Lilien, nicht Mauerblümchen!

Zur Nervenschonung hätte man sich gewünscht, dass nach 20 bis 25 Minuten wenigstens schon mal das 2:0 gefallen wäre. Denn das Hinspiel mit dem späten Ausgleichstreffer war noch zu frisch in der Erinnerung, und der Sieg von Darmstadt über Dortmund am letzten Wochenende ragte als Mahnung in den aktuellen Spieltag hinein… Aber was geschah wirklich?

Kaum war das Spiel angepfiffen und der Ball ein paar Mal freundlich-verhalten hin und her gespielt, setzte Darmstadt einen Konter, der alles andere als nervenschonend aussah. Baumann musste retten, Süle musste retten, schlug Baumanns Abpraller jedoch kerzengerade in die Luft – sodass der Ball immer noch torgefährlich nah war. Dann erst gelang die Klärung. Was gründlich misslang, war die Schonung der Nerven! Und doch sollte sich die Partie nicht zum Krimi entwickeln, nur konnte man das zu diesem Zeitpunkt nicht wissen…

Auf den heilsamen Schreck hin machte die TSG hinten dicht und agierte fortan defensiv aufmerksam. In den folgenden Minuten gab es auch ein paar gefährliche Angriffszüge zu sehen, dann stand die Darmstädter Abwehr schon sicher und fing mit ihrem engmaschigen Netz, bestehend aus zwei flexibel verschiebenden Ketten, fast alle offensiven Bemühungen der TSG auf. Zu oft wurde nun, weil die Lilien bis an die Seitenlinie hin die Räume verengten, durch die Mitte gespielt – nur war auch da kein Platz bzw. gelang es zu selten, mit überraschenden Aktionen ein paar Steine aus der Defensivmauer zu brechen.

Im Einzelnen: Wagner war nach seiner Rotsperre zurück im Team und wirkte fast noch ein bisschen eingerostet, während Uth verletzt fehlte und Kramaric auf der Bank saß. Terrazzino gab den zweiten Stürmer und suchte beständig nach Lösungen, schien sich aber im Übereifer selber ein bisschen auszubremsen. Im Mittelfeld zogen Amiri und Demirbay die Fäden, die meist im Nirgendwo endeten oder gern auch in der eigenen Abwehr, wo Bicakcic für den gelbgesperrten Hübner auflaufen durfte und gewohnt engagiert zur Sache ging.

Darmstadt kam in der ersten Halbzeit kaum noch gefährlich nach vorn – was erstmal beruhigte. Doch wer konnte wissen, ob und wann Hoffenheim die extrem aufmerksame Lilienabwehr knacken würde und ob, falls das nicht gelang, Darmstadt am Ende einen lucky punch setzen könnte? Nach der Pause kam doppelt Bewegung in die Sache. Zu einen wurden Zuber und Kaderabek jetzt öfter in die Angriffe eingebunden und flankten auch häufiger direkt ins Getümmel in der Mitte, so dass die Darmstädter Abwehrreihen weniger leichtes Spiel hatten. Und zum anderen wurde alsbald nach dem erneuten Anpfiff Kramaric für Demirbay eingewechselt.

Er war der Joker, von denen die TSG offenbar mehr hat als jeder andere Verein. Schon bei der ersten Ballberührung nach Eckstoß hätte Kramaric zum Matchwinner werden können, aber die Kugel rutschte ihm zu flach vom Kopf und verfehlte das Tor deutlich. Kurz drauf erzielte er ein Abseitstor, schoss weitere zwei Mal nicht ungefährlich Richtung Tor – und wiederum kurze Zeit später markierte er tatsächlich das 1:0! Terrazzino, von Kaderabek in Szene gesetzt, spielte einen genialen Blindpass, schaute also anderswohin als dahin, wohin er passte. Kramaric hatte den Trick gerochen und war halbrechts eingelaufen. Ohne lang zu fackeln, versenkte er den Ball flach im langen linken Eck.

Die Nerven waren damit endlich ein bisschen wattiert, aber es stand immer noch nur 1:0. Und noch waren knapp 30 Minuten zu spielen… Doch die Lilien, die insgesamt gut mithielten bzw. mindestens deutlich nicht wie ein glasklarer Absteiger aufspielten, kamen aus der defensiven Ordnung weiterhin eher zaghaft nach vorn, so dass die knappe Führung nie wackelte. Trotzdem wurde das Wattepolster mit jeder dahinrinnenden Minute dünner und dünner. Erst in der Nachspielzeit, die der eine oder andere früher aus dem Stadion gehende Fan nicht erlebte, kam die Erlösung:

Rudy war nach schönem Solo durchs Mittelfeld im Strafraum rüde genug von den Beinen geholt worden, um von Dr. Brych einen Strafstoß zuerkannt zu bekommen. Und Kramaric ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass er sich an diesem Nachmittag für die Hoffenheimer Tore zuständig fühlte. Er lief locker an, chippte den Ball in die Mitte und sorgte mit dem 2:0 dafür, dass die Nerven – zwar nicht wie erhofft zur Mitte der ersten Halbzeit, aber immerhin jetzt – endlich zur Ruhe kamen. Es war ein Sieg der Geduld, der Arbeit und des Spiels über die Flügel.

Hoffenheim liegt damit auf Platz 4 der Tabelle, punktgleich mit dem BVB, der ein etwas besseres Torverhältnis aufweist. Das sieht gut aus und ist auch gut, aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann man noch keine substantiellen Rückschlüsse daraus ziehen. Alles ist möglich, nichts unmöglich, weil die TSG defensiv weiter glänzt, offensiv aber schwankend agiert und da etwas vom Gegner abhängig ist. Die nächsten Gegner, Schalke und Ingolstadt, werden etwas mehr Klarheit darüber bringen, was in dieser Saison drin ist…

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

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Alexander H. Gusovius