Extrem wichtiger Sieg

Bei der Startaufstellung rieb man sich etwas die Augen: Doppelspitze Wagner/Szalai? Ungewöhnlich, aber verstehbar, wenn die Schanzer per Flanke und Kopfball in Bedrängnis gebracht werden sollten. Nur wer sollte die rechte Seite beackern? Da das letztwöchige Experiment mit Bicakcic nicht geglückt war, würde diesmal… Ja, wer denn? Terrazzino? Oder kehrte Hoffenheim zur Viererkette zurück?

Nichts von alldem: Amiri nahm die wichtige Position des immer noch lädierten Kaderabek ein, sodass Demirbay und Terrazzino auf der Acht spielten. Das Problem dabei war, wie sich bald zeigen sollte, dass Amiri nicht ausdauernd genug rechts blieb, sondern regelmäßig in die Mitte strebte: in sein angestammtes Biotop. Mit der Folge, dass er viel zu selten zu rechten Flankenläufen ansetzen bzw. dorthin auf die Reise geschickt werden konnte.

Doch nicht nur von rechts kam es nicht zur Fütterung der großen Kerle im Sturm durch Flanken. Denn Zuber, linkes Pendant zu Amiri, blieb zwar auf seiner Außenbahn, schaffte es aber selten, die engen Ingolstädter Reihen zu überwinden. Unterm Strich führte das zu einem ganz erheblichen Gedränge im Mittelfeld – genau das, was die Schanzer gewollt hatten. So konnten sie mit ihrem mustergültigen Pressing die Räume erfolgreich verengen und jeden nach vorn strebenden TSG-Spieler fast mühelos doppeln.

Das sah zäh aus – und wurde für die TSG tatsächlich ein zähes Geschäft, indem es nicht gelang, auch nur im Ansatz ausreichend Tempo aufzunehmen, um offensiv Gefahr zu entwickeln. Weil unsere Spieler aber nicht tatenlos bleiben und der Ingolstädter Spielverhinderung mit verschränkten Armen zuschauen konnten, versuchten sie es eben mit Kurzpässen auf engstem Raum – und blieben bei den aufwendigen Ballstafetten spätestens nach dem vierten trickreichen Kontakt stecken. Und das wäre wohl noch ewig so weitergegangen, wenn Rudy nicht in der 17. Minute sein so lang und schmerzlich vermisstes Entscheider-Gen eingeschaltet und aus 30 Metern abgezogen hätte. Der Schuss sah (wie Rudy selbst oft auch) gar nicht so schnell und gefährlich aus, wie er war: mit über 100 km/h schlug er neben dem Innenpfosten ein.

Was daraufhin geschah, hätte niemand vermutet: Ingolstadt spielte einfach weiter wie zuvor. Statt in die Gegenoffensive zu gehen und den Ausgleich zu suchen, verengten die Schanzer stur weiter die Räume – und brachten die Hoffenheimer Spieler damit schier zur Verzweiflung. In der Folge mehrten sich, halb auch aus Verdruss über das anhaltende Nichtspiel, die Konzentrationsschwächen, sodass Ingolstadt im Vorfeld der Halbzeitpause mit einem simplen Einwurf samt Weitergabe quasi aus dem Nichts das 1:1 durch Cohen erzielen konnte. Es sollte der einzige echte Treffer der Schanzer bleiben, doch das wusste man zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht.

Nach der Pause drängte Hoffenheim mit neuer Energie nach vorn, blieb aber wie zuvor ohne echte Durchschlagskraft, auch weil Wagner immer noch seiner Form hinterherlief: kaum eine Ballannahme oder Weitergabe wollte ihm gelingen, und das verbissene Taktieren der Schanzer bewirkte ein Übriges, nämlich in Gestalt des nächsten Tors – und Führungstreffers! Das erzielte zwar Süle in der 60. Minute nach Eckball der Schanzer per Eigentor, aber dazu war es nur gekommen, weil Amiri bei einem etwas genervten, weiten Rückpass auf Baumann so weit daneben gezielt hatte, dass der Ball ins Toraus gegangen war.

Man sah es mit Schrecken: Hoffenheim verbiss sich in der Ingolstädter Taktik und verlor darüber völlig die Nerven und den Faden. Und eine Heimniederlage gegen die Schanzer war das letzte, das sich die Mannschaft durchgehen lassen wollte, was die sichtbare Verbissenheit noch zu vermehren drohte. Wieder war dann Rudy, der allmählich in echte Bayern-Form kommt, der Ursprung des Wendepunktes. Sein Freistoß, knapp zwei Minuten nach der Ingolstädter Führung, flog ideal in die Sturmmitte, wo Szalai den Ball unhaltbar unter die Querlatte wuchtete.

Und das war der Moment, in dem das Spiel kippte, denn Ingolstadt hielt sich auf einmal nicht mehr ans bis dahin so eisern befolgte Konzept, Hoffenheim an der Spielentfaltung zu hindern, sondern wollte den eben noch greifbar nahen Auswärtssieg partout zurückhaben. Die Schanzer ließen sich infolgedessen auf einen wilden Schlagabtausch ein, bei dem sie maximal unvorsichtig wurden – und naturgemäß den Kürzeren zogen. Es regierte jetzt das Tempo der TSG, es war das Spiel der TSG! Eine Viertelstunde lang wogte das Spielgeschehen noch hin und her, dann besorgte der kurz nach der Pause für Terrazzino eingewechselte Kramaric nach Demirbays Vorlage das 3:2. Und kurz darauf schoss Szalai nach schöner Vorlage von Kramaric das 4:2, bis Hübner gegen Spielende sogar noch auf 5:2 erhöhte.

Entfesselte Hoffenheimer sind schwer aufzuhalten, die ganze Mannschaft tat daran mit! Szalai jedoch war zweifelsohne der Mann der Stunde, ihm gelang, was Wagner in der Hinrunde vorgemacht hatte: die vielen Zweifler und Kritiker mundtot zu machen. Dafür hat er lang gebraucht, hat sein Spielverständnis und sein technisches Potential deutlich erhöht und könnte jetzt, sollte Wagner weiter schwächeln, zur ebenso überraschenden wie dringend benötigten Auffrischung in der Sturmmitte werden. Aber vielleicht findet Wagner auch zu sich zurück und die beiden werden zu einer Art Doppel-Hulk im Angriff und zum Schrecken aller noch ausstehenden Gegner!

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

Deine Meinung zum Artikel:
Alexander H. Gusovius