Verletzungsfrei und ohne Verlängerung…

… die nächste Runde erreicht! Genau darum ging es gestern in Erfurt bei einem fairen Gegner, der zum Glück selten hart, fast nie überhart einstieg, um seine kleine Chance aufs Weiterkommen zu wahren. Nicht nur im Pokal hat man das oft genug anders gesehen – wenn sogenannte Kleine den sogenannten Großen was auf die Socken geben, besser gesagt brutal zulangen, um den spielerischen Vorteil der besseren Fußballer zu minimieren.

Dann wird gern schwadroniert, so sei der Fußball eben, rustikal und manchmal auch ein bisschen dreckig: und das sei letztlich gut so, denn sonst würde das viele Geld den ehrlichen Fußball noch völlig ruinieren. In Erfurt war das Gegenteil zu besichtigen. Die Rot-Weißen hielten defensiv bis zum Schluss ehrlich mit, hätten kurz vor Spielende fast noch den Ausgleichstreffer erzielt und damit die Verlängerung erzwungen. Vom Ruin des Fußballs keine Spur!

Nur hängt damit zusammen, warum sich Hoffenheim so schwertat. Der Gegner stand hinten extrem stabil, die zwei aufmerksamen, flexiblen Fünferreihen verengten äußerst effizient die Räume. Die TSG setzte Erfurt zwar fast permanent unter Druck, bespielte die Mitte, die Seiten, versuchte es diagonal und mit langen Bällen – aber lange Zeit leider vergeblich, wenn man davon absieht, dass Ende der ersten Halbzeit Wagner ein Tor erzielte, das wegen Abseits nicht gegeben wurde. Die Fernsehbilder bewiesen später jedoch, dass es sich um gleiche Höhe gehandelt hatte.

Zudem war gerade für die so wichtigen Außenbahnen mit Toljan und Schulz nicht das erste Aufgebot auf dem Rasen: Zuber und Kaderabek pausierten, ebenso Hübner, Rupp, Gnabry und Baumann, die durch Bicakcic, Amiri, Kramaric und Kobel ersetzt wurden. Julian Nagelsmann hatte sicher keine B-Elf ins Rennen geschickt, aber einigen wichtigen Spielern doch etwas Ruhe verordnet. Immerhin durfte Gnabry bald nach dem Beginn der zweiten Halbzeit aufs Feld, er brachte kurzfristig frischen Wind ins Angriffsspiel. Kurz zuvor war nach technisch schönem Einsatz von Demirbay und Amiri jedoch auch das 0:1 gefallen.

Dass unsere Mannschaft mit Gnabry jetzt aufs erlösende zweite Tor drängte, spielte den Erfurtern allerdings in die Karten, die lieber weiter ihr exzellentes defensives Geschäft betrieben und erst gegen Ende mehr nach vorn riskieren wollten. Als sie es taten, sah man auch, warum sie so lang damit gewartet hatten und wieso es ein Fehler der TSG war, trotz der Führung permanent weiter das Spiel zu machen – die Rot-Weißen verhedderten sich beim Angreifen zu oft und luden zu Kontern ein, deren aussichtsreichsten Kramaric vergab, als er allein übers halbe Spielfeld Richtung gegnerisches Tor lief und zum Schluss abbremste, um den mitgelaufenen Gnabry in Szene zu setzen, ohne zu merken, dass auch ein Erfurter in seinem Rücken mitgelaufen war, der den Ball dann weggrätschte…

Bei oberflächlichem Hinschauen sah das Ganze so aus, als wäre unsere Mannschaft etwas träge und ziemlich ideenlos gewesen. Aber an guten Defensivmannschaften haben sich auch schon andere Teams die Zähne ausgebissen und schlecht ausgesehen. Irgendwann, wenn man alles probiert hat, gerät jede noch so gute Offensive ins Stocken und wirkt planlos. Eine echte Verbesserung hätte sich vielleicht ergeben, wenn die Flanken von Schulz links öfter angekommen wären und Toljan nicht fast immer abgestoppt hätte, sobald er rechts die Höhe des Strafraums erreicht hatte, um sich im nächsten Moment festzuspielen. Auch Polanski als Sechser hatte Momente, in denen ein feinerer Techniker mehr Wirkung erzielt hätte, während Uth, der die letzten 15 Minuten für Kramaric spielte, wie schon gegen Bologna nicht wirklich in die Partie zu finden schien.

Umso beeindruckender war die erkennbare Geduld, mit der unsere Mannschaft die 90 Minuten absolvierte. Nie wurde es hektisch, nie geriet das gepflegte Kurzpassspiel aus dem Tritt. Und es kam zu keinerlei Übermotivation und damit auch zu keiner Situation, in der böse Verletzungen riskiert wurden. Für das anstehende große Spiel gegen Liverpool war das ebenso wichtig wie die Begrenzung der Partie auf 90 Minuten, um die Kräfte zu schonen. Gregor Kobel, dem Youngster im Tor, war es zu danken, dass er den spät erwachten Ehrgeiz der Erfurter gegen Ende mit ein, zwei schönen Paraden stoppte.

Hauptsache weiter, heißt es in der ersten Pokalrunde zurecht oft. Trainer Nagelsmann sah das auch so und äußerte sich trotzdem unzufrieden, vermutlich um seine Spieler wachzuhalten bzw. für die große Aufgabe am Dienstag anzustacheln. Er ließ auch erkennen, dass es da zu einigen personellen Wechseln kommen könnte. Aber das darf man vermutlich als ein internes taktisches Manöver zur Motivationssteigerung begreifen, denn mit Schulz, Bicakcic und Polanski in der Startaufstellung und mit Posch, Geiger und Ochs auf der Bank hatte er sowieso nicht die wettkampfstärkste Truppe mit nach Erfurt gebracht. Unterm Strich gilt also doch: Hauptsache weiter!

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Alexander H. Gusovius