Grotesker Beweis für den Videobeweis

Ein eindringlicheres Plädoyer für die Einführung des Videobeweises kann es nicht geben. Was Schiri Brych am Samstag in Dortmund ge- bzw. verpfiffen hat, ist kaum zu fassen. Dabei war immer wieder zu hören, dass er extra als einer der fähigsten deutschen Schiedsrichter ins Rennen geschickt worden war – und was für ein feiner Charakter dieser Dr. Brych im Übrigen sei.

An letzterem wollen wir überhaupt nicht zweifeln. Nur was hilft der Hinweis, wenn seine Taten auf dem Platz so gar nicht zur Realität passen. Ein aus groteskem Abseits erzieltes Tor zu geben, einen grotesk widersinnigen Elfer zu pfeifen, groteskes Trikotzerren im Strafraum strafunwürdig zu finden plus weitere groteske Abseitsentscheidungen zu treffen, alles zu unseren Ungunsten: das muss man erstmal hinkriegen. Und Dr. Brych hat gegen uns schon einmal grotesk fehlentschieden, damals, bei Kießlings legendärem Phantomtor. Und seine internationalen Auftritte sind auch nicht so großartig, wie man uns glauben machen will.

Warum gibt es angesichts der Tragweite solcher Fehlentscheidungen den Videobeweis noch nicht? Weil man sich im Fußball und auch sonst in Deutschland schwer damit tut, technische Möglichkeiten optimistisch anzugehen und sich ihnen anzuvertrauen – die Versorgung mit schnellem Internet und staufreien Autobahnen lässt grüßen! Dr. Brych und, nicht zu vergessen, sein Team hatten folglich Tatsachenentscheidungen zu treffen, egal wie falsch sie sein würden, und konnten so Hoffenheim möglicherweise um ca. 30 Mio. € Champions-League-Einnahmen bringen – falls wir den vierten Platz bis zum Saisonende behalten sollten und in der Champions-League-Quali nicht bestehen.

Da fällt es schwer, mit den Schultern zu zucken und sich zu sagen: was soll’s, passiert halt mal! In diesem Fall schwerster Benachteiligung zählt auch das Argument nicht, schließlich hätte man die Partie trotzdem gewinnen können. Denn in einer so engen Begegnung auf derart engem Leistungshintergrund kann schon eine einzige Fehlentscheidung des Schiedsrichterteams ein Spiel entscheiden. Bei der erwiesenen Vielzahl von Fehlern wird’s endgültig schwer. Dann erleiden viele, die ihr Bestes geben, schwerwiegende Nachteile, weil ein paar wenige einen rabenschwarzen Tag erwischten. Und deshalb muss der Videobeweis, so schnell es geht, eingeführt werden. Schluss mit der ewig langen Probezeit! Erst bei der einschneidend geringeren Fehlerquote des Videobeweises kann man wieder lustig diskutieren und sich sagen, so ist halt der Fußball, mal hat man den Vorteil, mal den Nachteil; und wenn der Schiri einen lausigen Tag erwischt, muss man eben einfach ein Tor mehr schießen!

In Wirklichkeit, also jenseits der gepfiffenen Wirklichkeit, war Hoffenheim die bessere Mannschaft. Nur dass wir uns von den fortgesetzten Fehlern des Schiri-Teams und der ziemlich ruppigen Gangart der Dortmunder zu Beginn immer mehr aus dem Takt bringen ließen. Dass es trotzdem gelang, den BVB in die Defensive zu drücken und über weite Strecken der Partie klar zu bespielen, war eine sensationelle Leistung. Im letzten Drittel, nahe der Box, verließen uns dann aber der Mut und die Übersicht; etliche fehlerhafte Anspiele oder Laufwege machten das grandiose Aufbauspiel zunichte: wie das so geht, wenn alles schiefläuft, was schieflaufen kann. Julian Nagelsmann zitierte zurecht Murphys Gesetz.

Die ganze Partie hatte darüber hinaus oder deswegen etwas zutiefst Irreales. Es fühlte sich an, als müsste sich unsere Mannschaft gegen höhere Kräfte zur Wehr setzen, als sei die Niederlage höheren Orts längst beschlossen – was natürlich Unsinn ist, aber ein Licht auf die scheinbar unnötigen Fehlpässe in der Offensive oder Wagners viele Abseitsstellungen wirft, die allesamt einem Zustand immer größerer Verkrampfung geschuldet waren. Man kämpft gegen etwas an: Zuerst ist es der Gegner, dann sind es die Umstände und zuletzt, weil nichts regulär zusammengeht, kämpft man förmlich gegen sich selbst.

Die guten Worte des Vorsitzenden Watzke über die TSG und Dietmar Hopp im Vorfeld der Partie waren in der Hitze der Partie auch schnell verpufft. Nicht nur ließen sich Teile der Fans trotz Durchsagen nicht davon abhalten, die üblichen üblen Schmähungen abzusondern, sondern die Durchsagen blieben in der zweiten Halbzeit auch aus. Und die Bank des BVB tat sich unfair hervor, indem Leute aus dem Mitarbeiterstab immer wieder aufsprangen und ständig gelbe Karten für Hoffenheimer Spieler forderten. Ziehen wir trotz allem einen Strich unter die erneut unangenehmen Verhältnisse in Dortmund. Am Ergebnis ist eh nichts mehr zu ändern, nur an der Situation zu Saisonende, falls der BVB nochmal strauchelt. Und dafür sollte man fit sein, körperlich und im Kopf, und sich nicht zu lange an widrigen Umständen abarbeiten, für die man nichts konnte. Also, auf geht’s, Hoffe!

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