Die Rückkehr des Sandro W.

Wie beim letzten Heimspiel gegen Ingolstadt bot Trainer Nagelsmann eine echte Doppelspitze auf, bestehend aus Wagner und Szalai, dazu spielte Kramaric für Amiri. In der defensiven Dreierkette ersetzte Süle in der Mitte den gelbgesperrten Vogt, Bicakcic übernahm souverän Süles Part links, Hübner glänzte wie gewohnt rechts. Und Süles Passquote im neuen Job überstieg, was vielfach Erwähnung fand, sogar Liga-Rekordwerte – wobei er aber wenig Risiko einging: die meisten Pässe liefen doch eher hintenherum…

Insgesamt machte Süle seine Sache trotzdem nicht schlecht, ohne wirklich an Vogts Ruhe, Präsenz und Spieleröffnungsqualität heranreichen zu können. Das zeigte sich vor allem in der ersten Halbzeit, als die Werkself nach der frühen TSG-Drangphase aufreizend problemlos durch freie Räume marschierte und immer wieder bedrohlich an unserem Strafraum auftauchte. Rudy als einzige vorgeschaltete Instanz konnte die offenen Räume allein nicht zulaufen. Aber wenn es ernst wurde, hielt das neu formierte Defensiv-Bollwerk!

Es war eine seltsame erste Halbzeit. Zehn Minuten lang spielte sich Hoffenheims Offensive unablässig durch Leverkusens Defensive, so dass es nur eine Frage der Zeit zu sein schien, bis das erste Tor fallen würde – hüben oder drüben. Denn bekanntlich gehen Mannschaften, die anfangs schwer unter Druck stehen und trotzdem kein Tor kassieren, anschließend gern selber in Führung. Doch auch dazu kam es nicht, weil die vielen Leverkusener Angriffe zuletzt vor Hübners Zweikampfstärke, Süles Klasse und Bicakcics Leidenschaft regelrecht versandeten.

Umgekehrt kam unsere Mannschaft gegen Ende der ersten Halbzeit offensiv wieder stärker auf und hätte durch Szalai und Wagner durchaus punkten können. Vor allem Wagner bewies aufsteigende Form: die Bälle versprangen ihm nicht mehr wie zuvor, er bewegte sich viel und nah am Geschehen und zögerte nicht mehr so lang, wenn er Schussgelegenheiten hatte. Auf der Gegenseite bewies auch Volland aufsteigende Form, aber nur, bis er an Süle geriet, der ihn, zahllose Trainingsmomente im Rücken, förmlich zahnlos machte.

Aus der Pause kamen beide Teams wie verwandelt zurück. Leverkusen hatte nach dem Champions-League-Spiel vom Mittwoch, aber auch wegen Ex-Trainer Schmidts kraftzehrender Auffassung vom Fußball als Pressingmaschinerie, erkennbar nicht mehr genug Körner, um die Räume weiterhin eng genug zu machen. Und Hoffenheim hatte Toljan, der auf der rechten Außenbahn ziemlich gehemmt agierte, durch Rudy und Rudy durch Schwegler ersetzt. Weil beide ihre Aufgabe richtig gut versahen und bald auch Amiri für Szalai eingewechselt wurde, agierte das TSG-Mittelfeld endlich geschlossen. Und weil außerdem Zuber eine Viertelstunde nach dem Wiederanpfiff links außen den Turbo zündete und unwiderstehlich scharf nach innen flankte, konnte Wagner stochernd dafür sorgen, dass der Ball (unter Lenos gnädiger Mithilfe) zum 1:0 über die Torlinie rollte.

Mancher wollte Wagner danach nicht als Torschützen anerkennen. Er selber reklamierte den Treffer sehr wohl für sich, und mit Recht. Denn als echter Torjäger setzte er den entscheidenden Impuls. So viel ist nötig, mehr braucht es nicht. Für die nächsten Spiele ist sein Treffer zudem extrem wichtig, egal wie er im letzten zustande kam. Allein deshalb übrigens gehört er ihm: echte Torjäger leben nunmal von der Magie des Unwahrscheinlichen… Wagner ist zurück, gerade weil und indem er den Ball etwas verquer über die Linie brachte!

Kaum hatte sich Wagner also mit seinem ersten Treffer nach langer Torflaute zurückgemeldet, fiel Leverkusens Kondition noch mehr ab. Die Werkself, die über viel Einzelqualität verfügt, ohne echten Teamspirit zu entwickeln, sackte in sich zusammen und versuchte erst ganz zum Schluss alles, sich doch noch in ein Remis zu retten. Um das hinzubekommen, fehlte es aber deutlich an innerer und äußerer Überzeugung. Unterm Strich ging Hoffenheim darum mit einer eher durchschnittlichen Leistung siegreich durchs Ziel, woran auch ein spät eingewechselter Kießling, der von einer beeindruckenden Kulisse aus Pfiffen über sein unvergessenes Phantomtor begrüßt wurde, nichts zu ändern vermochte.

Die Tabellensituation hat durch die Niederlagen von Leipzig und Berlin an Strahlkraft gewonnen. Fünf Punkte Abstand genießt Hoffenheim jetzt zur unter ihr rangierenden Hertha, die auf dem fünften Platz stagniert, während Leipzig als Zweiter bloß noch vier Punkte weg ist. Damit ist klar, dass die TSG ab jetzt ernsthaft um die europäischen Plätze spielt. Wenn sie so ruhig bleibt wie bisher und ähnlich gelassen wie gegen Leverkusen weiter selbst enge Spiele herunterspult, kann das auch gelingen…

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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