Mentale Flaute in Hamburg

Boris Becker hat das Wort ‚mental‘ zwar nicht erfunden, aber in Deutschland salonfähig gemacht. Vor etwa dreißig Jahren übersetzte er sich die im angelsächsischen Raum ähnlich klingende Vokabel eins zu eins ins Deutsche, um zu erklären, warum er an manchen Tagen weit unter Form Tennis spielte und Matches verlor, die er an anderen Tagen locker gewonnen hätte. Er sei mental, äh, einfach nicht so gut drauf gewesen…

Das Wörtchen hat sogleich Karriere gemacht. Als das Bobbele es neben seiner zweiten großen Sport-Innovation, der Beckerfaust, in Deutschland einführte, gingen sozusagen reihum die psychologischen Rollläden hoch. Ein Sonnenstrahl der Erklärung fiel in die dunklen Wohnzimmer der Deutschen, die sich davor eher lustlos oder abgespannt gefühlt hatten, wenn die Arbeit nicht gut von der Hand ging. Mit einem Mal vibrierte ganz Deutschland jedoch von mentalen Umständen, man verstand sich und andere jetzt viel besser, viel anspruchsvoller – es war die Geburt des modernen Deutschseins, das sich nicht mehr über dumpfe Begriffe entlang der Pflichtschiene, sondern entschieden glanzvoller und scheinbar selbstbestimmt über mentale Gegebenheiten definierte.

Der Auftritt der TSG 1899 Hoffenheim in Hamburg war ein später Reflex auf die Ära des Boris Becker, die mentale Schwäche der Mannschaft war nicht zu übersehen. Von der ersten Minute an kaufte der HSV unserer TSG durch extrem hohes Pressing, durch nicht nachlassende Zweikampfbereitschaft und permanente Doppelung der ballführenden Spieler den Schneid ab. Man wartete ungeduldig darauf, dass unsere Mannschaft wie sonst auch dem Gegner irgendwann das eigene Spielsystem überstülpen würde, aber dazu kam es nicht. Bis zum Schlusspfiff, außer ein paar Minuten lang zu Beginn der zweiten Halbzeit, bekam Hoffenheim keinen Zugriff auf die Partie.

Während der HSV von einem steifen NNO-Wind getrieben schien, schaukelte die TSG wie bei Flaute sanft durch die Wellen. Der Bayernfluch hatte unsere Mannschaft heimgesucht! Denn die letzten fünf Mannschaften, die wie zuletzt Hoffenheim gegen die Bayern gewonnen hatten, verloren ihr darauffolgendes Spiel. Der Grund dafür war am Samstagnachmittag nicht in bräsiger Überheblichkeit zu suchen, indem man als Bayernbezwinger den HSV locker von der Platte putzen zu können meinte, sondern in einer körperlichen und eben auch mentalen Ausgelaugtheit.

Der Sieg über die Bayern hatte schlicht zu viele Körner gekostet. Davon waren die Beine und Köpfe der Hoffenheimer Spieler, um eine zweite Legende des Ballsports zu zitieren, wie Flasche leer. Doch gab es auch ein paar mehr ungünstige Umstände. Dazu gehörte vor allem der Wegfall des offensiven Mittelfelds: Amiri saß angeschlagen auf der Bank, Demirbay fehlte ganz: Schwegler und Terrazzino konnten die beiden nicht adäquat ersetzen. Und es fehlten Toljan und Kaderabek, was in der Summe, auch wenn Bicakcic den Job außen rechts ordentlich versah, einen weiteren, entscheidenden Schwund an TSG-Dynamik bedeutete.

Im Weiteren lief Zuber seiner Extraform, mit der er unter der Woche Robben entnervt hatte, weit hinterher, wirkte Rudy komplett leer und konnten auch Vogt und Hübner nicht an ihre gewohnte Form anknüpfen. Allein Süle, Kramaric und Wagner schienen einigermaßen disponiert zu sein, aber im Sturm kamen einfach zu wenige geeignete Bälle an, um etwas daraus zu machen – daran konnte auch Amiri in der zweiten Halbzeit nichts ändern. Hinzu kam die kleinliche Pfeiferei von Schiri Zwayer mit extrem vielen Unterbrechungen, die den Spielfluss, von dem die TSG lebt, komplett versiegen ließ. Das alles spielte dem HSV, der giftiger und gieriger auf die drei Punkte war, in die Karten.

Und was war mit Olli Baumann? Das Führungstor, ein Hamburger Freistoß in die lange Torwartecke, wurde ihm zugeschrieben – aber die exakte Flugbahn des Balls war für ihn so spät zu sehen gewesen, dass er zunächst einen Trippelschritt zum wahrscheinlicheren Einschlagsort links machte, weshalb er dem rechts einschlagenden Ball nur um Millisekunden verzögert hinterherspringen konnte und ihn knapp verfehlte. Ihn traf keine Schuld an diesem Tor – anders als unsere Defensive beim zweiten Hamburger Tor, als sie sich kinderleicht ausspielen ließ.

Julian Nagelsmann, der gar nicht gern verliert, fasste die Niederlage von der richtigen Seite an. Man kann so ein Spiel auch einfach mal verlieren, sagte er sinngemäß. Angesichts der von kaum jemandem erwarteten neun Punkte aus den Spielen gegen Leverkusen, Hertha und die Bayern war der Moment der Schwäche eigentlich auch ganz gut gewählt. Der Abstand zu den Euro-League-Plätzen ist nach wie vor groß, und selbst der BVB, der in München unter die Räder kam, liegt noch hinter uns.

Am Ostersamstag kann der entstandene, kleine Schaden bereits repariert werden – und weil unsere Spieler die Niederlage auch nicht auf die leichte Schulter nahmen, wird die Trainingswoche bis dahin die mentalen Gegebenheiten auch wieder einrichten und Hoffenheim zurück in die Spur bringen.

Deine Meinung zum Artikel: