Freiburg-Hoffenheim: Taktik statt Tore

In keinem Spielbericht zum badischen Derby am Samstag fehlte es an klugen Hinweisen auf die zahlreichen taktischen Umstellungen beider Teams – mitten im Spiel. Aber nur der Autor des Akademiker-Fanclubs gab zu, dass ihn die komplexen taktischen Feinzeichnungen eher unberührt gelassen haben:

„Wir sahen keine Umstellungen. Wir sahen einfach ein von Anfang an gutes Spiel unserer Mannschaft. Die Tatsache, dass es nach und nach noch besser wurde, sahen wir mehr der Tatsache geschuldet, dass unsere Jungs besonders in der Defensive und im Spielaufbau eine große Ballsicherheit unter Beweis stellten.“ (http://akademikerfanclub.de/sc-freiburg-vs-1899-hoffenheim-9/)

Ähnlich erging es dem Autor des Hoffenheimblogs. Zwar fiel „uns“ zu Beginn durchaus auf, dass Vogt vor der Abwehr spielte, dann wieder nicht, doch im Getümmel der 44 Beine auf dem Rasen irritierte das bald kaum noch – ein Fußballspiel lebt von viel urwüchsigerer Spannung, die diesmal 90 Minuten lang anhielt und am Ende in ein unbefriedigendes 1:1 mündete. Möglicherweise war allerdings in unserer Mannschaft eine gewisse Irritation durch die mehrfache Umwandlung der defensiven Reihen entstanden, sodass Freiburg in der zweiten Halbzeit einen Foulelfmeter zugesprochen bekam. Denn statt Zuber, der eigentlich links hinten hätte mitlaufen sollen, schulterte Vogt die Aufgabe und senste Niederlechner am Strafraumrand unglücklich um.

Philipp lief an und schoss schlecht, Baumann parierte. Der Ball sprang jedoch dem Schützen erneut vor die Füße, der diesmal besser zielte und traf. Für unsere Mannschaft, die bis dahin den Gegner gut im Griff hatte, ohne selber glasklare Torchancen herausspielen zu können, war das (wie vor einer Woche gegen Ingolstadt, als die Schanzer auf einmal in Führung lagen) ein Erweckungserlebnis. Mit einem Mal löste sich Hoffenheim wieder aus dem taktischen Korsett und ging emotional befreit mit schierem Willen vorne drauf. Und Freiburg nahm die Herausforderung an und löste sich ebenfalls aus dem bisherigen Konzept, das darin bestand, den Hoffenheimer Spielfluss höchst effizient zu unterbinden.

Wie gegen Ingolstadt brauchte es nur wenige Minuten, die gegnerische Festung zu erobern und den Ausgleichstreffer zu erzielen: Kramaric, der von Anfang an spielen durfte und die entscheidende kreative Kraft im Sturm war, dribbelte halblinks aus dem Strafraum heraus, um drei Gegenspieler abzuschütteln, drehte sich und zog ab. Der Ball flog in unwiderstehlicher Ballistik über alle sonst noch im Strafraum befindlichen Angreifer und Verteidiger und auch über Freiburgs Torhüter Schwolow hinweg und schlug rechts oben im Winkel ein – eine Art Robben-Tor von links, sozusagen.

Leider wiederholte sich die Dramaturgie des Ingolstadt-Spiels im Weiteren nicht. Waren die Schanzer noch blind ins vogelwilde Verderben gerannt, indem sie sich die verlorene Führung partout zurückholen wollten, schnürte sich Freiburg sofort wieder ins verordnete taktische Korsett ein und ließ unserer Mannschaft, die ebenfalls wie zuvor spielte, kaum noch eine Chance auf den Siegtreffer. Erneut wurden die Räume zugelaufen, unsere Angreifer gedoppelt und (weitgehend fair!) attackiert. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn in der 76. Minute nicht Kramaric für Szalai ausgewechselt worden wäre, sondern Wagner, der immer noch nicht zur alten Stärke zurückgefunden hatte. Denn dadurch fehlte es jetzt am kreativen Moment, an überraschenden Ideen; außerdem scheinen Szalai und Kramaric, wenn sie gemeinsam auf dem Feld stehen, ziemlich gut zu harmonieren.

Hoffenheim war und blieb trotzdem spielstark und imgrunde permanent überlegen. Trotzdem gelang es nicht, die intelligente und laufwillige Freiburger Defensive noch einmal entscheidend in Not zu bringen. Unterm Strich bleibt die Erkenntnis, dass unsere Mannschaft sich mit defensiven Bollwerken, zumal so klug eingerichteten Bollwerken, schwer tut und nicht aus eigenem Antrieb phasenweise auf „Offensive unplugged“ umzuschalten versteht. Das gelingt erst, wenn der Gegner in Führung liegt und sie ihr Fußballherz einfach in die Hand nimmt. Stück für Stück wird sie aber auch das noch lernen, darf man vermuten, denn auch wenn alle Verantwortlichen zurecht betonten, wie gut man gespielt habe und dass man mit einem Remis in Freiburg durchaus leben könne, hat das magere Unentschieden nach so viel spielerischem Glanz doch sicher niemanden richtig satt gemacht.

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Alexander H. Gusovius