Das allererste Mal!

An die ersten Male im Leben erinnert man sich meistens sehr genau, selbst wenn sie noch so lang zurückliegen. So wird es auch diesmal sein, wenn am Dienstagabend, den 15. August 2017, die TSG 1899 Hoffenheim zum allerersten Mal europäisch gespielt haben wird. Dieser Moment, wenn die Mannschaften einlaufen und dann gegeneinander antreten, wird sich für immer in die Erinnerung einbrennen.

Hoffenheim hat ja schon ein paar mehr erste Male erlebt. Bis 2008, als der Aufstieg in die Erste Liga gelang, war des Öfteren Neuland betreten worden. Seither aber nicht mehr. Neun Saisons lang wurde inzwischen Fußball gespielt, mal mehr, mal weniger erfolgreich – aber nie gelang der Sprung auf die europäischen Plätze. Bis letzte Saison auf Anhieb sogar Platz 4 erreicht wurde, der zum jetzt anstehenden allerersten Mal berechtigte: zu den beiden Champions-League-Qualifikationsspielen.

Imgrunde hat die TSG damit schon alles erreicht, wonach man sich sehnte: Mindestens nimmt sie in dieser Saison an der Gruppenphase der Euro-League teil. Aber weil man nicht gern verliert, egal gegen wen, und weil die Gruppenphase der Champions-League eine noch schönere Angelegenheit wäre, wird unsere Mannschaft alles daransetzen, den ruhmreichen FC Liverpool in die Schranken zu weisen. Kann das gelingen?

Natürlich kann es das! Liverpool unter Jürgen Klopp ist kein Überflieger, kein Starensemble wie Real Madrid oder der FC Barcelona, sondern ein eigentümliches Gemisch aus exzellenten Fußballern und laufintensiver Kloppomanie, also des bedingungslosen Umschaltfußballs, den sich der damals noch nicht so erfolgreiche Trainer des BVB 2008 bei seiner ersten Begegnung mit Hoffenheim abgeschaut hatte – mit 4:1 ging Dortmund gegen uns baden, damals noch in Mannheim. Das gab ihm zu denken und prägte fortan die Wege der Borussia, die seit seinem Weggang Probleme damit hat, zu einer durchschlagend neuen Spielphilosophie hinzufinden. Thomas Tuchel hat es versucht, vermochte jedoch die versteinerten Klopp’schen Strukturen nicht wirkungsvoll aufzubrechen.

Hoffenheim hat sich seit dem Jahr 2008 dagegen entscheidend weiterentwickelt, Jürgen Klopp eben nicht. Sein Verständnis vom Liverpooler Fußball ist ein bisschen antiquiert. Es lebt davon, dass es ihm wie in Dortmund gelingt, seine Fußballer komplett auf ihn selbst zu verpflichten, ihm hingebungsvoll zu folgen und sich förmlich die Lungen aus den Leibern zu laufen. Genau das ist aber im Jahr 2017 ein Problem: Fußballer der Gegenwart sind allesamt früh taktisch geschult und erwarten zurecht, dass ihre spezifische Begabung in ein komplexeres Spielsystem eingebunden wird, als es das hohe Pressen und Umschalten ist. Zumal, wenn es sich um so teure und überwiegend großartige, technisch versierte Spieler handelt wie in Liverpool. Solche Fußballspezialisten wollen nicht rennen bis zum Umfallen, sondern lieber intelligenten, taktisch komplexen Fußball spielen.

Julian Nagelsmann setzt genau an dieser Stelle an und hat es geschafft, eine Mannschaft zu formen, die vom Marktwert und von den Namen her zwar deutlich unterhalb von Liverpool residiert, aber erfolgreich ist. Mit einer intelligenten Spielidee hat er seine Spieler hinter sich gebracht, die ihm vertrauen, weil sie der Spielidee und sich selbst vertrauen. Jürgen Klopp dagegen versucht, ein etwas abgelebtes Spielsystem mit besseren Spielern aufzufrischen – und hat in der Premier League damit erst Platz 8, dann Platz 4 erreicht. Durchschlagender Erfolg sieht anders aus.

Es kann also sein, dass die höhere Wertigkeit der Hoffenheimer Spielweise die höhere Wertigkeit des Liverpooler Kaders ausgleicht und insgesamt sogar überlegen ist. Vermutlich wird sich entlang dieser Parameter entscheiden, wer in die Gruppenphase der Champions-League einzieht. Aber es gibt noch ein paar andere Parameter, die ebenfalls eine Rolle spielen könnten. Da wäre zum einen das Wetter, falls doch noch Gewitter aufziehen sollten – was laut Wettervorhersage zum Glück unwahrscheinlich ist. Dann könnte Nervosität eine Rolle spielen, sollte unsere Mannschaft vom Hören der Champions-League-Hymne anfangs weiche Knie haben. Umgekehrt könnte latente Liverpooler Überheblichkeit dafür sorgen, dass Jürgen Klopp im Laufe des Spiels weiche Knie bekommt.

Hoffenheim hat eine Chance gegen Liverpool! Wie groß sie ist, hängt wesentlich davon ab, wie effizient wir unsere Angriffe zuende spielen und was Liverpools etwas anfällige Hintermannschaft zulässt. Beim Ligaauftakt am Wochenende hat sie drei Gegentore kassiert und dürfte von daher leicht zu verunsichern sein. Unser 0:1 in Erfurt war zwar nicht gerade ein Ausweis offensiver Feuerkraft und nicht der ideale mentale Schub, aber es hat auch nicht geschadet – sondern dürfte den Ehrgeiz noch gesteigert haben.

Wie immer das Spiel ausgeht, wir werden es genießen! Ob in der WIRSOL Rhein-Neckar-Arena, die zum Tollhaus wird, oder im ZDF, das die Übertragungsrechte hat und unsere TSG endlich mal in alle deutschen Haushalte bringt. Und wir freuen uns auf das Wiedersehen mit Roberto Firmino, der sich vor dieser Spielpaarung gefürchtet hat, weil sein Herz immer noch auch für Hoffenheim schlägt. Ihm wird, da Liverpools größter Star Coutinho allem Anschein nach fehlt, vielleicht die Schlüsselrolle im Spiel zufallen. Oder Demirbay, oder Amiri, oder Wagner, oder Kramaric, oder Gnabry, die genauso zum Matchwinner werden können! Wenn sie alles geben und wir Fans alles geben, wird der Traum wahr: Also auf geht’s, Hoffe, kämpfen und siegen!

Foto: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius