Die Reifeprüfung

Nach den Siegen über Leverkusen und Berlin, die bemerkenswert abgeklärt über die Bühne gebracht wurden, war die Frage offen, wie sich die TSG schlagen würde, wenn sie es mit einem Kaliber wie den Bayern zu tun bekäme. Die Antwort darauf fiel eindeutig aus: immer noch bemerkenswert abgeklärt.

Münchens Trainer Ancelotti gab nach der Niederlage auf der Pressekonferenz zu, dass seine Bayern von Hoffenheim doch ein bisschen überrascht worden waren. Darin verbarg sich das Eingeständnis, dass sie in München mit genau dieser Abgeklärtheit nicht gerechnet hatten. Und auch Sky-Experte Lothar Matthäus, jüngst als meist-zitierter Fußball-Weiser ausgezeichnet, lag mit seiner taktischen Prognose kräftig daneben. Denn er meinte, dass Hoffenheim die Bayern wie im Hinspiel zu langen, auch hohen Bällen nach vorn zwingen würde – also mit einer klaren Defensiv- und Konterstrategie ins Spiel ginge.

Das gerade Gegenteil war der Fall: Nagelsmann vertraute lieber dem erfolgreichen Ballbesitzspiel der eigenen Mannschaft und überraschte die Bayern nicht nur „ein bisschen“, sondern brachte sie damit von der ersten Minute an heftig in Bedrängnis. Es war schier unglaublich, wie souverän Hoffenheim von Beginn an die Bälle aus der Abwehr heraus spielte, schnell und geschickt im Mittelfeld freie Räume öffnete und vorn mit Kramaric und Amiri alle paar Minuten zu hochkarätigen Chancen kam – während die Bayern nicht wussten, wie ihnen geschah…

Sie waren mit sieben Veränderungen gegenüber dem Augsburg-Spiel angetreten, das sie locker mit 6:0 abgespult hatten. Spieler wie Boateng, Lahm, Ribéry saßen diesmal also auf der Bank, während Müller, Thiago und Neuer gar nicht erst mitgereist waren, teils wegen Verletzungen. Trotzdem trat eine namhafte, mit Stars gespickte Truppe in Sinsheim an, mit Robben, Rafinha, Alonso, Alaba, Martinez und Lewandowski. Nur dass diese wie jede andere Formation der Bayern nicht im Mindesten darauf eingestellt war, dass Hoffenheim nicht ehrfürchtig und auf Sicherheit bedacht ins Spiel gehen würde, sondern selbstbewusst einfach selber das Spiel zu machen beabsichtigte.

Die Rechnung ging, wie gesagt, perfekt auf. Bayern München wirkte komplett desorientiert und fand kein Mittel gegen die schnelle, ballsichere Gangart unserer Mannschaft. Das Problem war nur, dass all die Hochkaräter-Chancen ungenutzt blieben, so dass man befürchten musste, dass die Bayern ihrerseits doch irgendwann wie gewohnt den Ball ins Tor tragen würden. Aber dazu sollte es nicht kommen, denn Hoffenheim agierte auch defensiv extrem souverän: Robben bspw. dürfte in der Nacht von Zuber-Alpträumen heimgesucht worden sein.

Nach gut 20 Minuten belohnte die TSG ihr komplexes, laufintensives Spiel doch noch: Kramaric, der eine Spitzenpartie spielte, zog noch vor dem Strafraum Vollspann ab und ließ Ersatzkeeper Ulreich mit einem Flatterball schlecht aussehen – doch das 1:0 war mehr als verdient. In der Folge nahm Hoffenheim das Tempo etwas zurück, ohne dass die Bayern davon profitieren konnten. Die erste Halbzeit ging darum komplett an die TSG. Ein Lattentreffer quasi aus dem Nichts von Lewandowski kurz vor der Halbzeit zeigte allerdings, womit man in der zweiten Halbzeit rechnen musste.

Beide Teams kehrten unverändert aus der Pause zurück. Und die Bayern hatten sich in der Kabine anscheinend darauf verständigt, systematischer anzugreifen und den ganz klar unterschätzten bzw. falsch eingeschätzten Gegner in echter Bayern-Manier erst einzuschnüren und dann, zur Not auch erst per Bayerndusel in der Nachspielzeit, zu besiegen. Doch daraus wurde nichts, denn unsere Mannschaft ließ sich auch von den immer drückenderen Verhältnissen um den eigenen Strafraum herum, teils auch darin, keineswegs beeindrucken und spielte sich weiterhin, wenn auch nicht mehr sehr oft, frei nach vorn durch.

Je länger das so ging, je frustrierter und gereizter wurden die Bayern. Lewandowski ließ sich zu sogar einigen Nickligkeiten gegen Vogt hinreißen, für die er irgendwann die verdiente gelbe Karte sah. Und der Auftritt der Bayern wurde davon naturgemäß nicht besser, auch nicht, als nach einer Weile Ribéry auflief und ein paar schöne Zick-zack-Hasenläufe zum Besten gab. Zur tiefen Verwunderung der Bayern wollte selbst die legendäre Robbéry-Flügelzange nicht greifen.

Minute um Minute lief von der Uhr, Szalai spielte inzwischen für Wagner, Schwegler und Terrazzino waren für die offenbar angeschlagenen Demirbay und Rudy gekommen. Die Bayern drückten und drückten – aber sie kamen nicht durch. Dann schenkte Schiri Stegemann, der auch sonst viel Mitleid mit den Bayernstars zu haben schien und jeden kleinsten Kontakt mit Freistoßentscheidungen ahndete, ihnen auch noch übertriebene vier Minuten Nachspielzeit – doch die Bayern schafften es immer noch nicht, ein Tor zu erzielen – und wenn sie nahe dran waren, griff Baumann überragend ein.

Nicht erst als der Schlusspfiff ertönte, erhob sich das gesamte Stadion von den Sitzen. Die letzten Minuten hatten die Fans elektrisiert im Stehen verfolgt, danach lag man sich in den Armen und feierte den historischen, weil ersten Sieg über Bayern München. Und doch war der Jubel nicht so ekstatisch, wie er ausfällt, wenn etwas ganz unmöglich Erscheinendes geschafft wurde. Das war erstaunlich, aber erklärbar; einerseits war der Sieg fraglos verdient, anderseits hatte unsere Mannschaft eben nicht das Unmögliche erreicht, sondern schlicht auf Augenhöhe gespielt.

Ja, dieser Sieg war viel mehr als hype-würdig, das spürte jeder im Stadion. Denn er wurde nicht erreicht, indem Hoffenheim über sich hinauswuchs, sondern indem die Mannschaft ihr großes Potential abrief und ihr Können auch gegenüber einer auf dem Papier übermächtigen Truppe ruhig in die Waagschale legte. Es war, mit einem Wort, eine Art Reifeprüfung, die bewies, dass Hoffenheim ganz zurecht auf dem dritten Tabellenplatz thront und es mit jedem Gegner aufnehmen kann!

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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