fast gar nicht mehr nach vorn. Was die TSG da über 90 Minuten ablieferte, war von den fehlenden Treffern abgesehen wirklich beeindruckend. So schönen Fußball spielt kaum einer in der Liga. Doch statt in Schönheit zu sterben, wie das bei anhaltender Überlegenheit ohne Torerfolg oft genug passiert, setzte Hoffenheim permanent weiter nach, gab bis zum Schluss nicht auf und hätte auch noch das 2:0 erzielen können, als Hübners Kopfball in der Nachspielzeit nur knapp über die Latte strich. Unsere Mannschaft war motiviert bis unter die Haarspitzen und hatte sich den Sieg vollauf verdient.

Dabei war sie auf einigen Positionen einschneidend verändert, um die Kräfte fürs Spiel am Mittwoch in Liverpool zu schonen: Belastungssteuerung auf neudeutsch… Im Einzelnen saß Wagner sogar auf der Tribüne und war mit zwei schlafenden Kindern auf dem Bauch ganz rührender Papa, während Gnabry und Kramaric auf ihren Einsatz in der zweiten Hälfte warten mussten und Szalai und Uth bis dahin die Sturmpositionen besetzten. Toljan vertrat Kaderabek rechts hinten und vorn, wirkte aber seltsam gebremst und ideenlos. Einen sensationellen Auftritt legte dagegen Geiger auf der Sechs hin.
Der Youngster waltete und schalte wie ein spritziger Alter und könnte den Verlust von Rudy, der bei den Bayern ähnlich souverän auftrat, über kurz oder lang vollgültig ersetzen. Leider musste Geiger in der zweiten Halbzeit angeschlagen vom Feld – doch Polanski, der für ihn eingewechselt wurde, belebte das Spiel sogar.

Die Fans waren lautstark wie gegen Liverpool, es sprang davon spürbar mehr als ein Funken auf die Mannschaft über – und zurück! Da aber ewig kein Tor fallen wollte, bejubelten die Fans solange eben die eingeblendeten Spielstände in Berlin, wo Stuttgart die Liga-Premiere mit zwei kassierten Toren vergeigte. Etwas später kam auf Schalke auch RB Leipzig unter die Räder, so dass Ralf Rangnick am Sonntag im Doppelpass ziemlich angefressen und dünnhäutig wirkte. Für uns war es ein schöner Liga-Auftakt, der am Freitagabend noch durch Süles wuchtiges Kopfballtor Marke TSG nach Freistoß Rudy sentimental überzuckert wurde.

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

Was meinst Du dazu?

Kommentare

Deine Meinung zum Artikel:
Alexander H. Gusovius