Schmähungen + Hassplakate = Gewalt

Die Schmähungen gegen Dietmar Hopp, letzten Freitag in Köln besonders ausdauernd und extra vielstimmig vorgetragen, ziehen Kreise. Die TSG 1899 Hoffenheim hat sich schriftlich an den DFB gewandt und Konsequenzen eingefordert, Jogi Löw hat sich „entsetzt und empört“ zu den Kölner Vorfällen geäußert: „Ich habe es mir nicht vorstellen können, dass so etwas in einem deutschen Stadion passiert“ – und Martin Kind sagte, ebenfalls der BILD-Zeitung: „Es reicht nicht, dass wir Vereine Strafen bekommen, wenn Pyrotechnik abgebrannt wird. Sobald Persönlichkeitsrechte verletzt werden, muss es ebenfalls harte Sanktionen geben. Die Anti-Hopp-Gesänge und -Plakate müssen bestraft werden.“

Deswegen, und weil der DFB-Kontrollausschuss ohnedies zugesagt hatte, Ermittlungen wegen der Vorkommnisse aufzunehmen, liegt der Ball nicht mehr allein bei Dietmar Hopp und der TSG, wie es früher fast durchweg der Fall war. Endlich, muss man sagen, wird ein offizieller Vorgang daraus! Und hoffentlich, denkt man, passiert auch etwas.

Warum eigentlich? Bieten denn Fußballstadien nicht einen gewissen Freiraum, wo es auch mal etwas derber zugehen darf? Ist es denn wirklich eine so bedeutsame Sache, wenn „ein paar Idioten“, wie es gern heißt, die Regeln des Anstands gelegentlich überschreiten? Muss man sich also, wenn man im Fußball unterwegs ist, nicht ein dickes Fell zulegen? Ja und nein!

Ja, weil der Fußball tatsächlich kein Kaffeekränzchen ist. Und weil es nicht weiter schlimm ist, wenn eine Handvoll Leute ihren Frust am Wochenende mal mittels „Scheiße“, „Arschloch“ oder ähnlichem herausbrüllt. Ein dickes Fell schadet mindestens nicht; man ist ohnedies nicht gut beraten, wenn man sich über jeden Unfug aufregt, schon gar nicht bei schlechtem Benehmen: Wer pöbelt, fällt schließlich zuallererst ein Urteil über sich selbst und beweist, dass er für tragfähigere Argumente zu dumm, zu schwach oder zu feige ist.

Nein, weil Freiräume, die es in unserer überregulierten Welt geben muss, maßvoll zu nutzen sind – sonst bedrängt man damit auf erhebliche Weise andere Menschen, die auch ein Recht auf freie Entfaltung haben. Nein, weil es sich im Fall der Schmähungen gegen Dietmar Hopp nicht bloß „um ein paar Idioten“ handelt, die „mal über die Stränge schlagen“, sondern um große Gruppen, von denen gezielt psychische Gewalt ausgeht. Und zum dritten, aber nicht zum letzten Mal nein, weil es bei massiven Grenzüberschreitungen ein so dickes Fell bräuchte, dass darunter jede Menschlichkeit ersticken würde.

Was in Köln passiert ist, war skandalös. Es kann nicht sein, dass Hunderte, wenn nicht Tausende über die gesamte Spielzeit hinweg gröbste Beleidigungen skandieren und Plakate hochgehalten werden, die übelste Hetze betreiben. Und es reicht nicht, wenn sich Kölner Offizielle und auch Kölner Fans davon distanzieren, so ehrenwert das im Einzelnen sein mag. Es hat ja im Stadion sogar Pfiffe der eigenen Fans gegen die Schmähungen gegeben – bewirkt haben sie nichts, eher im Gegenteil.

Und genau das ist das Problem. Die Gruppe derjenigen, die verbal und aktiv Grenzen überschreiten, wird immer größer, immer lauter und immer brutaler. Mit Appellen sind sie nicht mehr zu erreichen, solche Leute fühlen sich von Distanzierung und Ablehnung geradezu bestätigt. Ihre Logik liegt außerhalb zwischenmenschlicher Maßstäbe; es geht hier auch nicht mehr um den Fußball, sondern um die Lust an der eigenen Zügellosigkeit – und um Zerstörung.

Es ist blanker Hass, ein Hass ohne Grund und Boden, der sich da immer mehr Bahn bricht – ob verbal wie jetzt in Köln oder vor wenigen Wochen zusätzlich gewalttätig in Dortmund, als Leipziger Fans, darunter Kinder, physisch angegriffen wurden. Dazu gehört der gefährliche Einsatz von Pyrotechnik wie zuletzt am Wochenende in Hamburg oder das Bewerfen des HSV-Mannschaftsbusses in Bremen vor zehn Tagen.

Das alles ist nicht tolerierbar, was eigentlich jedem klar Denkenden einleuchtet. Warum wird es dann trotzdem immer wieder verharmlost? Die paar Spinner, Idioten, Unbelehrbare, heißt es, würden den Fußball missbrauchen, könnten ihm aber nicht schaden. Diese Sichtweise verkennt aus zwei Gründen, dass die Kurve aggressiven Verhaltens in vielen deutschen Stadien kontinuierlich ansteigt: Zum einen möchte man die Brisanz schlicht nicht wahrhaben, zum anderen will man vermeintliche Herzblut-Fans nicht vergraulen. Dahinter steht ein gefährlicher Irrtum, denn man füttert damit jene extremen Fangruppen, die nur sehr kurzfristig für Stimmung im Stadion sorgen, langfristig aber den Vereinen schweren Schaden zufügen. Die Mehrzahl der Stadionbesucher sind friedliche Bürger und Familien, die bei steigender Aggression und zunehmender Gefahr für Leib und Leben fernbleiben werden.

Man muss das Ganze auch im gesellschaftlichen Kontext sehen. Innenminister Thomas de Maizière hat bspw. gerade die neue polizeiliche Kriminalstatistik vorgelegt und gesagt: „Besorgniserregend ist die Verrohung unserer Gesellschaft und deren Folgen. Die Gewaltkriminalität nimmt zu. Im Land ist etwas ins Rutschen geraten.“ Exakt dagegen richten sich auch Dietmar Hopp und die TSG, wenn sie die Kölner Vorkommnisse nicht durchwinken, sondern Konsequenzen einfordern. Man darf Vereine nicht länger mit Nachsicht behandeln, wenn wachsende Teile ihrer Fans sich radikalisieren und physisch wie psychisch Gewalt ausüben!

Foto: Uwe Grün, Kraichgaufoto

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