Eine Stunde – und eine halbe…

Eine Stunde lang hat Hoffenheim am Samstag Fußball zelebriert und Bremen in Grund und Boden gespielt. Eine Stunde lang zirkulierte der Ball, immer wieder ging es pfeilschnell nach vorn, wie am Fließband fielen die Tore. Eine Stunde lang spielte die TSG ihren besten Saisonfußball… Und dann? Eine halbe Stunde lang ging Bremen gegen die sich abzeichnende, böse Klatsche an. Eine halbe Stunde lang rollten die Angriffe Richtung Baumann, immer weniger gelang es, Werder nach dem Anschlusstreffer vom Tor fernzuhalten, ganz am Ende fielen zwei weitere Tore. Eine halbe Stunde lang zerbröselte Hoffenheims glanzvollster Saisonsieg!

In der Halbzeit hatte Julian Nagelsmann seinen Spielern noch eingeschärft, nach dem Wiederanpfiff nicht nachzulassen, sondern munter „weiter Gas zu geben“. Und das taten sie auch – kaum waren sechs Minuten der zweiten Halbzeit herum, stand es bereits 0:5. Nach den drei Toren der ersten Halbzeit durch Szalai, Kramaric und Zuber hatten diesmal wieder Kramaric und Bicakcic getroffen, der für den angeschlagenen Hübner aufgelaufen war und sein erstes Saisontor erzielen konnte.

Es war der Moment, sich zurückzulehnen und hochzurechnen: Fünf Tore in sechzig Minuten, also alle zwölf Minuten ein Tor… Zu erwarten bei verbleibenden 30 Minuten wären demnach zwei oder drei weitere Tore: Endstand 0:7 oder 0:8… Der erhebliche Vorsprung von Dortmund beim Torverhältnis, mit dessen Glattstellung niemand mehr gerechnet hätte, wäre dann ausgeglichen! Falls der BVB zeitgleich in Augsburg nicht auch noch ein Torfestival feiern würde… Aber das tat er nicht, der BVB erspielte sich sogar nur ein mageres 1:1. Und dieses Remis war genau jenes Ergebnis, das Hoffenheim brauchte, um bei Punktegleichstand überhaupt übers Torverhältnis nachdenken zu können.

Falsch, es war doch nicht der Moment, sich gemütlich zurückzulehnen und zu rechnen. Besser hätte man an Sprichwörter gedacht wie „die Rechnung ohne den Wirt gemacht“ oder „das Fell des Bären nicht verteilen, bevor er erlegt ist“… Noch besser hätte man einfach mit Bremen rechnen sollen. Es war schließlich das letzte Heimspiel von Werder, die Fans begannen zu pfeifen – und die Mannschaft wollte sich so nicht aus der Saison verabschieden und zeigte die entsprechende Reaktion. Während unsere Mannschaft im exakt selben Moment leider doch noch den Fuß vom Gaspedal nahm und umgehend das erste Bremer Tor kassierte.

So schade das war, so verständlich war es. Bremen wirkte bis zum 0:5 immer hilfloser und schien der schwindelerregend schnell vorgetragenen Hoffenheimer Ballkontrolle mehr oder weniger wehrlos ausgesetzt zu sein! Dass unsere Spieler in diesem Moment ihr Ziel, gegen viel stärker eingeschätzte Bremer unbedingt gewinnen zu wollen, nicht mehr ganz so energisch verfolgen zu müssen meinten, kann man irgendwie nachvollziehen. Und die lange Saison steckt allen Mannschaften in den Knochen, auch unserer, trotz der scheinbaren Leichtigkeit, mit der sie oft spielt.

Was am Ende bleibt, ist mithin kein glanzvoll verbessertes Torverhältnis, sondern der erste Sieg im Weserstadion, in der ersten halben Stunde von einer interessanten taktischen Abweichung getragen. Anders als sonst spielte die TSG zunächst mit einer Viererabwehr, Vogt besetzte Rudys Position auf der Sechs, der seinerseits mit Demirbay auf der Doppelacht das Offensivspiel ankurbelte, während vorn Szalai, Uth und Kramaric ein stark besetztes Sturmtrio bildeten. Sämtliche Bremer Pläne für das Spiel wurden durch diese taktische Maßnahme von Julian Nagelsmann außer Kraft gesetzt.

Als die Partie dann ab der 60. Minute für die Bremen besser lief und ihr erstes Tor fiel, kam erst Toljan für Süle, der gelb-rot gefährdet war und sein Abschiedsspiel gegen Augsburg zu verpassen drohte. Außerdem durften kurz darauf Amiri für Uth und Wagner für Szalai auflaufen – und alle drei Einwechslungen verfehlten ihren Zweck, das Gefüge der Mannschaft zu stärken und neue Impulse nach vorn auszulösen. Werder bestimmte weiter das Spiel und kam in den Schlussminuten zu zwei weiteren Treffern, die noch richtig wehtun können.

Aber was soll’s, wir haben eine Stunde lang großartigen Fußball unserer immer noch unerfahrenen, jungen Mannschaft gesehen! Es war zum Augenreiben schön, wie der Ball schnell nach vorn getragen wurde, wie effizient Vogt die Laufwege von Gnabry und Kruse störte, wie Bremen verzweifelte und Hoffenheim triumphierte! Und wer weiß, ob Bremen den verunsicherten Dortmundern kommenden Samstag nicht Paroli bieten kann, so dass wir am Ende doch noch den dritten Platz auf der Abschlusstabelle belegen. Dazu müssen wir allerdings auch erstmal die Augsburger besiegen, nicht zu vergessen, die noch in Gefahr sind, auf den Relegationsplatz abzurutschen und sich massiv wehren werden… Es bleibt spannend in dieser spannenden Saison, bis zum letzten Augenblick!

Deine Meinung zum Artikel: