Mindestens auf Augenhöhe mit Liverpool…

… aber unglücklich verloren, weil die Nerven bei manchem Hoffenheimer vom Auftritt auf der ganz großen europäischen Fußballbühne doch etwas mitgenommen wirkten. Das galt besonders für Gnabry und Kramaric, die in einigen Szenen unter ihren Möglichkeiten blieben und ein bisschen wie gelähmt wirkten – leider bei den wichtigeren Szenen vor dem Tor, einmal sogar am Elfmeterpunkt…

Es war die elfte Minute. Drei Minuten zuvor hatte es keinen Strafstoß gegeben, obwohl der Liverpooler Abwehrspieler Lovren den Ball im Strafraum mit der Hand berührt hatte. Jetzt zeigte Schiedsrichter Kuipers mit leichter Verzögerung doch auf den Punkt, nachdem Lovren im Sechzehner bei Gnabrys schönem Dribbling den Fuß hatte stehen lassen und der Neu-Hoffenheimer das Hindernis dankend annahm. Eine Minute später legte sich Kramaric den Ball zurecht und lief an – und tat genau das, was er letzte Saison schon öfters getan hatte: er chippte den Ball in die Mitte. Doch Mignolet war vorgewarnt – und blieb stehen. Und der Elfmeter war vergeben. Die Chance, das Spiel zu gewinnen, aber noch lange nicht!

Denn Hoffenheim hatte zu diesem Zeitpunkt längst die Oberhand im sehnsüchtig und auch etwas nervös erwarteten CL-Quali-Duell gewonnen und dem ruhmreichen FC Liverpool die eigene Spielweise aufgezwungen. Nur die ersten vier Minuten gehörten Klopps namhafter Truppe, dann hatte Vogt als Kopf der Mannschaft das verwirrend schnelle Hoffenheimer Kurzpass-Spiel aufgezogen – und der namhafte Trainer und seine namhaften Mannen wussten nicht recht, wie ihnen geschah.

Fast wurde die erste Halbzeit zu einer Demonstration Hoffenheimer Fußballkunst. Vor überragender Kulisse mit einer schönen Choreo („Nach den Sternen greifen“, vor dem Anpfiff) lieferte unsere TSG eine Vorstellung zum Augenreiben ab: Immerhin hieß der zunehmend eingeschnürte Gegner FC Liverpool, dazu war es das erste richtige Spiel der Saison, das schon höchstes Niveau hatte! Nur dass eben Kramaric kurz vor dem Strafraum regelmäßig zögerte, Kaderabeks Flanken zu weit flogen, Gnabry die Entschiedenheit vor dem Tor fehlte und Wagner vorbeischoss, als sich die Gelegenheiten mehrten.

Es konnte nicht ausbleiben, dass auch Liverpool hier und da zu Torchancen kam, meist aus etwas unnötigen Ballverlusten unserer Mannschaft resultierend. In der 35. Minute zog Bicakcic, der den rechten Außenverteidiger gab, dabei am Trikot des pfeilschnellen Mané und sah dafür die gelbe Karte. Schlimmer war, dass beim anschließenden Freistoß aus ca. 20 Metern Wagner und Rupp in der Mauer nicht hochsprangen. Sonst wäre der Kunstschuss des blutjungen Alexander-Arnold geblockt worden. So jedoch segelte er unhaltbar hoch ins lange Torwarteck.

Das war wie Bicakcics Trikotzupfer und der vergebene Elfer schon wieder so ein Momentum nervöser Unübersichtlichkeit – dem die TSG fortan hinterherlief. Nach der Pause wechselte Julian Nagelsmann denn auch rasch zwei Positionen, die nicht optimal besetzt schienen: Für Rupp durfte Amiri ran, ohne spürbare Steigerung der Durchschlagskraft, zumal Demirbay, überraschend auf der Position des Sechsers, weniger zur Offensive beitragen konnte als sonst. Und für Bicakcic kam Nordtveit, der dem Spiel deutlich mehr Impulse verlieh.

Denn in der zweiten Halbzeit spielte sich Hoffenheim nicht mehr nur durchs Mittelfeld in die Angriffszone vor, was auf Dauer zu kräftezehrend war, sondern probierte es des Öfteren auch mit brandgefährlichen Diagonalpässen von hinten nach vorn. Doch immer noch war das Tor von Mignolet wie vernagelt, wollte der entscheidende Angriff einfach nicht gelingen. In der 71. Minute kam deshalb Uth für Gnabry – und in der 75. Minute folgte der nächste nervös bedingte Fehler. Nach einem Foul im Mittelfeld durch Amiri haderte der Hoffenheimer Youngster mit Kaderabek, anstatt sich vor den Ball zu stellen.

Wijnaldum konnte den Freistoß darum völlig unbedrängt ausführen. Allerdings rollte das Spielgerät dabei noch, der Freistoß hätte wiederholt werden müssen. Doch Schiri Kuipers beließ es dabei, so dass der Ball auf Firmino kam, der von unseren Fans übrigens sehr freundlich begrüßt worden war. Mit einem genialen Pass quer über die hochstehende Abwehrkette spielte der ehemalige TSG-Publikumsliebling links Millner frei, der nach innen flankte und Nordtveit am Kinn traf, von wo sich die Kugel in einer Bogenlampe unhaltbar hoch in Baumanns Maschen senkte.

Ein paar Minuten lang wirkte Hoffenheim jetzt ziemlich geschockt – Liverpool lag nach zwei reichlich glücklichen Toren 0:2 vorn, der umgekehrte Spielstand wäre dem Spielverlauf viel angemessener gewesen. Stattdessen stand der Gegner sogar kurz vor dem 0:3, das fürs Rückspiel kaum noch Chancen offengelassen hätte. Aber unsere Mannschaft, die bisher, zu Beginn der zweiten Halbzeit, nur einen Abseitstreffer erzielt hatte, raffte sich noch einmal auf. Nordtveit schlug einen langen, sehenswerten Diagonalball auf Uth, der nicht lang fackelte und flach abzog. Es war die 88. Minute, und es stand nur noch 1:2!

Beim anschließenden Hoffenheimer Endspurt über vier Minuten Nachspielzeit verletzte sich leider Demirbay schwerer am Knie und musste vom Feld – die Diagnose steht noch aus. Zu zehnt gelang es dann nicht mehr, in allerletzter Minute noch zum mehr als verdienten Ausgleich zu kommen. Aber die knappe Niederlage lässt doch die Möglichkeit offen, im Rückspiel nächsten Mittwoch bei ähnlicher spielerischer Überlegenheit in die Gruppenphase einzuziehen.

Jürgen Klopp wollte nach dem Spiel partout nicht zugeben, wie klar seine Mannschaft der unseren über weite Strecken des Spiels unterlegen war. Da war dann mal wieder der verkniffene Kloppo zu besichtigen, den man hinter dem netten, charmanten Jürgen Klopp nie vergessen darf. Wie es aussah, fand Julian Nagelsmann Kloppos inhaltlichen Silberblick nicht sonderlich lustig, so dass auch er das nächste Spiel gegen Liverpool, zusammen mit seiner jetzt akklimatisierten Mannschaft, mit noch mehr Nervenstärke und hoffentlich nochmals weniger Respekt angeht. Dann kann der Traum doch noch wahrwerden!

Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius