Dorf schlägt Hauptstadt

Ein paar Skeptiker haben gemutmaßt, Hoffenheim würde aus seinen sonnigen Träumen alsbald erwachen und höchstens drei Punkte aus den drei Partien gegen Leverkusen, Berlin und München holen. Jetzt sind es, nach zwei Spielen, schon sechs. Und Hoffenheim war bis auf wenige Minuten am Anfang, als extrem hoch pressende Berliner den gewohnten Spielaufbau effektiv störten, drückend überlegen, spielte den technisch feineren, taktisch reiferen Fußball und verpasste nur, wie schon des Öfteren, aus der Feldüberlegenheit auch Tore folgen zu lassen.

Trotzdem war Hertha BSC ziemlich gefährlich, weil sich unsere Spieler manchmal übermotivierte Nachlässigkeiten erlaubten, woraufhin der Ball nicht beim eigenen Mann, sondern stracks beim Gegner landete, der sofort in schnelle Konter umschaltete. Süle etwa tat sich zu Beginn der Partie mit einem beachtlichen Fehlpass hervor, der glücklicherweise, trotz minutenlangen Getümmels vor Baumann, folgenlos blieb. Kramaric tat es ihm später nach, mit durchschlagenderen Folgen. Denn der Berliner Konter mündete in einen eklatanten Fehlschuss von Kalou, der leider bei Pekarik ankam – und dessen Gewaltschuss vom rechten Strafraumrand fälschte Kramaric, der zuhilfe geeilt war, auch noch leicht ab. Baumann hatte keine Chance.  

Und so stand es nach 32 Minuten 1:0 für die Hausherren, die es aus eigener Kraft nur sehr selten vors Tor der TSG schafften. Das hielt den Sky-Reporter aber nicht davon ab, fortwährend Berlin im Vorteil zu sehen – und geflissentlich zu übersehen, wie brutal die Herthaner teilweise einstiegen, allen voran Ex-Kollege Ibisevic, der in der 14. Minute sogar Sandro Wagners Zeigefinger auskugeln half, ohne dafür die gelbe Karte zu sehen. Die gab es später bloß wegen Meckerns; insgesamt hätte Vedo da schon oder auch später bei Fouls ohne weiteres gelb-rot verdient gehabt. Es geschieht leider viel zu oft, dass Sky-Reporter Hoffenheim schwach und schwächer reden, entgegen dem klarem Augenschein.

Man hat damit leben gelernt, ärgerlich ist es dennoch; nicht nur die Spieler auf dem Platz, sondern auch die Kommentatoren sollten Vollprofis sein. Natürlich entging dem Spitzen-Reporter nach dem glücklichen Berliner Führungstreffer auch, dass Hoffenheim danach erst richtig aufdrehte – wie ihm offenbar auch nicht bekannt war, dass die TSG nach Gegentreffern ohnehin meist ihren besten Fußball herzeigt. In der 38. Minute kam es infolgedessen im Berliner Strafraum zu einem brisanten Duell zwischen Amiri und Mittelstädt, der den Ball dabei mit der Hand wegdrückte und dafür gelb sah. Fraglos gab es für die regelwidrige Aktion auch einen Strafstoß, den Kramaric, weil er etwas gutzumachen hatte, links unten klar verwandelte.

Damit war die Berliner Führung dahin, die Hertha-Trainer Dardai vor dem Spiel noch als Garant für einen Heimsieg angesehen hatte. Auch er schien nicht zu wissen, dass die TSG ihre komplexe Spielweise nach Rücklagen gern in höchst effiziente Angriffe ummünzt… Umso angenehmer war es dann, den Pausenkommentar von Didi Hamann zu hören, der zu den scharfsinnigsten Beobachtern im Fußball gehört – ähnlich übrigens wie Lothar Matthäus, dem man die fußballerische Scharfsinnigkeit zwar nicht so recht ansieht, der aber fast immer richtig liegt mit seinen Bewertungen und Prognosen. Didi Hamann jedenfalls sah die TSG nach der ersten Halbzeit deutlich im Vorteil und erwartete nichts anderes als einen Auswärtssieg.

Nach dem Wiederanpfiff versuchte Berlin denn auch nur für Momente, das Spiel endlich an sich zu ziehen: dann hatte Hoffenheim die Partie schon wieder im Griff. Toljan unterstrich die TSG-Dominanz mit zwei sehenswerten, aber folgenlosen Fernschüssen, bis in der 58. Minute Mittelstädt wieder auf Amiri traf – und ihn diesmal gelbwürdig von den Beinen holte. Das fand auch der Schiedsrichter und zog, nach der zweiten gelben, unausweichlich auch die rote Karte aus der Tasche. Die entsetzt protestierende, aber völlig zurecht dezimierte Hertha versuchte nun, das schmeichelhafte Remis über die Runden zu bringen, nahm dafür Ibisevic vom Feld, auch um nicht noch einen Spieler gelb-rot zu verlieren, wechselte zudem bald Kalou aus und war offensiv damit weitgehend entkernt, während Hoffenheim Amiri durch Uth ersetzte und nochmals gefährlicher wurde.

Und damit begann das Schaulaufen der TSG, die einen Angriff nach dem andern vors Tor von Jarstein brachte und es mit Kramaric und Demirbay auf insgesamt drei Aluminiumtreffer brachte! Als nur noch eine Viertelstunde zu spielen war, schien die Mauertaktik der neun Berliner Feldspieler jedoch allmählich aufzugehen. Doch hatte nicht allein Kramaric mit seinem Strafstoßtreffer vor der Halbzeit etwas gutzumachen gemacht, sondern es saßen auch Süle noch ein paar schlampige Pässe im Genick, die er gern ungeschehen machen wollte. Und das tat er, und wie! In der 76. Minute kam er im vorderen Mittelfeld an den Ball, zog den Süle-typischen Trab mächtig an und feuerte aus gut 25 Metern ein derartiges Geschoss Richtung Jarstein und final unter den Querbalken, dass der Hertha-Torhüter nicht den Hauch einer Chance hatte.

Auch wenn damit das Spiel so gut wie entschieden war, hielt doch der Hoffenheimer Hunger nach Toren noch an. Wagner, der ein exzellentes Spiel machte, nachdem sein grotesk wegstehender Finger noch auf dem Feld wiedereingerenkt worden war, ging in der 86. Minute links mit dem Ball durch und flankte ebenso scharf wie präzise nach innen, wo Kramaric die Kugel über die Linie drückte und den Endstand von 1:3 besorgte. Bemerkenswert an diesem verdienten Auswärtssieg über die heimstärkste Mannschaft der Liga und den engsten Mitkonkurrenten war, wie ruhig und abgeklärt er errungen wurde – und wie zwei Spieler, eben Süle und Kramaric, die arge Patzer zu verantworten hatten, alles daran setzten, ihre Fehler auszubügeln und darüber zu Matchwinnern wurden. Deutlicher kann sich ein intaktes Mannschaftsgefüge kaum offenbaren! Im Endergebnis liegt die TSG damit acht Punkte vor dem nächsten Mitkonkurrenten um die Champions-Legaue-Plätze und kann die Bayern am Dienstagabend entspannt in Sinsheim empfangen…

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Alexander H. Gusovius