Im Land des Nebelhorns

Wenn im Weserstadion ein Tor für die Heimmannschaft fällt, tutet ein Nebelhorn. Abgesehen davon, dass der langgezogene Ton nicht zum Mitsingen einlädt, handelt es sich um eine der sympathischsten Torhymnen der Liga. Und erst recht abgesehen davon, wie angenehm man dies Getute im Prinzip findet, möchten wir es jedenfalls am Samstag nicht hören – und falls doch, dann einmal weniger, als wir selber ins Bremer Tor treffen.

Dort steht übrigens Felix Wiedwald. Was hat sich der junge Kerl alles anhören müssen, nachdem er vor geraumer Zeit, wie man zugeben muss, hier und da tatsächlich nicht die beste Figur im Werdertor abgegeben hatte. Er müsse, sagte bspw. Tim Wiese vor knapp einem Jahr, auch mal unhaltbare Bälle parieren: „Davon zeigt Wiedwald leider viel zu wenige. Vielleicht sieht er deshalb so aus, als ob ihm seine Oma eine Milchschnitte eingepackt hat.“

Über Fragen des Aussehens zu diskutieren, war vielleicht nicht sehr klug vom ehemaligen Werder-und verhinderten Hoffenheim-Keeper, schließlich hat sich Tim Wiese in Sachen Körperlichkeit selbst ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt. Und seine Erfolge im anvisierten neuen Sport, dem Wrestling, sollten sich ebenfalls als durchaus überschaubar gestalten. Aber so wie Wiese als einer der besten ehemaligen Torhüter Deutschlands den Spott nicht verdient hat, den man ihm angedeihen lässt, hatte und hat auch Felix Wiedwald eher Respekt verdient.

In jedem Fall hält er seit Wochen und Monaten richtig gut. Anders wäre die sensationelle Rückrunde, die der SV Werder spielt, auch nicht zu machen gewesen. Lag Bremen in der Hinrunde noch auf dem viertletzten Platz knapp vor dem HSV, findet man Werder in der fiktiven Rückrundentabelle auf Platz 3, knapp vor der TSG, und in der tatsächlichen Tabelle auf Platz 8 – während der HSV weiter tief im Tabellenkeller unterwegs ist.

Wenn man gemein wäre, würde man sagen: Bremen hat, als ein neuer Trainer anstand, anders als der HSV nicht Gisdol, sondern Nouri verpflichtet, jenen Jahrgangskollegen in der Trainerausbildung von Julian Nagelsmann, der die Bremer Fischköppe seither ähnlich verzückt wie Nagelsmann die Nordbadener Weinliebhaber. Jenseits aller Späße muss man aber sagen, dass Alexander Nouri eben einer jener jungen, unverbrauchten Trainer ist, die im Augenblick für Furore im deutschen Fußball sorgen. Neben Nouri und Nagelsmann sind da auch noch die mega-erfolgreichen Kollegen Wolf in Stuttgart und Tedesco in Aue.

Dabei stand Nouri nach anfänglich bescheidenen Erfolgen eine Handbreit vor dem Aus! Wie gut, dass Bremen an ihm festgehalten hat. In der besagten Rückrundentabelle weist Werder ein sagenhaftes Torverhältnis von 34:19 aus – es hat also ziemlich oft getutet im Weserstadion! Für Hoffenheim folgt daraus, dass man sehr auf der Hut sein muss. Bremen steht kurz davor, wieder an alte Glanzzeiten anzuknüpfen, besonders die Offensive wartet mit viel Qualität auf.

Was die Partie besonders interessant macht: Bremen wie Hoffenheim haben ihr letztes Spiel verloren, Bremen allerdings ohne Zutun des Schiedsrichtergespanns. Köln ging gegen Werder mit 2:0 in Führung, aber Werder kam zurück. Köln erhöhte zur Pause auf 3:2, erhöhte danach wieder auf einen Zwei-Tore-Vorsprung, Werder verkürzte nach ungefähr einer Stunde Spielzeit auf 4:3, ohne danach noch einmal heranzukommen. Und was besagt dieser Verlauf der Partie? Dass Bremen sehr an sich glaubt, folglich nie aufgibt und bei hohem spielerischem Potential enorm torgefährlich ist.

Mehr muss man nicht wissen vor der Partie, um einschätzen zu können, was Werder aufbieten wird, um nach einer desolaten Hinrunde zum Saisonende doch noch auf einem zwischenzeitlich nur von Verrückten noch für machbar gehaltenen Euro-League-Platz zu landen. Unsere Mannschaft wiederum muss sich vom Nackenschlag des völlig verpfiffenen Spiels in Dortmund erholen, wo sie das bessere Team war, aber gegen die Umstände keine Chance hatte. Die spielerische Überlegenheit, die sie in Dortmund bewies, wird aber auch in Bremen Gewicht haben. Und sie wird von über 1.000 TSG-Fans begleitet werden.

Es ist somit alles angerichtet für das letzte Auswärtsspiel der Saison! Vielleicht sogar für ein Remake der ersten, legendären Begegnung beider Mannschaften im TSG-Aufstiegsjahr 2008, die damals ein unvergessliches Offensivspektakel boten mit fünf Toren für Bremen und vier für Hoffenheim – nur diesmal umgekehrt! Also, auf geht’s Hoffe, kämpfen und siegen!

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Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto (http://www.kraichgaufoto.de/)

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Alexander H. Gusovius