Heimstarker Berliner Dampfer

Und jetzt geht’s zur erstaunlich rüstigen alten Dame nach Berlin, deren Heimbilanz in dieser Saison fast makellos ist. Immerhin führt Hertha BSC die Heimtabelle mit 31 Punkten an, sogar noch vor den Bayern. In unser aller Hauptstadt hat man von 12 Spielen solide 10 gewonnen und nur eines verloren und ein Remis geholt. Das riecht nicht gerade nach Seniorenresidenz…

Doch die Bayern und Dortmund folgen knapp dahinter mit je 30 Punkten und neun Heimsiegen bei drei Unentschieden. Und wer liegt auf Platz 4? Wir natürlich – mit 29 Punkten und 5 Remis, ohne jedoch, wie die andern drei, daheim schon geschlagen worden zu sein. Heißt also: Hertha ist heimstark, ja, hat aber im Olympiastadion auch schon den Kürzeren gezogen, übrigens gegen Bremen… Wir dagegen nehmen nicht nur in der Heim-, sondern auch in der Auswärtstabelle den vierten Platz ein und sind auf fremdem Platz schon dreimal siegreich gewesen, haben siebenmal Remis gespielt und bloß zweimal verloren.

Die alte Dame sollte folglich für Freitagabend ihren dicksten Wintermantel aus dem Schrank kramen. Zwar sind selbst die Bayern im Februar in Berlin nicht über ein Unentschieden hinausgekommen und Dortmund hat dort sogar verloren, aber das muss uns ja nicht davon abhalten, es besser zu machen. Die statistischen Zahlen der bisherigen Saison vermitteln leider nur einen diffusen Eindruck. Da die alte Hertha in der Auswärtstabelle Platz 15 einnimmt, legt sie folglich daheim und auswärts grundsätzlich anderes Make-up auf und kommt im ebenfalls bejahrten, ebenfalls aufgefrischten Olympiastadion wie eine der legendären, kessen Wilmersdorfer Witwen daher, denen man damals wie heute nur schwerlich die Butter von der Stulle kratzt – während sie auswärts eher wie eine übernächtigte Diskothekenschönheit auftritt: ohne Glanz, ohne Glamour, ohne Hüftschwung.

Woher kommt eigentlich dieser seltsame Name: Hertha? Es wird sich dabei um keine vergleichbare Namensgebung handeln wie bei Lokomotive Leipzig oder Turbine Potsdam – außer man möchte sich eine Matrone ähnlich zupackenden Formats als Namenspatronin vorstellen… Die Berliner Zeitung hat im Jahr 2001 Folgendes dazu festgehalten:

„Es war an einem sonnigen Tag im Juli 1892, exakt am 25. Juli: Auf einer Parkbank im Berliner Wedding trafen sich die beiden 16- und 17-jährigen Brüderpaare Fritz und Max Lindner sowie Otto und Willi Lorenz. Die Berliner Jungs beschlossen damals, einen Fußballverein zu gründen. Man suchte lange nach einem Namen und einigte sich schließlich auf Hertha. Fritz Lindner hatte diesen Namen vorgeschlagen. Der war nämlich zuvor mit seinem Vater auf einem schicken Dampfer die Havel entlanggeschippert, und das hatte bei ihm einen großen Eindruck hinterlassen. Dieser Dampfer trug den Namen Hertha, und die Farben der Reederei auf dem Schornstein waren blau und weiß. Das sind noch heute die Vereinsfarben von Hertha BSC.“

Aha, ein Haveldampfer! Gegen solch ein langsames, beharrliches Ungetüm anzuschwimmen, fällt tatsächlich schwer, und es erklärt auch das Erfolgsrezept der aktuellen Berliner Truppe: stark in der Defensive und im defensiven Mittelfeld. Das knappe Torverhältnis von 34:30 drückt genau das aus. Also keine allzu quirligen Angriffe! Kein Öffnen des Rückraums! Viel Gegendruck! Nach Möglichkeit ein Tor mehr erzielen als kassieren! Der Ehrgeiz der alten Dame zielt darauf ab, den Gegner beim gemeinsamen Kaffee erst müde zu schwatzen, dann zu verwirren und zuletzt unbemerkt Salz in den Zuckerstreuer zu tun.

Ein Rezept dagegen wäre, um zum Bild des Haveldampfers zurückzukehren, superschnelle Torpedos abzufeuern und den Dampfer zu versenken. Das wäre die Methode des totalen Konterfußballs Marke Rangnick. Oder man fährt dem etwas behäbigen Dampfer mit  einem schnellen Kreuzer dauernd vorm Bug herum, bis ausreichend Unruhe entstanden ist, um ihn erfolgreich entern zu können. Das wäre die Methode Ballbesitz mit situationsabhängigem, gezielt eingesetztem Umschaltfußball: die ziemlich sicher zu erwartende Hoffenheimer Taktik Marke Nagelsmann.

Dazu könnte unser Trainer im Sturm auch wieder Uth aufbieten, außerdem kehren Kaderabek und Rupp in den Kader zurück. Vermutlich werden Rupp und Uth aber erstmal auf der Bank sitzen, um sie nicht über 90 Minuten zu verheizen – während Demirbay als Maskenmann auflaufen wird, nachdem er sich im Training letzte Woche so etwas wie einen Haarriss an der Nasenwurzel zugezogen hatte. Und da Vogt seine fünfte gelbe Karte abgesessen hat und alle Länderspielreisenden gesund heimgekehrt sind, schöpft Nagelsmann aus dem Vollen.

Die Partie unter Flutlicht wird unter Aufbietung aller Kräfte geführt werden. Nach der Niederlage in Köln muss Hertha BSC alles daran setzen, Hoffenheim nicht noch weiter davonziehen zu lassen, und Hoffenheim möchte den sonnigen Platz in der Spitzengruppe der Liga unbedingt absichern und sich vor der darauffolgenden Partie gegen die Bayern maximal breite Schultern zulegen. Deshalb wird es ein enges Spiel werden, ein extrem spannendes dazu, das wir aber durchaus gewinnen können… Auf geht’s Hoffe, kämpfen und siegen!

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Fotos: Uwe Grün, Kraichgaufoto (http://www.kraichgaufoto.de/)

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Alexander H. Gusovius