Einmal Erfurt ohne alles!

Amuse-Gueules sind das Gegenteil von gutbürgerlicher Küche: winzige Häppchen im Restaurant, die vor dem ersten Gang gereicht werden und Lust auf mehr machen, die den Magen auf die kommenden Gaumenfreuden vorbereiten sollen. So ähnlich könnte die anstehende Partie am Samstag beim Drittligisten Rot-Weiß Erfurt auch vom einen oder anderen Fan, vielleicht auch von dem einen oder anderen Spieler missverstanden werden: als DFB-Pokal-Spaß, als heiteren Ausflug in die neuen Bundesländer, als lecker-leichte Fußball-Vorspeise, bevor es zu den gewichtigen Hauptgerichten à la Liverpool, Bremen und Bayern geht.

Trainer Julian Nagelsmann, so witzig und entspannt er sich auf der Pressekonferenz am Donnerstag auch wieder präsentierte, kennt bei so etwas jedoch nicht das kleinste bisschen Spaß. Mit leicht verengten Augen gab er zu Protokoll, dass er nicht nur keine B-Truppe in Erfurt ins Pokalrennen schicken werde, sondern jeden Spieler sehr genau daraufhin beobachten wolle, ob ihn seine Leistung auch fürs große Champions-League-Quali-Heimspiel am Dienstag qualifiziert. Die Mannschaft wird die Botschaft vernommen haben: Wer’s gegen Erfurt allzu locker angeht, sitzt gegen Liverpool locker mal auf Bank oder Tribüne!

Die Gefahr ist auch nicht zu unterschätzen. Hoffenheim ist wie im Fieber vor der Champions-League-Gala am Dienstag, die Hirne und Herzen aller TSG-Fans und Mitarbeiter vibrieren förmlich – da kann man so einen Pokalkick gegen den Drittletzten der Dritten Bundesliga leicht unterschätzen und die Tore weit aufmachen für das Schreckgespenst mit Namen Erstrundenaus! Schließlich stolpern jedes Jahr namhafte Klubs in die Überheblichkeitsfalle, Hoffenheim kennt sich damit ganz gut aus: siehe die Stichwörter AK Berlin und Sechz’ger…

Eine Niederlage in Erfurt würde außerdem viel Unsicherheit in die Mannschaft tragen, die vor dem Ligabeginn noch nicht genau wissen kann, wo sie steht – und vor der Heimpartie gegen Liverpool alles andere gebrauchen kann als hängende Köpfe nach einem selbstverschuldeten Fiasko. Darum schmückt Julian Nagelsmann seine Erwartung an die Mannschaft nicht mit verbalen Verzierungen, sondern drückt sie ungewohnt unverhohlen aus. Beim Pokalspiel in Erfurt geht es erstens um sehr viel – und zweitens um noch viel mehr!

Umso gespannter dürfen wir auf die Partie um 18.30 Uhr sein. Erfurt hat so gar nichts zu verlieren und wird nach mauem Start in die Saison alles daransetzen, die nächste Pokalrunde zu erreichen. Die Mittel dazu mögen begrenzt sein, aber man hat schon oft gesehen, wozu ein vermeintlicher Fußball-Zwerg unter Vollmotivation imstande ist. Aus massierter Defensive, die uns die Lust am Toreschießen nehmen soll, werden die Erfurter den Ball immer wieder weit nach vorn schlagen, um über ihr kaum vorhandenes Mittelfeld hinweg zu nadelstichartigen Kontern anzusetzen. Die ganze Spielweise von Erfurt wird darauf angelegt sein, uns den letzten Nerv zu ziehen.

Hoffenheim muss mit Spielwitz und schnellen Kombinationen dagegenhalten, darf aber nicht in den Fehler verfallen, den Ball ins Tor tragen zu wollen. Schüsse aus der Halbdistanz bringen ordentlich Unruhe in eine vielbeinige Abwehr, ob man trifft oder nicht. Dann werden die Wege über die Mitte und über die Flanken offener – und fallen auch Tore. Am besten wäre es aber, nicht zu viele… Denn knapp hinter einer demotivierenden Niederlage wäre eine möglicherweise einsetzende Euphorie der zweitschlechteste Vorbereitungseffekt auf das große Spiel gegen Liverpool.

Schauen wir also, dass wir im DFB-Pokal mit einem guten Ergebnis weiterkommen und in diesem Wettbewerb, der den kürzesten Weg zu einem Titel bietet, noch ein paar mehr Erfolge feiern, gern zum Schluss auch in Berlin. Immerhin ist das ein Traum, den man einigermaßen realistisch angehen kann. An anderen Träumen muss man viel länger arbeiten, mit zähen Zwischenschritten oder sogar in Riesenschritten – wie am Dienstag… Deshalb unsere gutbürgerliche Bestellung für Samstag: Eine große Portion Erfurt ohne Schnickschnack, ohne Vorspeise oder Dessert.

Auf geht’s, Hoffe, kämpfen und siegen!

Foto: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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