Unser Herr Nagelsmann!

Beim Testspiel gegen Genua letzten Samstag lief der Ball schon deutlich besser als in den Telecom-Cup-Halbpartien gegen die Bayern und Gladbach. Julian Nagelsmann war denn auch vom Ergebnis, der 2:3-Niederlage, kein bisschen angefasst. Seine Mannschaft hatte trotz der erstaunlich ruppigen Gangart der Italiener deutlich mehr vom Spiel und brachte vor allem entscheidend Struktur in die Partie. Drei Fernschüsse der Genuesen, die glücklich ins Netz flogen, waren kein Gradmesser.

Weil Nagelsmann zur Halbzeigt komplett durchwechselte, waren letztlich zwei TSG-Mannschaften in der Welser Renner Arena, in der Nähe des österreichischen Trainingslagers, auf dem Rasen unterwegs: ähnlich konfiguriert wie beim Telecom-Cup. Interessant war, dass die eher etablierte Truppe der ersten Halbzeit wie vor einer Woche in Gladbach offensiv eher impulsschwächer, dafür defensiv und im Spielaufbau geordneter wirkte, während die weniger etablierten, jungen Wilden keinesfalls ungeordnet drauflos stürmten, sondern ebenfalls klar erkennbar im System Nagelsmann angekommen sind.

Die offensive Impulsivität in der zweiten Hälfte war durch eine interessante Note angereichert: zum ersten Mal lief Serge Gnabry für Hoffenheim auf. Neben einer sehenswerten Vorlage zum 2:2 durch Hoogma fiel auf, wie ballgewandt und dynamisch der von den Bayern ausgeliehene Stürmer ist – ein Vollblutfußballer! Man darf gespannt sein, wie er sich mit Kramaric versteht, der wie Grillitsch leider geschont werden musste. Die entscheidende Frage wird darüber hinaus sein, ob Gnabry über eine ganze Saison hinweg erstens ohne größere Verletzungen bleibt und zweitens sein Potential dauerhaft umzusetzen versteht.

Das Fehlen von Grillitsch war auch deshalb bedauerlich, weil man zu gern gesehen hätte, wie er sich auf der Position von Rudy schlägt. Immer noch sucht die TSG hier nach hochwertigem Ersatz, hat ihn mit Grillitsch jedoch vielleicht schon gefunden. Vielleicht wird Julian Nagelsmann uns alle aber auch wieder überraschen: Vogt als Kopf der Innenverteidigung und Hübner etatmäßig links neben ihm waren letzte Saison ähnliche Überraschungen, wie sie in der kommenden Saison auf der 6-er Position anstehen mag, falls kein geeigneter Transfer mehr gelingt: Zulj oder Nordveit könnten die Vakanz bspw. füllen. Und Hoogma, jung und unerfahren, könnte ähnlich schnell wie einst Süle zur dauerhaften Lösung als rechter Innenverteidiger werden.

Das sind natürlich alles nur Spekulationen. Ob Trainer Nagelsmann so oder anders über seinen Kader nachdenkt, wissen wir nicht. Doch nach allem, was wir bisher mit ihm und durch ihn erlebt haben, darf man davon ausgehen, dass er an Lösungen bastelt, die sich zum Start der neuen Saison samt CL-Quali als tragfähig herausstellen werden. Einstweilen hat man ihn, der nach eigenem Bekunden so bald für keinen anderen Verein arbeiten wird, seitens des Kicker-Fußballmagazins völlig verdient zum Trainer des Jahres erkoren. Selbigen Tags erreichte er auch noch das fast schon biblische Alter von 30 Jahren, so dass sich in seiner Person von jetzt an Pioniergeist und Lebenserfahrung ideal bündeln… Glückwunsch an ihn – und Glückwunsch an uns, dass wir ihn haben, unsern Herrn Nagelsmann!

Foto: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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Alexander H. Gusovius