Hoffenheim: 4 – Mainz: keins

Der FSV Mainz 05 gehört nicht gerade zu den Lieblingsgegnern der TSG. Zu oft gingen die Spiele verloren. Da hat das Spiel am Samstag allerdings für etwas Ausgleich gesorgt. Gierige Hoffenheimer trafen auf arglose Mainzer – und am Ende hatte unsere Mannschaft wie im Hinspiel vier Tore erzielt.

Der Unterschied: Mainz hatte im Hinspiel ebenfalls viermal getroffen. Das war wohl der Grund dafür, dass Hoffenheim nach dem frühen Führungstreffer erkennbar vorsichtig zur Sache ging – die Mainzer Kontergefährlichkeit steckte aus dem Hinspiel noch in den Köpfen. Es war also nicht Ratlosigkeit oder fehlender Ehrgeiz, der zum eher wirkungslosen Ballbesitz-Fußball der ersten Halbzeit führte, sondern Respekt. Respekt vor einem taktisch gut eingestellten Gegner, der tatsächlich über weite Strecken ebenbürtig schien und jederzeit hätte gefährlich werden können.

Und doch hatte der Führungstreffer ebenfalls Spuren in den Köpfen hinterlassen. Der geniale Pass von Rudy über die letzte Abwehrreihe der Mainzer suchte und fand Uth, der den Ball dynamisch per Brust und etwas Schulter mitnahm und aus zwanzig Metern halblinks volley abzog: Lössl im Mainzer Tor streckte die Hand nach dem links wegdrehenden Ball aus und zog sie zurück, hätte aber gegen den präzisen Gewaltschuss vermutlich sowieso nichts zu halten gehabt, der im oberen Eck einschlug. Das war in der Entwicklung wie in der Ausführung ein derart schöner, überzeugender Vorgang, dass die erste Halbzeit über lange Strecken davon geprägt war, dass unsere Mannschaft doch nicht allein aus Respekt, sondern auch immer schöner und trickreicher, letztlich jedoch weniger überzeugend, aufs gegnerische Tor ging.

Selbst einige Fehlpässe des eigentlich unfehlbaren Kevin Vogt gab es da zu bestaunen, auch von Süle, Demirbay und Rudy – während Hübner sich durch mehrmaliges Retten in letzter Instanz hervortat. Die Mainzer kamen ein paarmal also unverhofft und ohne größeres Zutun in den Genuss von guten Chancen, die sie aber allesamt nicht zu nutzen wussten, auch weil Olli Baumann jederzeit auf der Hut war. In der zweiten Halbzeit wich das rauschhafte, mitunter sogar etwas selbstverliebt-trickreiche Hoffenheimer Pass-Spiel einem entschiedeneren Antritt, der alsbald in die nächste Großchance von Uth mündete: Sein Flachschuss zog leider rechts am Pfosten vorbei.

Gelegentlich fragte man sich, wie die Partie verlaufen würde, wenn Wagner nicht wegen seiner roten Karte in Leipzig hätte aussetzen müssen. Möglich, dass er den spielerischen Ehrgeiz deutlich Richtung Effizienz verschoben hätte. Aber auch ohne Wagner stand eine Elf auf dem Platz, die, gerade auch offensiv, absolut siegfähig war: Kramaric und Uth bildeten ein hochgefährliches, lauffreudiges Duo, das jede Verteidigung der Liga vor Probleme stellen würde. Dennoch stand es viel zu lang immer noch nur 1:0, und es gab weiterhin Einladungen an Mainz, den Ausgleichstreffer zu erzielen.

Möglicherweise liegt hier das größte Entwicklungspotential unserer schon beeindruckend souverän auftretenden Mannschaft. Manchmal erinnert sie in ihrem überlegenen Spielaufbau ja sogar ein bisschen an die Bayern, die es (außer in dieser Saison) wie kaum ein anderer Verein verstehen, einen Gegner auch bei knapper Führung unter Kontrolle zu halten. Nur dass es noch erkennbare Defizite im Ausnutzen struktureller Schwächen des Gegners gibt – und dass unsere doch recht junge Mannschaft eben manchmal dazu neigt, den Ball mittels einer Überzahl von auserlesenen Kurzpässen regelrecht ins Tor tragen zu wollen, was erwartbar selten gelingt und auch den umgekehrten Effekt haben kann, wenn es den Gegner zurück ins Spiel bringt.

Ab der 70. Minute kam dann jedoch Szalai für Kramaric, kurz darauf durfte auch Terrazzino, der lang darauf hatte warten müssen, für Uth sein Glück versuchen. Angesichts der knappen Führung war das eine mutige, aber, wie sich bald herausstellen sollte, auch eine großartige Entscheidung von Trainer Nagelsmann – denn genau diese beiden Spieler machten jetzt, in kurzer Abfolge, den Unterschied. Erst stieg Terrazzino nach Demirbays Lattenkracher-Freistoß, der hoch absprang und nah am Tor zurückfiel, am höchsten auf und nickte den Ball über die Linie, dann bereitete Terrazzino Szalais ersten Treffer vor, ehe Amiri mit einem Schlenzer in der Nachspielzeit die Vorlage für Szalais nächsten Treffer per Kopf zum 4:0-Endstand gab. Der unverstellte, überschwängliche Torjubel der gesamten Mannschaft (eingeschlossen Trainer und Torhüter) bei Terrazzinos und Szalais Treffern bewies eindrucksvoll, wie gut der Zusammenhalt der Mannschaft ist. Von allen Ecken des Platzes sprinteten die Hoffenheimer Spieler herbei und warfen sich in Trauben übereinander.

Die ca. 25.000 Heimfans mussten, weil die Torhymne nach Uths frühem Tor-des-Monats-Treffer recht spät und ungewohnt dünn-blechern eingesetzt hatte, lange warten, bis sie wussten, dass die stimmungsvolle, im Ursprung keltisch-bretonische Melodie nicht neu arrangiert worden war – dass es hier also zu keiner Verschlimmbesserung durch die Stadionregie gekommen war, sondern bloß ein technisches Versehen vorgelegen hatte. In der langen Zwischenzeit, als die Führung über 75 Minuten hinweg knapp Bestand hatte, kam die großartige Choreographie der Fans voll zur Geltung: „Die Festung verteidigen“ stand da unter einer gemalten Burganlage, von Dutzenden hochgehaltenen, weißen Schilden mit blauem Kreuz garniert (Video dazu: http://akademikerfanclub.de/1899-hoffenheim-vs-1-fsv-mainz-05-4/).

Am Ende waren alle außer den Mainzern glücklich und zufrieden. Das Hoffenheimer Torverhältnis hatte einen schönen Sprung nach vorn getan, der Anschluss an die Spitzengruppe wurde gehalten, die Niederlage in Leipzig war ausgemerzt. So kann es gern weitergehen!

Fotos: Kraichgaufoto, Uwe Grün

Deine Meinung zum Artikel:
Alexander H. Gusovius